WINA: Wie hat der 7. Oktober 2023 und alles, was danach kam, die Jugendarbeit der IKG verändert?
Betty K: Das Thema Israel ist viel präsenter geworden. Israel war natürlich auch zuvor schon ein wichtiges Thema, aber der 7. Oktober hat die Schwerpunktsetzung verändert. Es kamen vor allem auch Anfragen der Schlichim der einzelnen Jugendorganisationen, hier gemeinsam etwas zu tun, einander zu unterstützen. Das Thema Israel war dann zum Beispiel auch präsent beim Light of Hope, mit dem wir jedes Jahr an die Novemberpogrome im Jahr 1938 erinnern. Ebenso beim Mauthausen- Gedenken. Das Programm Israel Explained, mit dem wir Jugendlichen und Studierenden Wissen über Israel mitgeben möchten, das sie oft brauchen, wenn sie im Freundeskreis, aber auch in anderen Kontexten mit Fragen konfrontiert werden, hat noch weiter an Bedeutung gewonnen. Das merken wir auch am starken Interesse an den einzelnen Veranstaltungen. Die Nachfrage nach Karten für den Vortrag von Joseph Haddad zum Beispiel war enorm, und man hat gespürt, wie seine Worte an diesem Abend für Verbindung und Stärkung untereinander gesorgt haben.
Es geht hier also um Interesse, Identifikation und Solidarität, aber auch um die Stärkung des jüdischen Selbstbewusstseins.
I Ja, auf jeden Fall. Es ist nichts Neues, dass Israel uns als jüdische Gemeinde interessiert. Und es ist auch nichts Neues, dass wir eine spezielle Verbindung zu Israel haben. Aber jetzt ist noch mehr persönliche Betroffenheit da. Man hat Verwandte, Freunde, jeder kennt irgendjemanden, der vielleicht in Geiselhaft war, der am 7. Oktober verletzt wurde oder jemanden verloren hat oder gerade bei der israelischen Armee ist und vielleicht sogar gerade jetzt im Gazastreifen im Einsatz ist. Es ist diese persönliche Betroffenheit, aber natürlich auch der Schock. Wir waren mit dem 7. Oktober mit einer ganz neuen Situation konfrontiert. Und das gilt ganz besonders für Jugendliche. Man hat daher auch gemerkt, dass es wichtig war und ist, sich mit dem Thema Israel verstärkt auseinanderzusetzen.
Was hat sich für jüdische Kinder und Jugendliche in Wien mit dem 7. Oktober 2023 verändert?
I Aus Sicht der Jugendkommission hat sich vor allem das Sicherheitsdenken massiv verändert. Natürlich waren unsere Veranstaltungen immer geschützt. Aber nun gibt es Schutz auch für jede Kleinigkeit, und damit meine ich Dinge, die früher keinen Schutz gebraucht haben, wie zum Beispiel ein Likrat-Seminar außerhalb Wiens. Wir haben solche Termine auch früher mit der Sicherheit abgesprochen, heute werden solche Seminare von der Sicherheit begleitet.
Bei der Präsentation des Berichts der Antisemitismus-Meldestelle der IKG Wien für das Jahr 2024 hat IKG-Generalsekretär Benjamin Nägele auch darauf hingewiesen, dass sowohl Täter als auch Opfer von Antisemitismus immer jünger werden. Das hat auch viel mit Propaganda und Hetze, die via Social Media verbreitet werden, zu tun. Wie nehmen Sie das aus Perspektive der Jugendkommission wahr?
I Ich möchte hier das erzählen, womit wir seit dem 7. Oktober in Zusammenhang mit dem Programm Likrat konfrontiert sind. Likrat bildet jüdische Jugendliche aus, die dann als Likratinos an nicht jüdische Schulen gehen, um dort in Begegnungen mit Gleichaltrigen deren Fragen zum Judentum zu beantworten. Wir erstellen mit den Likratinos und Likratinas aber auch Videos, in denen in jeweils zwei Minuten oft gestellte Fragen beantwortet werden, welche dann auf YouTube und anderen Kanälen zu sehen sind. Eine der Fragen, die immer wieder kam und kommt, ist die, ob Israel ein „Apartheidstaat“ ist. Daher haben wir dazu, aber auch zu einigen anderen Fragen einen Faktencheck mit den Likratinos im Rahmen dieser Scheela-Clips aufgenommen.
