Juden in Griechenland: Große Vergangenheit, ungewisse Zukunft

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Die Wirtschaftskrise macht auch den rund 5.000 jüdischen Bewohnern zu schaffen. Die Solidarität von innen und außen ist dabei hilfreich. Von Marta S. Halpert   

Die politische und wirtschaftliche Lage Griechenlands betrifft uns, als kleine Gemeinschaft, natürlich genauso wie das ganze Land“, konstatiert Lazaros Sefiha,Vizepräsident im Vorstand der Jüdischen Gemeinde von Saloniki. Der Vater von vier Kindern gehört heute zu den rund 1.200 Juden, die das jüdische Leben in dieser traditionsreichen Stadt aufrecht erhalten. Sefiha gehört zu einer der ältesten und angesehensten Familien der Stadt, die vor der Schoah 55.000 Juden zählte.

„Unsere Zukunft hier ist nicht klar, wir befinden uns in einer Übergangsphase.“

tsalonikiDoch der Blick des jungen Unternehmers, der sich einem hoffnungsvollen und zukunftsträchtigen Wirtschaftszweig, nämlich der alternativen Energiegewinnung in Griechenland widmet, ist auf die alltäglichen Bedürfnisse der heutigen Gemeinde gerichtet. „Wir mussten uns schon in den vergangenen fünf Jahren um jene Mitglieder kümmern, die ihre Arbeit verloren hatten. Viele von ihnen konnten ihre Miete nicht mehr bezahlen oder hatten kein Geld für Medizin“, erzählt Sefiha, der sofort darauf hinweist, dass schnelle finanzielle Unterstützung aus Österreich gekommen war: „Die IKG hat uns am Beginn der Krise einen zinslosen Kredit gewährt, den wir bereits zurückzahlen konnten. Und jetzt, in der jüngsten Not, als die Banken geschlossen waren, haben wir wieder Hilfe aus Wien bekommen. Wir sind sehr dankbar dafür.“ Wie der Generalsekretär der IKG, Raimund Fastenbauer, versichert, wäre er auch bereit gewesen „mit einem Koffer voller Geld und benötigter Medikamente persönlich nach Saloniki zu fahren“, wenn sich die Situation nicht stabilisiert hätte. „Wir waren sehr erfreut, als der erste Kredit, sogar sechs Monate vor der vereinbarten Frist, zurückgezahlt wurde“, berichtet Fastenbauer.

Die Finanzhilfe war notwendig, um die jüdischen Institutionen in der Stadt am Leben zu erhalten. „Wir haben rund 40 Kinder in der jüdischen Volksschule und ungefähr gleich viele Menschen, die im jüdischen Altersheim auf uns angewiesen sind“, erläutert Sefiha, der sehr froh ist, dass es trotz allem wieder gelungen ist, auch heuer ein internationales Sommercamp für Kinder und Jugendliche zu organisieren – mit Beiträgen jüdischer Organisationen aus dem Ausland.

„Wir unterstützen auf ständiger Basis etwa 60 Menschen und mit Ad-hoc-Hilfe so um die einhundert“, berichtet Minos Moissis, der Präsident der jüdischen Gemeinde in Athen. Die jüdische Gemeinde in der griechischen Hauptstadt zählt rund 3.000 Mitglieder, „davon sind etwa 750 bis 30 Jahre alt und mehr als 700 über 65 und plus“, meint Moissis, einer der rund 5.000 Juden, die noch in Griechenland leben: Außer in Athen und Saloniki gibt es in sechs weiteren Städten kleine jüdische Gemeinden.

Saloniki – das „Jerusalem des Balkans“

Seit der Antike ist die Existenz jüdischer Gemeinden in Griechenland dokumentiert. Archäologische Funde und überlieferte Texte wie z. B. die Apostelbriefe des Paulus legen Zeugnis davon ab. In den späteren Jahrhunderten nahm die Zahl der Gemeinden zu: Sie waren zwar relativ klein, aber doch über das ganze Land verteilt. Im Zuge der Vertreibung der spanischen Juden 1492 kamen Tausende von ihnen in das Osmanische Reich. Die meisten ließen sich in Saloniki nieder, so dass die Stadt zum Zentrum der sefardischen Juden wurde und daher das „Jerusalem des Balkans“ genannt wurde. Aber auch aus anderen europäischen Regionen wie Italien und Zentraleuropa kamen Juden zu verschiedenen Zeiten nach Griechenland. Durch die Verlegung der spanischen Tucherzeugung, die seinerzeit den Ruf von Toledo begründete, erlangte die Stadt wachsende Bedeutung auch für den Welthandel, der Saloniki im 17. und 18. Jahrhundert inmitten der allgemeinen Verarmung eine bevorzugte Stellung sicherte.

Die Stadt hatte Ende des 19. Jahrhunderts eine Bevölkerung von 130.000 Seelen, die zur Hälfte jüdisch war. „Die Bootsleute im Hafen sind durchweg Juden, und am Schabbat können die Dampfer weder einladen noch ihre Ladung löschen. Träger und Schuhmacher, Maurer und Seidenerzeuger sind Juden“, berichtet eine Chronik aus dieser Zeit. „Es gab um 1920 in Saloniki 12.000 jüdische Fabrikarbeiter, meist in der Tabakindustrie. Alle Wäscherinnen und Hausgehilfinnen der Stadt, auch in nichtjüdischen Haushalten, waren Jüdinnen.“

Das Bild veränderte sich in den 1920er-Jahren, nachdem infolge des Bevölkerungsaustausches mit den Türken das griechische Element verstärkt wurde. Mit den 200.000 eingewanderten Neugriechen wurden die Juden auf ein Viertel der Einwohnerschaft reduziert. Auch bei den Hafenarbeiten behauptete sich die Konkurrenz der griechischen Arbeiter, die durch die neu eingeführte Sonntagsruhe besonders begünstigt wurden. Für die Juden, die damals fast alle die Schabbat-Ruhe einhielten, bedeutet das den Ausfall eines Arbeitstages.

