
WINA: „Die Welt ist völlig aus den Fugen. Hat jede moralische Instanz verloren“, haben Sie diesen September auf Ihrer Facebook- Seite geschrieben. In dem Eintrag, der sich mit den Genozid- Vorwürfen gegen Israel befasste, zitierten Sie eine andere Facebook-Userin, die formuliert hatte: „Wie kann es sein, dass man das Gespür für richtig und falsch so dermaßen verloren hat.“ Genau dieses Gefühl begleitet Juden und Jüdinnen nun seit mittlerweile mehr als zwei Jahren. Man wundert sich gleichzeitig, dass das nicht allgemein so gesehen wird. Wie konnte es Ihrer Ansicht nach zu so einer verzerrten Wahrnehmung kommen?
Marcel Mohab: Diese Frage stelle ich mir auch – und das eigentlich von Anfang an. Schon kurz nach dem 7. Oktober hat die Journalistin Beatrice Frasl einen guten Artikel in der Wiener Zeitung geschrieben, der massenhaft geteilt wurde und in dem sie sich darüber äußert, dass einerseits in Berlin in der Sonnenallee noch am selben Tag aus Freude über dieses Pogrom Zuckerln verteilt wurden und andererseits die Reaktionen durchaus taub demgegenüber waren, was da passiert ist.
Dieser Artikel erschien noch im Oktober 2023, Frasl sprach darin von einem „Zivilisationsbruch“ und stellte die Frage: „Was soll man sagen, wenn Menschen, die sich selbst als ‚progressiv‘ oder als ‚links‘ bezeichnen, das Massaker der Hamas in Israel nicht verurteilen, sondern gutheißen?“
I Genau. Sie hat in diesem Beitrag alles auf den Punkt gebracht, was zu diesem Zeitpunkt in mir noch halb diffus, halb fertig gedacht als Meinung heranreifte. Ich dachte damals: Genau dieser Schock – das ist es, was wir teilen. Den Schock über die Teilnahmslosigkeit unserer Gesellschaft angesichts des schlimmsten Massakers an Jüdinnen und Juden seit dem Holocaust. Und ebenso den Schock über die freudentaumelnden, Süßigkeiten verteilenden Menschen – von der Sonnenallee bis zum Trafalgar Square.
Nicht, dass keine Artikel über das Massaker geschrieben wurden, zuhauf gab es die. Was ich meine, ist diese seltsame Mischung aus Verweigerung von Anteilnahme und Hinterrücksrechtfertigung in der Gesellschaft. Ich muss ja zugeben: Ich habe mich davor nicht groß mit dem so genannten Nahostkonflikt auseinandergesetzt. Eigentlich gehörte ich zu jenen, die dem Narrativ anhingen, die Palästinenser werden unterdrückt und wenn auf der einen Seite zwei Israelis sterben, dann sterben auf der anderen Seite gleich zehn Palästinenser.
Wie haben Sie den 7. Oktober 2023 erlebt? Können Sie sich noch erinnern, was an diesem Tag in Ihnen vorging?
I Als ich von dem Massaker erfahren habe, war mein erster Gedanke: Es wäre gut, wenn die Israelis jetzt nichts tun würden – wenn sie einfach verzeihen könnten. So irgendwie habe ich mir das vorgestellt. Ein anderer Gedanke – aus heutiger Sicht ein äußerst fragwürdiger – war: Wie furchtbar muss die Unterdrückung der Palästinenser im Gazastreifen sein, wenn Menschen zu solchen Taten fähig sind? Ich vermute, dass viele ähnlich dachten. Es schien ein fast logischer Schluss: Man sah in der Barbarei der Hamas einen Beleg für die Härte der israelischen Politik, denn anders, so glaubte man, ließe sich so etwas kaum erklären. Das ist natürlich falsch, denn genauso funktioniert das antisemitische Glaubenssystem. Die international hoch subventionierte Terrorherrschaft der Hamas in Gaza wird dabei vollkommen ausgeblendet.
„Den Schock über die Teilnahmslosigkeit unserer Gesellschaft
angesichts des schlimmsten Massakers an Jüdinnen und
Juden seit dem Holocaust.“
Welches Ausmaß des Terrors war zu diesem Zeitpunkt schon bekannt?
I Da wusste man schon, dass es viele Tote gab. Aber auch noch einige Tage später war mein Wunsch der, dass die Israelis nicht zurückschlagen und so das Herz der Welt gewinnen. Jetzt, zwei Jahre später, denke ich mir: Eigentlich ein typisch antisemitischer Gedanke, diese seltsame Erwartungshaltung.
Meinen Sie da die Erwartung, dass Juden Opfer zu sein haben?
