„Israels Haltung zum Völkermord bleibt unverändert“

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Wie kein anderer Israeli kämpft der Historiker Yair Auron seit 30 Jahren für die israelische Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern.

Der 70-Jährige konnte durch seine Publikationen viele Israelis mit dieser Tragödie konfrontieren und auch bei den israelischen Politikern an diesem 100. Jahrestag des Genozids bescheidene Erfolge verbuchen, nicht aber eine Anerkennung des Völkermordes. Auron ist überzeugt, dass diejenigen, die angesichts eines Völkermordes schweigen, dadurch die Mörder unterstützen. Igal Avidan hat mit Yair Auron gesprochen.

„In Werfels Musa Dagh finden sich viele jüdische Elemente, und dieses Buch hat die jüdischen Kämpfer im Ghetto Białystok beeinflusst.“

WINA: Woher stammt Ihr Interesse für den Völkermord an den Armeniern?

Yair Auron: Ich erfuhr 1986, dass der US-Kongress über die Anerkennung des Völkermordes an den Armeniern debattieren sollte, und wurde neugierig. Denn nicht nur die Türkei, sondern auch Israel und die pro-israelische Lobby AIPAC kämpften gegen eine solche Resolution. So begann ich, über den jüdisch-israelischen Bezug zum armenischen Genozid zu forschen.

Wurden Sie aus diesem Grund von der Türkei boykottiert?

❙ 2006 lud mich die Universität in Istanbul zu einer internationalen Tagung ein. Damals wollte die Türkei der EU beitreten. Meine armenischen Freunde rieten mir, die Einladung abzulehnen, denn die Türken würden mich für ihre Propaganda missbrauchen. Ich reichte dennoch den Veranstaltern eine Kurzfassung meines Vortrags mit dem Titel Zeugenaussage aus Palästina über den Völkermord an den Armeniern ein. Da ich lange keine Antwort erhielt, setzte ich ein Ultimatum. Am nächsten Tag bekam ich das Tagungsprogramm: Ich sollte direkt nach dem türkischen Außenminister sprechen. In seiner Anwesenheit rief ich die Türkei dazu auf, das armenische Genozid anzuerkennen, denn jedes Land muss mit den „dunklen Flecken“ der eigenen Vergangenheit konfrontiert werden, und nur so könnte die Türkei demokratisch werden.

Wie haben die Zuhörer reagiert?

❙ Im Raum herrschte absolute Stille, und obwohl nach mir zwei andere Referenten sprachen, wurden alle Fragen an mich gerichtet. Die Reaktionen der Anwesenden waren extrem bösartig: Ich hätte gar kein Recht, vom Genozid zu sprechen, meine Fakten seien falsch, ich hätte gar keine Ahnung vom Thema.

Der armenische Historiker Ashot Melkonyan sagte, die Türken kämen in eine schwierige Lage, wenn sie den Völkermord anerkennen würden. Denn das könnte zu territorialen Streitigkeiten mit Armenien führen, bei denen es um mehrere hundert Milliarden Dollar geht. Und was wäre, wenn die Armenier das Rückkehrrecht ihrer Flüchtlinge in ihre anatolische Heimat fordern würden?

❙ Ich traf vor einem Monat den armenischen Präsidenten, und ich weiß daher, dass Armenien nur eine Anerkennung und keinerlei Entschädigung fordert. Manche armenische Kreise in der Diaspora kritisieren diese Haltung als zu nachgiebig. Ich glaube, dass es der armenischen Regierung genügen würde, wenn die Türkei dies anerkennt und die Grenzen zu Armenien öffnet. Die Forderung nach einer Rückkehr, die manche Extremisten stellen, ist unrealistisch, wenn auch nicht ungerecht.

In Ihrem Buch „Die Banalität der Gleichgültigkeit“ kritisieren Sie die Haltung der Zionisten zum Völkermord an den Armeniern, die kaum Empathie und Hilfsbereitschaft für die Armenier aufbrachten. Aber welche Möglichkeiten hatte die kleine und bedürftige jüdische Gemeinschaft in Palästina damals?

❙ Die 85.000 Juden, die 1915 in Palästina lebten, die Hälfte von ihnen Zionisten, hatten tatsächlich nur sehr begrenzte Möglichkeiten, den Armeniern zu helfen. Sie lebten unter der osmanischen Herrschaft. Die Osmanen vertrieben bei Kriegsbeginn einige der zionistischen Anführer, die sie für Rebellen hielten, nach Ägypten, auch David Ben Gurion. Die meisten von ihnen waren jedoch pro-türkisch und pro-deutsch, weil sie glaubten, die Existenz der Juden in Palästina hinge von diesen beiden Mächten ab. Die Juden wussten über das Schicksal der Armenier durch die jüdische Presse. Aber sie schwiegen, weil sie ein ähnliches Schicksal wie das der Armenier fürchteten. Allein die kleine jüdische Untergrundbewegung Nili, die im Krieg für die Briten gegen die Osmanen spionierte, setzte sich für die Armenier ein und wurde daher als Verräter beschimpft. (Der Anführer der Gruppe, Aharon Aharonsohn, verfasste für das britische Kriegsministerium 1916 unter dem Titel Pro Armenia einen Bericht über das Massaker, der ein Meisterwerk ist.)

