Juden in Ungarn: Nahes Ende eines mühsamen Zwists? Interview I.

Während Österreich in seiner Tradition der Einheitsgemeinde alle jüdischen Stimmen unter einem Dach vereint, steht Ungarns jüdische Gemeinschaft an einem Scheideweg. Der historische Dachverband MAZSIHISZ und die jüngere EMIH verkörpern nicht nur unterschiedliche gemeindepolitische und religiöse Ansätze, sondern definieren auch ihr Verhältnis zur Orbán-Regierung auf verschiedene Weise. Marta S. Halpert hat sich für uns beide Seiten angehört.

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© Andor Grósz Büro/Kristof d. Keszthelyi

„Als Religionsgemeinschaft stehen wir außerhalb der Tagespolitik und deren Debatten.“
Andor Grósz ist seit 2024 Präsident des Dachverbandes der jüdischen Gemeinden Ungarns, davor diente er Jahrzehnte als Chefmediziner im Bundesheer und war lange Zeit Präsident der jüdischen Gemeinde Kecskemét.

WINA: Professor Grósz, Sie wurden im Februar 2024 zum Präsidenten des Dachverbandes der jüdischen Gemeinden Ungarns (Mazsihisz) gewählt. In einem der ersten Interviews bedauerten Sie, dass die Zusammenarbeit zwischen der orthodoxen Budapester Gemeinde und Mazsihisz nicht gut wäre. Was genau meinen Sie damit?
Andor Grósz: Den religiösen Charakter unseres Verbandes zu definieren und damit auch zu stärken, war und ist mein wichtigstes Vorhaben in dieser Präsidentschaft. Denn ich habe festgestellt, dass das moderne Judentum in Ungarn in einer vielfältigen Krise steckt, weil es zu viele Fraktionen gibt, wodurch die gesamte Gemeinschaft zersplittert ist. Ich finde, dass die oppositionellen Gruppen zu wenig den Kompromiss gesucht haben. Auch deshalb bemühte ich mich gleich um die Intensivierung des Dialogs mit dem Rabbinat, denn ich möchte Frieden, Einheit und Zuversicht sowie gegenseitigen Respekt für gegenseitige Ansichten innerhalb des Verbandes erreichen. Dafür haben wir für alle Mitglieder des Rabbinats einen Vertragsrahmen geschaffen, der allen Klarheit und Sicherheit bringt.

Das betrifft vor allem den religiösen Charakter von Mazsihisz. Aber der Großteil des ungarischen Judentums ist ja säkular und nur eine Minderheit orthodox und Shomer Shabbat.
I Abgesehen davon, dass sich Mazsihisz als Konfession definiert, ist sie die größte jüdische Organisation, die den überwiegenden Teil der jüdischen Bevölkerung Ungarns repräsentiert. Der Kern der Gemeinde ist religiös und hält die Schabbatgesetze ein – aber es stimmt, das ist nur ein kleiner Teil. Die wesentlich größere Zahl lebt ihr Judentum nicht in den Synagogen. Deshalb ist es uns ganz wichtig, die säkular lebenden Juden mit anderen für sie relevanten Angeboten an unsere Organisation zu binden. Dazu zählen vor allem die Notwendigkeiten des alltäglichen Lebens: Wir führen eigene Kindergärten, Volks- und Mittelschulen ebenso wie Fachschulen, Universitäten und ein Spital. Die Renovierung und Erweiterung des einzigen jüdischen Spitals in Mitteleuropa, des Mazsihisz-Wohlfahrtsspitals mit einer Bettenkapazität von 240, wird im Dezember 2025 abgeschlossen.