I Ja genau, Opfer zu sein. Der arme schwarze Kater der Welt.
Wodurch hat sich Ihre Haltung dann geändert?
I Da gab es mehrere Bausteine. Einerseits die vielen Artikel, die ich gelesen habe, darunter eben auch der von Frasl. Aber auch die durchaus schlichte Einsicht, dass Juden Menschen sind wie alle anderen auch, nicht mehr, nicht weniger. Das klingt jetzt eigentlich verrückt, aber so wie wir alle rassistische Elemente mit uns herumschleppen, finden wir eben auch alle Antisemitisches in uns. Und auf Juden so etwas Übermenschliches oder wechselweise auch etwas Untermenschliches zu projizieren, das tun im Grund Antisemiten. Und wenn man sich dann selbst bei solchen Gedanken ertappt, weil man ja auch in dieser antisemitisch durchtränkten Gesellschaft aufgewachsen ist und lebt, dann muss man sich korrigieren. Ich meine, das ist sowieso das Wichtigste: Nicht Bildung ist das Entscheidende – etliche Nazis waren und sind gebildete Menschen –, sondern Selbstreflexion. Aber auch die Erkenntnis, dass man keine Unterdrückung braucht, um bestialische Taten zu begehen. Die Nazis sind nicht von den Juden unterdrückt worden, und es gab trotzdem den Holocaust. Die Nazis haben sich eingebildet, unter der Knute des Weltjudentums zu stehen. Aber das stimmte ja nicht. Es braucht also keine Unterdrückung, um solche Verbrechen zu begehen, es braucht Ideologie und Indoktrinierung.
Ein anderer Baustein war die Solidaritätskundgebung im Herbst 2023 auf dem Heldenplatz. In meiner Naivität hatte ich gedacht, dass der Platz, allein aus Verantwortungs- und Geschichtsbewusstsein heraus, voll sein wird. Meine Annahme war, dass da die Massen auftauchen werden, und meine Befürchtung für die Zukunft war, dass diese Solidarität nach und nach ausdünnen wird. Little did I know. Es war zwar ein verregneter Tag, aber ich war doch überrascht, wie wenige Leute sich auf dem Heldenplatz versammelten. Da ist etwas so Schreckliches passiert, und dann gibt es kaum Solidarität. Manche Freunde meinten, sie hätten Angst hinzugehen aus Sorge vor einem Anschlag. Da dachte ich mir: Aha, auch interessant, das nehmen wir einfach hin? Für mich war es selbstverständlich, an diesem Abend zu dieser Kundgebung zu gehen. Auch wenn mir vorher mulmig zumute war.
Sie erzählen, dass Sie dann auch bewusst zum Thema nachgelesen haben. Wie haben Sie Ihre Lektüre ausgewählt?
I Das Erste, was ich gelesen habe, war von Michael Brenner die Kleine jüdische Geschichte. Ich hatte es schon lange zu Hause, aber dann habe ich es regelrecht verschlungen. Ein Augen öffnendes Buch. Die Geschichte des Judentums ist eben auch immer eine Geschichte des Antisemitismus. Sie führt von religiös geprägtem Antijudaismus über den rassistisch geprägten Antisemitismus zum modernen Antizionismus. Erst wenn man sich die Mühe macht, den langen historischen Bogen von der Antike über das Mittelalter bis in die Neuzeit wirklich zu verstehen, beginnt sich das Gesamtbild zu klären. Dann schaut man sich im Heute um und sieht, jetzt geht es nicht mehr darum, dass Juden Gottesmörder sind, es geht auch nicht mehr um die Reinheit des Blutes, sondern das Böse schlechthin ist heute der Zionismus. Aber das kapiert man nicht, wenn man Informationen nur häppchenweise sammelt, dafür musst du dich hinsetzen und eben auch einmal ein ganzes Buch lesen (besser mehrere), um diese Kontinuität zu erfassen. Der Brenner war das erste Buch, aber ich habe dann noch einige weitere gelesen, vor allem über die Geschichte Israels.
„[…] wenn man hier dagegen anschreibt und anspricht, wird
ein Grundpfeiler in einem System umgerissen, von dem nicht gewollt wird, dass dieser einstürzt.“
Woher kam das Bedürfnis, sich hier tiefer zu informieren?
I Dieses Thema ist in den Diskussionen zu einer Glaubensschlacht ausgeartet. Irrwitzige Behauptungen werden massenweise als Wahrheit verbreitet und bestimmen den Diskurs. Wenn man an dieser Debatte teilnehmen will, ohne hanebüchene Propagandalügen nachzuplappern, muss man sich eben informieren.
Wie erklären Sie sich Antisemitismus?