Saloniki besaß damals 30 Synagogen, Talmud-Thora-Schulen, Jeschiwot und eine Reihe weltlicher jüdischer Schulen, die teils von der Alliance Israelite Universelle, teils vom Hilfsverein der deutschen Juden gegründet wurden. „Heute haben wir leider nur mehr zwei Synagogen in der Stadt. Die Wunden der Schoah sind hier noch nicht verheilt“, beklagt Sefiha, dessen Familie auch nur durch Hilfe von Nicht-Juden und durch pures Glück in der Stadt überlebt hat. Auf der Insel Rhodos steht die älteste erhaltene Synagoge, Kahl Shalom, aus dem Jahr 1577.

Verfolgung und Entschädigung

Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges lebten in Griechenland 77.000 Juden, davon etwa 55.000 in Saloniki. Im April 1941 überfielen die Nazis Griechenland. Die Schreckensherrschaft dauerte bis Oktober 1944, in dieser Zeit wurden 67.000 griechische Juden ermordet. Griechenland hatte mit 86 Prozent nach Polen mit 91 Prozent den höchsten Verlust an jüdischen Menschen zu beklagen. Nach Kriegsende waren viele Gemeinden völlig ausgelöscht. Von den Überlebenden kamen nur wenige nach Griechenland zurück.

Zwei mutige Rettungsaktionen sind auch aus Griechenland bekannt geworden: Der griechische Premierminister und Erzbischof, Damaskinos Papandreou, widersetzte sich erfolgreich der Verschleppung von Zwangsarbeitern und griechischen Juden. Israel ehrte ihn mit dem Titel „Gerechter unter den Völkern“. Spektakulär war auch die Aktion des Bürgermeisters Loukas Carrer und des griechisch-orthodoxen Erzbischofs von Christostomos im Jahr 1944: Die von der deutschen Wehrmacht geplante Deportation der 275 Menschen von der Insel Zakynthos wurde von den beiden verhindert: Sie setzten anstatt der Namen der jüdischen Bürger ihre beiden Namen auf die von der Besatzungsmacht geforderte Liste.

„Es ist das Ende eines langen Prozesses“, moniert der Präsident der jüdischen Gemeinde von Saloniki, David Saltiel. „Wir hoffen, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte uns jetzt hilft, an das Lösegeld zu kommen, das die jüdische Gemeinde an Deutschland zahlen musste. Denn die griechische Justiz hat sich nicht zuständig erklärt“, so der 84-jährige Saltiel. Etwa 10.000 jüdische Männer waren nach Saltiels Angaben von den Nazis zur Arbeit an Straßen und Bahnstrecken im ganzen Land gezwungen worden. Wegen der zahlreichen Todesfälle in den ersten zwei Monaten entschied sich die Gemeinde damals, ein Lösegeld zu zahlen, um die Männer zu befreien. Saltiel argumentiert, dass die Gemeinde 1943 2,5 Millionen Drachmen (das entspricht heute ca. 45 Mio. Euro) an Max Merten, den damaligen Regionalkommandanten von Thessaloniki, zahlen musste, um die jüdischen Männer zwischen 18 und 45 aus der Zwangsarbeit zu befreien.

Sorgenvoller Blick in die Zukunft

„Wir blicken mit Sorge in die Zukunft, denn das Land geht schwierigen Zeiten entgegen. Und in Phasen von sozialen Spannungen ist immer wieder mit dem Anstieg des Antisemitismus zu rechnen“, befürchtet Minos Moissis. „Wenn es wirtschaftlich schlecht geht, kommt es meist zur Suche nach den Schuldigen. Dann fällt der Blick schnell auf Minderheiten.“ Noch sei es nicht soweit, bestätigen die jüdischen Vertreter aus Saloniki und Athen. Derzeit könne man keinen Anstieg des Antisemitismus feststellen. Außerdem würde schnell reagiert und protestiert, wenn z. B. ein rechter Politiker, wie jüngst auf Facebook geschehen, die Wirtschaftslage Griechenlands als „ökonomischen Holocaust“ bezeichnet oder die Geschehnisse in Auschwitz relativiert.

„Junge und vor allem gut ausgebildete Gemeindemitglieder verlassen das Land aus beruflichen Gründen“, erzählt der Athener Präsident. „Ihre Zahl ist sicher gestiegen, manche gehen auch auf Alija.“ Auch Lazaros Sefiha, der Unternehmer aus Saloniki, hat Verständnis für die jüdische Jugend, die Griechenland verlässt. „Unsere Zukunft hier ist nicht klar, wir befinden uns in einer Übergangsphase. Wir wissen einerseits, dass das alte politische System tot ist, andererseits müssen wir uns zu mehr Selbstvertrauen aufschwingen und ernsthaft arbeiten.“ Bis das Blatt sich wendet, werden einige Gemeindemitglieder, dazu zählen erfolgreiche Selbstständige, Kaufleute und Firmenmanager, jenen Jugendlichen helfen, die jetzt schon Alija machen. „Jene die einen Ulpan in Israel besuchen, unterstützen wir jetzt schon finanziell während der ersten Monate ihres Aufenthalts.“ ◗

Bild: © L. Sefiha privat

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