Unter diesem Video sind sehr viele Hasskommentare gepostet worden. Wir haben uns dann überlegt, ob wir das Video offline nehmen sollen, immerhin sind darin ja auch Likratinos und Likratinas aus unserer Gemeinde mit ihrem Gesicht zu sehen. Wir haben mit ihnen Rücksprache gehalten, aber sie alle haben gesagt: Nein, wir sollen es online lassen. Dieses Selbstbewusstsein möchte ich hier besonders positiv erwähnen.
Wie haben sich die Begegnungen an Schulen verändert?
I Was die Begegnungen an Schulen anbelangt, haben wir nach dem 7. Oktober nicht völlig die Stopp-Taste gedrückt. Aber wir haben gemerkt, dass diese Situation für die Jugendlichen emotional sehr herausfordernd war. Sie mussten lernen, sich auch thematisch mit der neuen Situation auseinanderzusetzen. Wir haben dann für ein paar Wochen die Begegnungen ausgesetzt und rasch eine Art Briefing und Weiterbildungsworkshop organisiert, um ihnen Antworten auf ihre Fragen zu geben, wie sie mit der Situation umgehen können. Da schilderte dann eine Jugendliche zum Beispiel, wie die Likratinos schon vor dem 7. Oktober mit Videos, die auf Social Media kursieren, konfrontiert worden seien und wie sie nun darauf reagieren sollten. Hier geht es dann darum zu hinterfragen, wo dieses Material herkommt und ob es den Tatsachen entspricht.
Die Jugendlichen sollten jedenfalls wissen, dass wir sie hier bestmöglich unterstützen. Und wir haben es allen freigestellt, weiterhin in die Klassen zu gehen oder eben auch nicht. Alle Likratinos und Likratinas haben aber gesagt, wir wollen weitermachen. Das ist ihnen hoch anzurechnen. Gleichzeitig sind die Anfragen von Schulen gestiegen, auch, weil viele Lehrer und Lehrerinnen gemerkt haben, das Thema brennt; sie fühlen sich selbst damit überfordert und brauchen eine Lösung. Verändert haben sich in der Folge auch die Fragen. Es kommen immer noch die Klassiker zu koscherem Essen, Schabbat etc. Es gibt aber nun auch viele Fragen wie: Was hältst du von der israelischen Regierung? Verteidigst du die Vorgehensweise der israelischen Armee? Findest du es nicht arg, wie viele palästinensische Kinder getötet werden?
„Alle Likratinos und Likratinas haben gesagt,
wir wollen weitermachen.
Das ist ihnen hoch anzurechnen.“
Wie gehen die Likratinos damit um, dass ihnen hier auch verstärkt negative Gefühle entgegengebracht werden?
I Was bei einer Begegnung passiert, können wir nicht vorhersagen. Wir sind jedoch bereits vorab mit den Schulen, die uns anfragen, in intensivem Austausch. Wir sammeln schon vor der Begegnung anonym gestellte Fragen, daran lassen sich dann bereits die Interessen der Schüler und Schülerinnen ablesen. So können sich die Likratinos und Likratinas auch auf mögliche kritische Fragen vorbereiten. Vor allem diese Fragen sind für einen fruchtbaren Dialog und Austausch auf Augenhöhe auch besonders wichtig.