I Antisemitismus ist nicht, wenn du denkst: Boah, ich hasse Juden. Also schon auch. Aber Antisemitismus beginnt damit, von Israel oder Israelis eben mehr zu erwarten als von anderen Staaten, andere Maßstäbe anzulegen als bei anderen Ländern. Das sind anfangs recht schlichte, unaufgeregte Gedanken. Wenn man da diesen kleinen Israel-Bias aber nicht erkennt oder nicht wahrhaben will, kann sich dieses klitzekleine Vorurteil zu einem Tornado entwickeln. Diesen Sturm, der vermutlich erst so richtig Fahrt aufnimmt, erleben wir gerade. Jeder muss sich daher wirklich die Frage stellen: Wo fängt Antisemitismus an? Im Dritten Reich waren alle stolz, antisemitisch zu sein. Es gehörte zum guten Ton. Der Antisemit hatte das Gefühl, eine Art Wahrheit entdeckt zu haben – die Wahrheit und die daraus resultierende Empörung über die Machenschaften der Juden sozusagen. Heute ist das mit Antizionismus so. Man hat das Gefühl, eine Art Wahrheit über den Judenstaat erforscht zu haben, ohne auch nur eine Zeile außerhalb der sozialen Medien darüber gelesen zu haben. Und nun trifft diese alte, oft unbewusste antisemitische Denkweise auf ein modernes Denkschema, das strikt zwischen Opfern und Tätern, Unterdrückten und Unterdrückern unterscheidet. Er wirkt dabei nicht trotz, sondern gerade eben durch die Umdeutung: Wer sich als Teil der „Guten“ sieht, hält seine Feindbilder nicht für Vorurteile, sondern für moralische Einsichten – und genau das macht diesen neuen – wieder neuen – Antisemitismus so schwer greifbar und zugleich so gefährlich. Und genau weil er sich immer verändert hatte, haben ihn die Menschen nie als das erkannt, was er ist und immer war. Heutzutage kommt er oft nicht mehr als dumpfer Hass daher, sondern als moralische Inbrunst, als scheinbare Gerechtigkeit. Gerade dadurch wird er so perfide. Weil er sich für Empathie hält – und dabei dieselbe kalte Logik in sich trägt wie seine Vorgängerformen.
All das und mehr formulieren Sie auch regelmäßig auf Social Media. Als Schauspieler sind Sie Teil der Kulturszene, hier ist der „Genozid“-Vorwurf gegenüber Israel allgegenwärtig und es gibt auch immer mehr Boykottaufrufe israelischen Künstlerinnen und Künstlern gegenüber. Wie begegnet man Ihnen da angesichts Ihrer Statements zu Antisemitismus und zur Lage in Gaza und Israel?
I Ich formuliere es einmal so: Mehr Jobs habe ich dadurch sicher nicht bekommen. Es war ein schwaches Jahr, aber ich möchte mich nicht meinen eigenen inneren Verschwörungstheorien hingeben. Es gab aber schon auch klare Auseinandersetzungen mit Leuten aus der Branche. Da war zum Beispiel ein Kameramann, der zu mir sagte, nachdem ich auf Instagram angeprangert hatte, dass Juden wie Mirna Funk und ihre Tochter Deutschland verlassen, weil sie sich hier nicht mehr sicher fühlen, was ich da für eine Hetze teile und dass ich damit die Gesellschaft spalte und der AfD helfe. Ich habe darauf entgegnet, dass ich doch nicht spalte, sondern lediglich auf die Spaltung hinweise, die sich gerade in unserer Gesellschaft vollzieht, indem ich sage, dass man nicht einfach apathisch zuschauen kann, wenn jüdisches Leben verschwindet. Darauf hat er nicht mehr reagiert und mich geblockt. Tja. Aber auch unter meinen Freunden gibt es einige, die wohl meinen, ich sei durchgedreht und hätte in gewisser Weise den Touch verloren. Teilweise stimmt das ja auch. Es ist inzwischen sicher eine gewisse Obsession bei mir da, weil ich eben, wie viele andere Künstler und Künstlerinnen auch, grundsätzlich ein obsessiver Typ bin. Man kann sich dann auch in Dingen verlieren. Aber unterm Strich bleibt, dass ich merke, wenn ich versuche, Aussagen in Bezug auf Israel zurechtzurücken, dagegen argumentiert wird, oft ohne Substanz, ohne Wissen, sehr emotional, vielen steht der Schaum vor dem Mund, und das, obwohl sie keine Ahnung haben.
„[…] vielen steht der Schaum vor dem Mund, und
das, obwohl sie keine Ahnung haben.“
Haben Sie den Eindruck, dass Sie sich mit Ihrem Eintreten gegen Antisemitismus, aber auch Antizionismus inzwischen selbst schaden?