In Ihren Büchern berichten Sie ausführlich über die Haltung Israels zum Völkermord an den Armeniern, die sie als unmoralisch kritisieren. Sie wünschen sich, dass der jüdische Staat, der „aus der Asche der Schoa entstand“, grundsätzlich Solidarität mit Völkern demonstriert, die Opfer eines Genozids waren. Anlässlich des 100. Jahrestags lud immerhin Israels Präsident Reuven Rivlin zum ersten Mal die armenische Gemeinde in seinen Amtssitz in Jerusalem ein. Ein Durchbruch?

❙ Es freut mich sehr, dass Präsident Rivlin diese Geste zeigte, sie ist wichtig, aber ändert fast nichts, denn er vermied zugleich das Wort „Völkermord“ und Israels Haltung blieb unverändert. Das israelische Parlament entsandte zwei Abgeordnete zu den Gedenkveranstaltungen nach Armenien. Wann werden wir es erleben, dass bei einer Gedenkveranstaltung am Holocausttag andere Genozide zumindest mit einem Satz erwähnt werden?

Was mich bei den diesjährigen Gedenkveranstaltungen in Armenien am meisten bewegte, war deren universeller Charakter. Sie begannen mit einem zweitägigen internationalen Symposium zum Thema Völkermorde künftig verhindern, das vom armenischen Staatspräsidenten und vom Premierminister eröffnet wurde. Die Heldin der Trauerkundgebungen war ein Tutsi-Mädchen. Sie kam auf die Bühne gleich nach den Präsidenten Putin und Hollande.

Woran liegt die israelische Zurückhaltung?

❙ Aus Rücksicht auf den Partner Türkei. In den letzten Jahren will die israelische Regierung auch Aserbaidschan nicht ärgern, das sich mit Armenien im Krieg befindet. Mit diesem muslimischen Land hat Israel sehr enge Beziehungen: Es liefert die meisten Waffen und erhält dafür Erdöl.

Sehen Sie Fortschritte bei den Israelis selbst zu diesem Thema?

❙ Die meisten Israelis wissen immerhin von dem armenischen Genozid, anders als vor 30 Jahren, weil die israelischen Medien darüber berichten. Die Älteren sind damit vertraut, weil sie Franz Werfels Roman Die 40 Tage des Musa Dagh gelesen haben. Die meisten Israelis unterstützen laut Umfrage die Anerkennung des Völkermordes. Ich unterrichte als einziger Israeli einen Kurs über Genozid.

Trennt die Schoa die Juden von den Armeniern oder verbindet sie sie?

❙ Sie verbindet beide Völker, die schon vor dem Genozid viele Ähnlichkeiten hatten: Die Juden und die Armenier sind sowohl ethnische als auch religiöse Gruppen. Beide überleben inmitten einer feindlichen muslimischen Umgebung. In Werfels Musa Dagh finden sich viele jüdische Elemente, und dieses Buch hat die jüdischen Kämpfer im Ghetto Białystok beeinflusst, die sagten, das Ghetto soll ihr jüdischer „Musa Dagh“ werden (der „Mosesberg“ im Süden der Türkei, wo sich 1915 die umzingelten armenischen Kämpfer verschanzten, I. A.). Der einzige Unterschied ist, dass die Armenier in ihrem Land ermordet wurden, wir aber im Exil. Die Armenier fühlen sich den Juden sehr nah, und es ist schade, dass das offizielle Israel sie ablehnt.

Yair Auron,
israelischer Historiker und Experte für die Schoa und Genozid-Studien. Auron promovierte an der Pariser Sorbonne über die jüdische Jugendbewegung in Frankreich. Der Professor an der Open University of Israel unterrichtet als einziger Israeli über das Thema Genozid und klärt über den armenischen Genozid auf. Er verfasste Bücher über die radikalen Juden in Frankreich der 1960er- und 70er-Jahre, jüdisch-israelische Identität und die Haltung der Juden in Israel zum Völkermord an den Armeniern.

Bild: Yair Auron (re.) mit Armeniens Präsident Sersch Sargs, Jänner 2014. © Archiv

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