Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek feiert am 20. Oktober ihren 80. Geburtstag. Sie spricht wenig in der Öffentlichkeit. Doch mit Sicherheit freut es sie, dass zwei große Wiener Theater gleichzeitig ihre Werke aufführen – auch als gelungene Würdigung zum runden Geburtstag. Im Burgtheater sind die Vorstellungen von Unter Tieren ein großer Erfolg und im Volkstheater startete soeben unter dem Sammeltitel Die Ankunft, ein Quartett von vier Stücken, deren Aussagen nicht aktueller sein könnten. Der gemeinsamen Aufführung dieser „vier Stücke zur rechten Zeit“ als Quartett hat die Autorin persönlich zugestimmt.
„Man kann sich nicht mehr mit Worten zwischen die Macht und die Wirklichkeit schieben, da ist kein Platz mehr für die Literatur.“
Elfriede Jelinek
Diese Zustimmung bekam der Direktor des Volkstheaters, Jan Philipp Gloger, der sich bereits seit 15 Jahren als Regisseur mit den Texten von Elfriede Jelinek auseinandersetzt. Am Staatstheater Nürnberg, das Gloger leitete, feierte 2021 die Ursprungsversion dieser Inszenierung ihre Premiere. Die damalige Fassung wurde dramaturgisch neu überarbeitet, der Volkstheater-Chef führte zudem zahlreiche neue ästhetische und erzählerische Bühnenvorgänge und Fragestellungen ein, anstatt bloß die Nürnberger Produktion nach Wien zu bringen.

Der Prolog von Die Ankunft, das kurze Stück Wolken.Heim erlebte seine Uraufführung bereits 1988 in Bonn und die Erstaufführung in Wien 1993 am Volkstheater, als Emmy Werner dieses Haus von 1988 bis 2005 leitete. Der von dem siebenköpfigen Ensemble im aufbrausenden Stakkato vorgetragene Text über Fremdenfeindlichkeit geht nicht nur unter die Haut, sondern klingt wie jüngst verfasst. „Dass Emmy Werner ausgebildete Schauspielerin ist, war mir ja klar, aber in erster Linie dachte ich an sie als Zeitzeugin“, erzählt Regisseur Gloger, der die 88-jährige Junggebliebene für diese Inszenierung passend einsetzt: Er lässt sie im Epilog als Stimme von Jelinek und als schwarzen Engel mit Riesenflügeln durch alle vier Stücke wandern, um abwechselnd humorvolle oder furchterregende Kommentare abzugeben. „Emmy Werner ist eine, die sich noch weit zurückerinnern kann, die Hakenkreuze ins Schulheft malen musste. Und die legendäre Werner ist nicht ganz zufällig auch jene, die Elfriede Jelinek als erste in Österreich auf die große Bühne geholt hat“, fügt der inszenierende Direktor Gloger hinzu, der es mit dieser Arbeit geschafft hat, die berühmt-berüchtigte Textmasse der Autorin mit fünf exzellenten Schauspielern und zwei Schauspielerinnen kantig, zornig und ironisch, teils auch berührend zu richtigen Gestalten zu formen.

Zwei dieser berührenden Figuren sind Katharina Kurschat und Andrej Agranovski in Rechnitz (Der Würgeengel). Darin geht es um die bis dato nicht gefundenen Massengräber des Massakers im burgenländischen Rechnitz am 24. und 25. März 1945. Mit diesem Stück, das Regisseur Jossi Wieler Ende 2018 in München uraufführte, setzt Jelinek der Erschießung von 180 ungarisch-jüdischen Zwangsarbeitern, nur Stunden vor dem Zusammenbruch des Nazi-Reichs, ein würdiges Gedenken.
Man sieht nichts von der ausgelassenen Partygesellschaft, die gleich morden wird, sondern nur die Boten und die Dienerschaft, die davon berichtet und gut gelaunt die Jagdgewehre vorbereitet. Beklemmend und gleichzeitig locker plaudert die Kellnerin alias Kurschat über diese unfassbare Mordorgie. Andrej Agranovski in einem dunkelgrauen, nassen Plastik-Regenmantel kratzt zunächst Blut von einer schweren Schaufel und schlägt diese dann fast reglos 180 Mal in den Bühnenboden – ein Schlag für jeden Schuss, für jedes Opfer.
Das schweigende Mädchen thematisiert den Prozess gegen die NSU-Nazis. Es wurde 2014 in München und erst 2024 in Salzburg aufgeführt. So wichtig dieser Text ist, hätte er insbesondere in der Gerichtsszene Kürzungen gut vertragen. Ebenso zu lang und allzu slapstickartig geriet der letzte Teil, Das Lebewohl – nein: Die Ankunft, obwohl er am engsten mit unserer Gegenwart verknüpft ist. Denn er zeigt unseren Alltag: Es erklingt der „Remigrationssong“, den die FPÖ im Juni 2026 digital veröffentlichte, in dem es heißt: „Airbert One, Airbert One, hebt heute ab. Remigration. Tschüss, tschüss, tschüss, tschüss. Österreich ist frei. Lalala.“
Der Bogen führt zum drohenden Volkskanzler, auch Zitate von Jörg Haider gibt es nicht wenige. Doch hat nicht nur Monate davor die stimmenstärkste FPÖ im österreichischen Parlament einen historischen Sieg eingefahren? Kurz vor Probenbeginn stufte das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) die FPÖ erstmals als rechtsextreme Partei ein; kurz vor Probenende gewinnt ein AfD-Kandidat erstmals haushoch die Wahl in einem deutschen Bundesland.

Elfriede Jelinek, die am 20.10.1946 in Mürzzuschlag geboren wurde, kam mütterlicherseits aus dem Wiener Großbürgertum, ihr Vater Friedrich Wilhelm Jelinek war promovierter Ingenieur und Chemiker jüdisch-tschechischer Abstammung. Sein „kriegsdienlicher“ Beruf bewahrte ihn vor Verfolgung unter dem NS-Regime, da ihm ein Arbeitsplatz in der Rüstungsindustrie zugewiesen wurde. Er war psychisch krank und starb 1969. Die Herkunft des Vaters war Jelinek, die bei ihrer Mutter katholisch aufwuchs, sehr wichtig: In der Shoah wurden zwei Schwestern von Jelineks Großvater ermordet. Für ihr engagiertes Eintreten gegen die politische Rechte ließ sie sich nicht nur als „linke Nestbeschmutzerin“ beschimpfen, sondern war auch konkreten Bedrohungen ausgesetzt. Denn seit Jahrzehnten begeistert und polarisiert Elfriede Jelineks Werk, sie wird gewürdigt, wie durch den Nobelpreis für Literatur 2004, aber ebenso beleidigt.
„Wie ich schon öfter gesagt habe, scheint es mir, als könnte sich die Sprache, eine differenzierende, literarische Sprache, gegen diese bedrohliche, selbstgewisse, von keinem Selbstzweifel angekränkelte Sprache der feschen Technokraten und Rechthaber, die uns jetzt von überall her überschwemmen, nicht mehr durchsetzen“, so Jelinek.
Direktor und Regisseur Jan Philipp Gloger montiert zu Jelineks 80. Geburtstag ihre vier Theaterstücke zu einem großen Denkgebäude aus Verdrängung und Wiederkehr: Er führt den Abend über die Traditionslinien nationalistischen Denkens und rechter Gewalt durch die Jahrhunderte, der dem Irrsinn nachspürt sowie das Vergessen und Totschweigen beklagt.






