I Es gibt so viele verschiedene Arten von Antisemitismus. Und ja, man merkt schon, wenn man hier dagegen anschreibt und anspricht, wird ein Grundpfeiler in einem System umgerissen, von dem nicht gewollt wird, dass dieser einstürzt. Da steht ein Gebäude, und das muss so stehen. Die Reaktionen reichen dann von, du unterstützt ja eine rechtsextreme Regierung, also die israelische, bis zu einfach, wir machen uns Sorgen um dich. Und ich kann immer nur kontern: Ist euch nicht klar, was da gerade passiert? Der Antisemitismus, den wir jetzt sehen, ist der Lackmustest für die Gesellschaft. Wir müssen darauf achten, dass das nicht zu einem Flächenbrand wird. Wobei, leider ist das ohnehin schon passiert. Nur wird es oft nicht so wahrgenommen. Viele Personen, mit denen ich zu tun habe, sehen nur einen, also mich, der versucht, eine rechtsradikale Regierung zu legitimieren, zu beschönigen oder zu rationalisieren.

Haben Sie in diesen Gesprächen mit Menschen, mit denen Sie ja eigentlich befreundet sind, den Eindruck, dass verstanden wird, dass der Dschihadismus auch eine Gefahr für sie selbst werden kann?
I Nein. Die einen schieben die Auseinandersetzung damit weg, andere haben schon so Momente, in denen sie es sehen, aber sie verniedlichen die Gefahr. Da muss ich dann auch sagen: So crazy mich derzeit viele finden, so crazy finde ich sie auch umgekehrt, weil sie partout nicht hinschauen wollen.
Das heißt, Sie erleben in Ihrem Privat- und Berufsleben eine starke Polarisierung. Fühlen Sie sich ein bisschen in der Rolle des Juden, der Sie gar nicht sind?
I Vor allem erlebe ich eine völlige Verschiebung der Positionen und Diskurse. Da ist es auch eine schräge Erfahrung, plötzlich zu merken, Standpunkte einzunehmen, die eher von Konservativen vertreten werden, obwohl ich mich ja immer als links verstanden habe. Das hat mich auch so weit geführt, dass ich für mich inzwischen weiß, ich bin nicht mehr links, ich bin auch nicht rechts, das sowieso nicht, aber diese Positionierung ist mir auch überhaupt nicht mehr wichtig. Ich halte es mit Henry Miller, der meinte, wir müssen ein poetisches Leben führen. Und wir müssen die Dinge so sehen, wie sie sind, und nicht, wie wir sie gerne hätten. Daraus wächst dann eine Poesie, die dann zurecht so bezeichnet werden kann.
Wollen Sie weiter so klar Position beziehen oder sich dem Rat Ihrer Freunde beugen und sich mehr zurücknehmen?
I Schau ma mal.
Wenn Sie sich auf Debatten einlassen, ist Ihnen aber Differenzierung sehr wichtig.
I Das ist das Wichtigste überhaupt, in der Politik wie auch im Leben. Wenn wir nicht differenzieren, wenn wir Subtilitäten nicht mehr wahrnehmen, dann sind wir im cul (Französisch für Arsch, Anm.). Dann schwingen unsere Seelen nicht. Es geht immer um die Zwischentöne. Und da passiert im Moment etwas Absurdes: Leute können die feinsten Differenzierungen bei Gender-Anomalien wahrnehmen, was ja super ist und ein Fortschritt, sich aber trotzdem auf die Seite von Dschihadisten stellen und zum Beispiel kein Problem damit haben, wenn die Hisbollah- Flagge neben ihnen geschwungen wird. So etwas könnte man sich gar nicht ausdenken.
Wie kommen wir als Gesellschaft aus dieser Situation wieder heraus?
I Ich befürchte gar nicht. Es wird erst richtig übel werden, bevor es sich wieder bessert. Ich hoffe, ich liege falsch.
Haben Sie den Eindruck, dass Sie inzwischen als radikalisiert wahrgenommen werden?
I Ich glaube, wenn Menschen einen vor allem über Social Media wahrnehmen, bekommen sie rasch ein falsches Bild von einem. Und bis zu einem gewissen Grad kann ich es durchaus nachvollziehen, wenn Leute finden, die Ärzte ohne Grenzen oder andere anerkannte NGOs behaupten doch dieses oder jenes, warum zweifelst du das alles an? Ich bemühe mich halt, die Zusammenhänge zu begreifen. Worin wir wohl alle übereinstimmen ist die Position, dass Krieg nicht gut ist. Der Krieg an sich ist ein Verbrechen.

