„Den religiösen Charakter unseres Verbandes zu definieren
und damit auch zu stärken, war und ist
mein wichtigstes Vorhaben in dieser Präsidentschaft.“

Budapest war bekannt für seine renommierte Ausbildungsstätte für angehende Rabbiner. Ist diese Hochschule noch aktiv?
I Ja, sie ist auch die älteste durchgehend funktionierende rabbinisch-jüdische Institution (OR-ZSE) auf dem europäischen Kontinent. Die ungarische Regierung hat aus Anlass des 150-jährigen Bestehens für die komplette Renovierung des Hauses einen Betrag von 635 Millionen HuF (1.560.000 €) zur Verfügung gestellt. Wir bieten allen Altersgruppen kulturelle Aktivitäten an, sehr populär ist inzwischen das Jewish Cultural Festival, an dem jährlich rund zehntausend Menschen teilnehmen, darunter auch zahlreiche nicht jüdische.

⇒ Juden in Ungarn: Nahes Ende eines mühsamen Zwists? Interview II.

Bald nach dem Ende des Kommunismus entdeckten viele Menschen ihre jüdischen Wurzeln und wollten auch in der Gemeinschaft anerkannt werden, auch wenn „nur“ der Vater jüdisch war – aber die Schoa in Auschwitz-Birkenau überlebt hatte. Hat Mazsihisz für diese Gruppe, die sich auch als „kulturell jüdisch“ bezeichnet, irgendeine Lösung, Anbindung gefunden?
I Die halachischen Gesetze können nicht geändert werden. Jedoch als neologe Gemeinde lässt Mazsihisz jeden partizipieren, der sich zugehörig fühlt. Zusätzlich machen wir unter meiner Präsidentschaft die größten Anstrengungen, Menschen zu erreichen, die irgendwelche familiäre Verbindungen zum Judentum haben, wenn auch nur kultureller Art. Wir bieten viele Programme an für Menschen, die offen sind und sich für die Werte und Kultur der Gemeinde interessieren.

Wie ist das Verhältnis zwischen Mazsihisz und der Orbán-Regierung?
I Als Religionsgemeinschaft stehen wir außerhalb der Tagespolitik und deren Debatten. Es leitet uns das Prinzip, dass wir eine gute und ausgeglichene Beziehung mit der heutigen Regierung haben müssen, ungeachtet der Parteizugehörigkeit oder politischen Orientierung. Da gibt es nur eine Ausnahme: Wenn die Gemeinde oder die Sicherheit der jüdischen Menschen und Israels gefährdet ist. Dann nehmen wir selbstverständlich eine harte Haltung ein.

Wurden Förderungen für Mazsihisz eingestellt oder dramatisch gekürzt?
I Nein, denn ich habe sofort nach meiner Wahl die Mitglieder der Regierung und der Ministerien kontaktiert, mit denen unser Dachverband schon direkten Kontakt hatte. Bereits im Oktober 2024 haben sich diese Bemühungen bezahlt gemacht, denn wir haben mit dem ungarischen Premierminister ein Entwicklungspaket abgeschlossen. Dank dieses Abkommens wird das jüdische Spital fertiggestellt, die Renovierung der Rabbiner-Hochschule in Angriff genommen sowie mit der Modernisierung unserer Zentrale in der Síp utca. 12 im Eigentum der jüdischen Gemeinde Budapest begonnen.

Viktor Orbán ist ein guter Freund der Regierung in Israel. Aber er bekämpft weder den Antisemitismus in seiner eigenen Partei noch in der Zivilgesellschaft. Wie finden Sie das?
I Natürlich geht es bei unseren Gesprächen mit der Regierung nicht nur um die Erhaltung und Entwicklung unserer Institutionen oder Sicherheitsfragen. Immer wenn es gerechtfertigt ist, machen wir die jüdischen Interessen geltend. Zum Beispiel protestierten wir heftig beim Innenministerium, als in Folge eines Fußballspiels bosnische Fans, von der Polizei eskortiert, einen Marsch durch den 7. Bezirk machten, wo gerade das Jüdische Kulturfestival abgehalten wurde. Dabei haben sie lautstark einen palästinensischen Staat gefordert. