„Je aufwändiger, gewaltiger das Gedenken, desto misstrauischer werde ich“

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© Pressestelle TU-Berlin
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Gut konzipierte Gedenkstätten verhindern, dass Erinnerung zu einem hohlen Ritual wird, erklärt der deutsche Antisemitismusforscher Wolfgang Benz. Gegen den Vorwurf, er habe Antisemitismus mit Islamfeindlichkeit gleichgestellt, verteidigt er sich im Gespräch mit Anna Goldenberg.

wina: In Wien wurde letztes Jahr der Karl-Lueger-Ring in Universitätsring umbenannt. Eine Expertenkommission hat nun in 159 weiteren Straßennamen „dunkle“ Flecken gefunden. Wie soll es Ihrer Meinung nach weitergehen?

Wolfgang Benz: In jedem einzelnen Fall ist sehr viel Fingerspitzengefühl notwendig. Ich würde jede Richard-Wagner-Straße umbenennen, da er bekanntlich einer der bösartigsten und dümmsten Antisemiten war, den die Geschichte kannte. Aber wenn man Richard Wagner aus dem öffentlichen Leben bannen würde, wäre das Aufheulen der Musikfreunde weltweit, inklusive der israelischen, ganz ungeheuer. Und es gibt ja nichts Lästigeres für die Einwohner, als wenn die Straße, in der sie wohnen, umbenannt wird.

wina: Richtig und konstruktiv erinnern – gibt es das überhaupt?

„Erinnern ohne Kenntnis dessen, was geschehen ist, ist ein hohles Ritual.“

WB: Ja. Ich denke, ein Erinnern ohne Kenntnis dessen, was geschehen ist, ist ein hohles Ritual. Es passiert ziemlich häufig, dass man in eine tiefe Betroffenheit versinkt, aber nicht so richtig weiß, warum man jetzt ganz schrecklich angerührt und betroffen ist. Das heißt, die Gedenkstätte muss ein Lernort sein. Ich muss dort etwas erfahren, was hier geschehen ist und warum das hier jetzt zu einem Erinnerungsort gewidmet wurde.

wina: Wann und wo haben Sie das zuletzt erlebt?

WB: Es ist immer dann vorbildlich, wenn der Geist des Ortes getroffen ist. Ich halte deshalb ein paar weithin unbekannte Gedenkstätten für ziemlich hervorragend gelungen. Etwa das Konzentrationslager Osthofen zwischen Worms und Mainz, eine alte Fabrikhalle, deren Authentizität unmittelbar auf den Besucher einwirkt – auf diesem Betonboden haben 1933 und 1934 die Menschen schlafen und hausen müssen. Oder ein ganz moderner Bau, die KZ-Gedenkstätte Hinzert in der Nähe von Trier. Von dem Lager selbst ist überhaupt nichts erhalten. Jetzt steht mitten in der Landschaft ein kantiger Bau, in dem es eine Ausstellung gibt und Seminare stattfinden können. Es ist nichts besonders Monumentales und Heroisches, aber der Landschaft, dem Ort und dem, was dort geschehen ist, adäquat. Je aufwändiger und je gewaltiger das Gedenken inszeniert wird, desto misstrauischer werde ich, ob das jetzt über den flüchtigen, monumentalen Eindruck hinaus auch eine tiefergehende Wirkung zeigen kann.

wina: Gibt es auch Gedenkstätten, die für Sie negativ herausragen?

WB: Sehen Sie nach Ungarn. Da gibt es Diskrepanzen zwischen dem, was geschehen ist, und dem, an das man sich erinnern soll. Die öffentliche Aufmerksamkeit wird ganz planmäßig auf das Haus des Terrors, das als Zeichen für den Totalitarismus steht und den ungarischen Anteil am Holocaust vollkommen ausblendet, gerichtet. Die Holocaust-Gedenkstätte, die unvergleichlich besser ist, liegt dagegen im Schatten der Aufmerksamkeit.

