„Jetzt kommt die Vergangenheit immer stärker zurück“

Die Journalistin Joanna Nittenberg. Ihre Geschichte und ihre Zeitung.

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© Petra Paul

Ihre kleine Erscheinung täuscht. Joanna Nittenberg ist nicht zu übersehen. In der „jüdischen Gasse“ scheinbar allgegenwärtig, ist die Journalistin bei kulturellen und gesellschaftlichen Events ebenso präsent wie bei politischen Diskussionen oder wenn es um Angelegenheiten der Gemeinde geht. Und wenn sie für einige Zeit im Jahr in Tel Aviv wohnt, dann verlegt sie ihre diesbezüglichen Aktivitäten eben dorthin und breitet ihr Netzwerk von Exil Österreichern und entsprechenden Gesinnungsgenossen sogar am Strand um sich herum aus. Ihr professionelles Interesse an Neuigkeiten und Menschen kommt ihrer grundsätzlichen Neugierde entgegen, und das Ergebnis von beidem fließt gedruckt viermal jährlich in die Illustrierte Neue Welt ein, die sie seit 1974 „ihr Baby“ ist. „Du darfst mich nicht unterbrechen“, lautet ihre Anweisung zu Beginn unseres Gesprächs, das daher nicht als klassisches Frage-Antwort-Interview geführt werden kann und in dem auch einiges Off the record zur Sprache kommen wird, wie es eben ist, wenn man sich schon lange, sehr lange kennt.

Lemberg. Hanias Eltern stammten beide aus Lemberg, sie haben sich dort im Jüdischen Gymnasium kennengelernt und noch vor dem Krieg 1938 geheiratet. „Mein Großvater war ein großer Anhänger des Deutschen. Und obwohl mein Vater aus einem religiösen jüdischen Haus kam, ging er in eine evangelische deutsche Volksschule, das Deutsche hat ihm dann später sehr geholfen.“ Zum ungünstigsten Zeitpunkt, am ungünstigsten Ort, mitten im Krieg und mitten im Ghetto von Lemberg wurde dann Hania, ihr einziges Kind, geboren. „Als es im Ghetto eine Razzia gab, haben sie mich einem Ukrainer übergeben, den mein Vater vom Studium kannte, und der hat mich als sein Kind ausgegeben. Da war ich sechs Monate alt. Mein Onkel hat mich manchmal besucht und gemeint, ich wurde nicht besonders gut behandelt, aber ich kann mich absolut nicht erinnern.“ Bis Kriegsende blieb Hania bei der ukrainischen Familie versteckt. Ihre Eltern waren aus dem Ghetto geflüchtet unddann über eine Organisation der katholischen Kirche mit arischen Papieren nach Szeged in Ungarn gekommen und haben dort „irgendwie“ überlebt.
„Meine Mutter ist mich gleich nach 1945 suchen gegangen. Sie ist die eigentliche Heldin. Sie war immer so bescheiden, aber wenn sie zu etwas nein gesagt hat, dann konnte sich mein Vater auf den Kopf stellen. Sie hat sich alleine nach Polen aufgemacht und wurde anfangs als Spionin verdächtigt und kam sogar kurz ins Gefängnis. Der Bruder meines Vaters, der eine hohe Position beim russischen Militär hatte, kam dann nach Warschau zurück und hat meiner Mutter geholfen. Die ukrainische Familie, bei der ich war, wollte mich nicht hergeben, denn ich war sozusagen ein Pfand, dass sie ein jüdisches Kind gerettet hatten, weil sie mit den Deutschen zusammengearbeitet hatten. Man hat mich bei Nacht und Nebel gestohlen und nach Ungarn gebracht. Ich war ein schwer geschädigtes, krankes Kind, hatte Rachitis und alles Mögliche.“

»Mein Vater hat Leuten, die keine Staatsbürgerschaft
hatten, zur Einbürgerung verholfen.«
Joanna Nittenberg