Die Likratinos wissen, wie sie damit umgehen können, sowohl rhetorisch als auch mit Fakten. Es kommt immer auf die Situation an, aber sie werden auch geschult, das einzuschätzen. Und sie wissen, dass es ihnen freisteht, ein Gespräch jederzeit abzubrechen. Das ist bisher aber noch nie passiert. Die Likratinos wollen das machen, sie sehen es als wichtigen Auftrag, diese Gespräche zu führen. Und dazu gehört auch, unangenehme Situationen zu meistern. Man muss nicht immer einer Meinung sein. Und wir wissen auch, dass wir mit diesen Begegnungen nicht jeden Antisemitismus oder mögliche Vorurteile in einer Klasse beseitigen. Aber wir können zum Nachdenken anregen. Manchmal kommen nach der Stunde auch Jugendliche, entschuldigen sich und sagen, diese Aussage zu machen, war falsch.
Wenn ich Ihnen zuhöre, habe ich den Eindruck, dass jüdische Jugendliche nach dem, was am 7. Oktober und danach passierte, früher erwachsen werden mussten. Ist dem so?
I Ja, auf jeden Fall. Sie wissen auch, dass Thema wird sie ständig verfolgen. Und sie merken, dass das Thema auch davor da war. Es hat nur mehr geschlummert. Aber mit dem 7. Oktober ist es offen da. Israelfeindlichkeit und Antisemitismus sind nun präsenter. Und die Jugendlichen stellen sich dem – auch indem sie als Likratinos in die Klassen gehen. Traurig ist, wie omnipräsent Kinder und Jugendliche nun Antisemitismus ausgesetzt sind. Und traurig ist, wie sehr das Schutzbedürfnis dadurch weiter angestiegen ist.
Stichwort gestiegener Antisemitismus: Wie hat hier die Jugendkommission reagiert? Welche Unterstützung gibt es hier für betroffene Kinder und Jugendliche?
I Wir haben zunächst gleich nach dem 7. Oktober gemeinsam mit der Antisemitismus-Meldestelle einen Workshop für Jugendliche organisiert, in dem wir Bewusstsein geschaffen haben, wie man Vorfälle meldet. Das hat auch einen Rahmen gegeben, um über das Thema oder bereits passierte Vorfälle zu sprechen, wenn gewünscht, auch unter vier Augen. Und wir haben vermittelt, es geht hier nicht nur um das Melden, sondern auch darum, nach so einem Vorfall gemeinsam zu besprechen, ob es weitere Unterstützung braucht, etwa die Begleitung zur Polizei, um Anzeige zu erstatten, oder ESRA einzubinden. Uns war es wichtig zu kommunizieren, wir sind für euch da, bitte sprecht mit uns, ihr müsst nichts schlucken, und es gibt immer Hilfe – sei es seitens der Jugendorganisationen, der Jugendkommission oder durch ESRA. Dieser ständige Austausch ist wichtig, damit wirklich jeder und jede weiß: Er oder sie ist nicht allein. Darum bemühen wir uns sehr.
Eines der Ziele der Jugendkommission ist auch, das jüdische Selbstbewusstsein der Kinder und Jugendlichen zu stärken. Gelingt das unter diesen schwierigen Rahmenbedingungen?
I Ja, definitiv. Das merke ich nicht zuletzt an den Rückmeldungen zu den Israel Explained-Events. Essenziell ist hier aber vor allem die Arbeit der Jugendorganisationen und Studierendenorganisationen. Sie alle haben ihre eigenen Ausrichtungen und ergänzen einander dadurch wunderbar. Sie leisten gemeinsam tolle und wertvolle Arbeit, was dazu führt, dass wir in jeder Hinsicht eine bunte und multikulturelle Gemeinde sind. Hier wird auch der Zusammenhalt gestärkt. Das gilt auch für Likrat, denn Likrat hat eine Außen- und eine Innenwirkung: Jugendliche treffen hier einander, die sich sonst in der Gemeinde vielleicht nicht treffen würden, und werden hier manchmal auch zu besten Freunden. Es stärkt außerdem ihre jüdische Identität und den Zusammenhalt untereinander.
