„Eine Gedenkstätte muss ein Lernort sein. Ich muss dort etwas erfahren, was hier geschehen ist.“

wina: Wenn wir dieser Tage dem Holocaust gedenken, frage ich mich als Enkeltochter von Überlebenden bisweilen, ob sich Juden in Westeuropa noch vor Antisemitismus fürchten müssen.

WB: Nicht besonders, glaube ich. Wenigstens nicht vor brachialen Formen. Die Traumatisierung kann aber gar nie vergehen. Auch Ihre Enkel werden die Bedrohung der Juden, die Schoa und ihre Folgen noch als relativ nahe Gegenwart empfinden. Hier klafft ja die Kluft zwischen den Nachkommen der Opfer und jenen der Täter auseinander. Die einen sagen: „Das ist ja schon so lange her. Sollen wir uns denn immer noch damit beschäftigen?“ Und die anderen sagen: „Ja, denn es war mein Großvater oder meine Großmutter, die totgeschlagen wurden in Auschwitz. Für mich ist das Gegenwart.“

wina: Gibt es andere Bevölkerungsgruppen, die heute die gleiche Behandlung wie Juden erfahren?

WB: So weit würde ich nicht gehen, denn die gleiche Behandlung wie die Juden hat noch keine andere Gemeinschaft erfahren. Wahrscheinlich wissen Sie, dass ich Gegenstand einer heftigen Kampagne war, als ich für die Menschenrechte von Muslimen in unserer Gesellschaft eingetreten bin. Da wurde laut aufgeheult, ich würde Juden und Muslime gleichsetzen. So ein Unsinn ist mir nie in den Sinn gekommen. Ich habe lediglich auf eine Erkenntnis aus der Antisemitismusforschung aufmerksam gemacht, nämlich, dass man beliebige Minderheiten mit denselben Methoden diskriminieren kann.

wina: Welche Methode würde auf Juden wie Muslime zutreffen?

WB: Etwa dass sich die Talmudschelte in Koranschelte verwandelt hat. Wenn man im 19. Jahrhundert einen Juden stigmatisieren wollte, sagte man: „Lest doch nur nach, was im Talmud steht. Da stehen alle die Gebote, weshalb sie so schlecht sind und sie zurecht niemand mag.“ Und neuerdings höre ich öfters bei Vorträgen und Diskussionen: „Die Muslime sind ja alle des Teufels. Wussten Sie, dass in 60 Suren des Koran zum Mord an Andersgläubigen aufgefordert wird?“ Und ähnlicher Unsinn. Die Leute haben natürlich nie den Koran gelesen, genauso wie die Judenfeinde nie den Talmud gelesen haben.

wina: Was erwidern Sie Kritikern, die sagen, dass das Judentum eine ganz andere Geschichte als der Islam hat und es den Antisemitismus schon vor dem 19. Jahrhundert gab?

WB: Dass der Antisemitismus viel früher angefangen hat, ist kein Argument dagegen, dass wir übermorgen beginnen können, Brillenträger oder Radfahrer zu diskriminieren. Es ist auch kein Argument, die Juden seien nie gefährlich für die Mehrheit gewesen, die „Zigeuner“ oder die Muslime aber doch. Es kommt darauf an, was die Mehrheitsgesellschaft sich für ein Bild von der Minderheit macht, und nicht, was die Minderheit in Wirklichkeit ist. Denn die Juden wurden ja nicht diskriminiert und verfolgt, weil sie bestimmte Eigenschaften hatten, sondern weil man sie als Sündenböcke brauchte und sich deshalb ein Bild von ihnen konstruierte.

Zur Person
Wolfgang Benz, geboren 1941 in Ellwangen, Süddeutschland, ist Historiker der Zeitgeschichte. Bis 2011 leitete er das Zentrum für Antisemitismusforschung der Technischen Universität in Berlin. Zuletzt sorgte sein Buch Die Feinde aus dem Morgenland: Wie die Angst vor den Muslimen unsere Demokratie gefährdet (C. H. Beck 2012) für mediale Kontroversen. Benz ist im Ruhestand und arbeitet an einem Buch über die Diskriminierung von Sinti und Roma in Europa.

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