Nachkriegszeit. Wien, wohin die kleine Familie als Flüchtlinge 1946/47 gelangte, sollte nur eine Zwischenstation auf dem Weg nach Israel bzw. Palästina sein. Die erste Anlaufstelle war, wie für sehr viele, das Displaced-Person-Lager im Rothschild-Spital. „Dort haben wir zu sechst in einem Zimmer gewohnt, gemeinsam mit anderen Flüchtlingen und alle immer auf Koffern. Daran hab‘ ich noch Erinnerungen. Zu den anderen Flüchtlingen gab es engen Kontakt, sie waren eine Art Familienersatz, und mein Vater war dort bald in einer leitenden Position.“ Seine Kontakte zu Flüchtlingen sollten die zukünftige Berufslaufbahn Anton Winters bestimmen, der noch in Lemberg Jus studiert hatte und dann in Wien eine Kanzlei eröffnete. Der Anwalt Dr. Winter war im Nachkriegswien und bis zu seinem Tod 2002 eine bekannte jüdische Persönlichkeit, dem viele Menschen viel zu verdanken hatten. „Er hat Leuten, die keine Staatsbürgerschaft hatten, zur Einbürgerung verholfen, später auch Russen, die in den 90er-Jahren gekommen sind. Eigentlich war er Strafverteidiger und spezialisiert auf Schmuggelgeschichten, und ich erinnere mich, dass man ihn öfter während der Feiertage aus der Synagoge rausgeholt hat. Denn in Wien wurden die Leute am liebsten zu den Feiertagen verhaftet, weil dann die Kaution höher war. Einmal, als er schon Vizepräsident der Kultusgemeinde war, haben Neonazis am Karmeliterplatz einige amerikanische religiöse Juden angepöbelt, die haben die Angreifer spitalsreif geschlagen und wurden daher verhaftet. Da hat die Polizei meinen Vater angerufen, denn diese amerikanischen Juden wollten im Gefängnis koscheres Essen etc. Daraufhin hat die Kultusgemeinde eine Kaution gezahlt, und die Amerikaner gingen frei.“ Anton Winter, religiös erzogen und seit früher Jugend sehr zionistisch, war 40 Jahre lang Präsident von Keren Hajessod. „Er stammte aus einer sehr reichen Familie. Ich hab‘ in Lemberg das Haus meiner Großeltern gefunden und am Giebel steht noch immer SW – Salomon Winter.“ Nach dem Krieg war es aber die eher modern aufgewachsene Mutter, die religiöser wurde und einen koscheren Haushalt führte. Die Tochter erzogen sie liberal und selbstbewusst jüdisch. Eine Episode aus ihrer frühen Schulzeit findet sie diesbezüglich bemerkenswert: „Wir haben in einem arisierten Haus gewohnt, in einem Zimmer, das andere war total zerbombt. Nebenan wohnten noch eine Grete und ein Hans, und wir Kinder waren befreundet. Einmal hat mich die Grete nach der Schule in einen deutschen Turnerverein mitgenommen. Meine Eltern haben mich überall gesucht, bis sie erfahren haben, wo ich war. Dann haben sie sich getraut, dort hineinzugehen und mich rauszuholen und gesagt: Dort hast du nichts verloren. Das zeigt schon das Selbstbewusstsein, dass entstanden ist.“ Aus ihrer eigenen Schüchternheit habe sie aber erst die links-zionistische Jugendbewegung Haschomer Hazair befreit. „Da waren rückblickend betrachtet alle geschädigt. Es war auch der einzige Ort, wo österreichische und Juden von auswärts beisammen waren, denn in die Synagoge sind wir damals nicht hineingekommen. Wir beteten früher in so kleinen Schils (Betstuben), im Pax zum Beispiel. Im Schomer gab es tolle Diskussionen und viele Freundschaften, aber irgendwann bin ich rausgeschmissen worden, weil ich Stöckelschuhe getragen und am Bal Paré getanzt habe. Dort habe ich auch meinen Mann kennengelernt.“ Ihr Mann, Jizchak Nittenberg, kam nach der Befreiung in Mauthausen mit einem Kindertransport nach Israel in einen Kibbuz, den er später verließ, um zu studieren. In Wien wurde er schließlich Augenarzt.
„Jizchak war als Kind im KZ, darüber hat er nie gesprochen. Er hat mit seinem Bruder überlebt, seinen Vater hat man vor seinen Augen am Todesmarsch erschossen. Erst drei Jahre später hat die Mutter ihre beiden Söhne gefunden.“ Hania begann zu studieren, heiratete jung und stellte nach der Geburt ihres zweiten Kindes fest, „dass ich mich nicht zur Hausfrau eigne. Ich hab dann mein unterbrochenes Studium der Zeitungswissenschaften mit einer Dissertation über Kurt Tucholsky beendet. Damals waren an diesem Institut unter den Professoren und den Studenten noch viele mit nazistischer Gesinnung.“ Denen die Studentin aber mit ihrem neu gewonnenen Selbstbewusstsein begegnete.

„Neue Welt“. Nach einer kurzen Zeit im ORF ergab sich 1974 die Gelegenheit, die traditionsreiche jüdische Zeitung Neue Welt gemeinsam mit Marta Halpert zu übernehmen. Seit Ende der 1980er-Jahre ist Franz C. Bauer mit ihr journalistisch für das Blatt verantwortlich. „Die Zeitung war immer unabhängig, und mehr als der finanzielle Erfolg war und ist mir wichtig, dass die Leute das Blatt bekommen. Wenn die Abos gezahlt würden, ginge es natürlich besser. Die Zeitung wird weltweit vertrieben und geschätzt. Vor allem auch die Nachkommen österreichischer Juden in Israel, in England und den USA schätzen uns sehr. Wir haben auch viele nicht jüdische Leser. Unser thematischer Fokus ist das europäische Judentum und die Aufklärung über Israel. Über die heutige Wiener Gemeinde schreiben wir nur wenig, dafür gibt es ja genug andere Medien. Ich denke, dass Österreich eine Verpflichtung hat, diese Zeitung aufrecht zu erhalten, denn sie geht auf eine Gründung der Zeitung Neue Weltzurück, die Theodor Herzl 1897 anlässlich des ersten Jüdischen Weltkongresses gegründet hat.“ Deren Geschichte ist in dem Band Wandlungen und Brüche nachzulesen, den Joanna Nittenberg in der Edition INW herausgegeben hat. Außerdem sind in der INW Edition noch mehrere andere Bücher erschienen. Ans Aufhören denkt Hania überhaupt nicht, vielleicht auch, weil sie ihre diversen Aktivitäten von manchen Gedanken ablenken. „Jetzt im Alter kommt die Vergangenheit immer stärker zurück, vor allem auch die Geschichte meiner Eltern und die Folgen der Schoah. Ich glaube, dass ich ein sehr ängstliches Mädchen war. Ich hatte lange wenig Selbstvertrauen, das zu überwinden, hat mir erst viel später mein Mann geholfen. Dass Jizchak 1975 so jung gestorben ist, war sicher auch eine Spätfolge. Die Zeit nach seinem Tod war für mich und meine beiden Kinder Daniela und Ronnie die schwerste. Jetzt sind sie natürlich längst erwachsen und führen ihr eigenes Leben.“

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