Jahrhundert-Zeuge, legendärer Gesprächspartner und „Menschenfresser“

Zum Tod des Journalisten, Filmers und Autors Georg Stefan Troller (1921–2025).

754
Wohin und zurück: Aus der Inneren Stadt Wiens führte Trollers Flucht über Frankreich in die USA und zurück. © APA-Images / APA / HERBERT PFARRHOFER

Von seinem „Märchenalter“ sprach der 101-Jährige in einem seiner letzten Interviews im Frühjahr 2023. Mit fester Stimme und wachem Geist. Noch einmal ließ er die Stationen seines langen Lebens vorbei ziehen.

Geboren in Wien als Sohn eines „kunstfernen“ jüdischen Pelzhändlers, floh er 16-jährig aus Österreich und gelangte nach einer drei Jahre langen Odyssee 1941 in die USA, wo er dann auch studierte. Als er zu Kriegsende in amerikanischer Uniform in das befreite KZ Dachau kam, hielt er das unglaubliche Grauen, das er dort sah, zunächst für eine „Inszenierung“.

Als deutschsprachiger Vernehmungsoffizier verhörte er danach Kriegsgefangene, es waren seine ersten Interviews. Rund 1.500 mit den prominentesten Stars, Künstlern und Intellektuellen der westlichen Welt in der Liga von Sartre, Greco, Piaf, Helena Rubinstein bis Somerset Maugham und sehr vielen mehr sollten in vielen Jahrzehnten folgen, nachdem er 1949 in seine spätere Wahlheimat Paris übersiedelt war. Seine einzigartige Kunst, dem Gegenüber im Dialog, wobei er selbst immer nur im Off zu hören war, oft die erstaunlichsten Geständnisse zu entlocken, machte den Journalisten und Filmer ab den 60er-Jahren zu einem bald schon legendären Interviewer für verschiedene internationale Medien. „Menschenfresser“, der sich seine Interviewpartner „einverleibt“, müsse man dabei sein, so seine Selbstbeschreibung, wie der Titel eines seiner autobiografischen Bücher heißt.

 

„Man denkt an die alte Heimat wie man an vergangene Lieben denkt – mit Sentimentalität,
mit Freude, mit Wärme, aber ohne Begierde.“

 

Basierend auf seiner eigenen abenteuerlichen Emigrationsgeschichte drehte er mit Axel Corti den Streifen Wohin und zurück. Trotz aller Gefahren war er in dieser schweren Zeit immer überzeugt gewesen, „dass G’tt mich retten würde, weil ich ein Dichter war“.

Alte Heimat Beim ersten Besuch seiner ehemaligen Wohnung im Nachkriegs- Wien hatte man ihm die Tür vor der Nase zugeschlagen. Für einen Film anlässlich seines 100. Geburtstags suchte er die elterliche Wohnung mit der Regisseurin Ruth Rieser nochmals auf. Einen Blick auf den Bücherschrank, in dem noch die Bücher standen, die er zu seiner Bar Mitzwa bekommen hatte, konnte er dabei erhaschen. „Diese Dinge treffen nicht mehr ins Herz“, kommentierte er die abwehrende Haltung der aktuellen Bewohnerin. Verletzlicher war er als „jüdisch aussehender“ Schüler gewesen, der sich im antisemitischen Umfeld „verachtenswert“ vorgekommen war. Seiner unerschütterlichen Liebe zu einer österreichisch-deutsch-jüdisch geprägten Vorkriegskultur, deren letzter Protagonist er war, taten diese bösen Erinnerungen keinen Abbruch, ihr verdanke er vielmehr seinen späteren Erfolg, stellte er öfter fest.

2022 nahm Troller die österreichische Staatsbürgerschaft wieder an, über die er sich allerdings, wie er meinte, Jahrzehnte früher mehr gefreut hätte.

„Man denkt an die alte Heimat wie man an vergangene Lieben denkt – mit Sentimentalität, mit Freude, mit Wärme, aber ohne Begierde.“ Mit Georg Stefan Troller ist ein in jeder Hinsicht schillernder Jahrhundert-Zeuge Ende September in Paris 103-jährig verstorben.

 

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here