Israels russische Renaissance

Junge russische Israelis kehren zurück zu ihren Wurzeln. Mit Novy God kommt die Sehnsucht nach Schnee. Von Iris Lanchiano

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25 Jahre nach der letzten großen russischen Alija findet ein kulturelles Revival in Israel statt. Novy God, das russische Neujahrsfest, ist der wichtigste Feiertag im Kalender der ehemaligen Sowjetunion. Dabei geht es hier um viel mehr als Bleigießen, Feuerwerk und eine Flasche Sekt. Wer also glaube, Novy God sei einfach das „russische Silvester“, liegt falsch. Hier geht es um die Familie.

„Eines der Elemente von Novy God ist unsere Yolka“, erklärt mir meine Freundin Larissa, die mit vier Jahren aus Moldawien nach Israel kam. Yolka ist der Tannenbaum, der ähnlich wie ein Weihnachtsbaum geschmückt wird. „Als Kind war es mir sehr unangenehm, anderen von unserer Yolka zu erzählen. Israelis hätten nicht verstanden, warum wir so einen Baum zu Hause haben. Für sie ist das etwas Fremdes, etwas Goyisches, womit viele keine Berührungspunkte haben.“ Tatsache ist, dass die Neujahrstanne eines der wichtigsten Momente von Novy God ist. „Auch über Geschenke darf sich am Novy God gefreut werden. Die werden nach russischer Tradition von Ded Maroz (Väterchen Frost) und seiner Enkelin Sneguratschka (Schneeflöckchen) gebracht“, erzählt Larissa.

mtSobald die Yolka steht, rückt der wichtigste Bestandteil jedes Feiertages ins Zentrum des Geschehens: das Essen. Und an diesem darf eines nicht fehlen: Schuba. Wörtlich übersetzt heißt es Pelzmantel und ist ein in Schichten zubereiteter pinker Salat. Zubereitet aus Roter Bete, Kartoffeln, Matjes, Zwiebeln, Karotten, viel Liebe und noch mehr Mayonnaise. Gefüllte Eier mit Kaviar, Salat Olivié, Champagner und Wodka dürfen natürlich auch nicht fehlen. „Novy God ist ein Feiertag der Familie, Mitternacht verbringt man mit seinen Engsten“, erklärt mir Sonia, die mit acht Jahren aus dem Kaukasus, aus Machatschkala, nach Israel eingewandert ist. In Jerusalem aufgewachsen, war es für sie sehr schwer, sich in Israel heimisch zu fühlen, auch deswegen ist ihr die Tradition von Novy God so wichtig. „Es sind die Nostalgie und die Geschichten von damals“, schwärmt sie. Gemeinsam werden die Konzerte der russischen Superstars im Fernsehen angeschaut, und auch die Rede des Präsidenten ist Pflichtprogramm, „egal, wie man zu ihm stehen mag“, zwinkert Sonia. „Der Alltag in Russland konnte mitunter sehr hart sein, sei es im Kampf gegen das Wetter, soziale Ungerechtigkeit oder Bürokratie. Dies wurde am Novy God vergessen und alle haben ausgelassen gefeiert. Hier in Israel stimmt zumindest das Wetter, aber ich träume vom Schnee“, so Sonia.

Die Einwanderer aus der ehemaligen Sowjetunion machen heute in Israel über 20 % der Bevölkerung aus. Viele junge Israelis, die zwar noch in der ehemaligen Sow­jetunion geboren wurden, aber schon im Kindesalter nach Israel ausgewandert sind, stecken in der Identitätskrise. Alex Rif und Beri Rozenberg haben das Projekt Israeli Novy God ins Leben gerufen. Beiden geht es darum, Israelis zu einer neuen Erfahrung zu verhelfen. Bei einem echten russischen Novy God dabei zu sein und einen Hauch von Nostalgie in Israel zu spüren. Ihr Bemühen ist es, die traditionell-säkulare, familienfreundliche Feier den Israelis vorzustellen. Eine Online-Plattform macht klassische Rezepte, Lieder, Geschichten und Fotos für alle zugänglich und bietet die Möglichkeit, auf eine Novy God-Feier eingeladen zu werden oder selbst Gastgeber zu sein.

Von jedem Gast am Tisch wird ein Toast zum neuen Jahr ausgesprochen. Und da können die Russen schon ganz schön kreativ sein. Ob ein Zitat von Gogol oder Dostojewski, eine witzige Anekdote oder eine russische Lebensweisheit – sie alle enden dann mit dem einen Wort: Nastrowje!

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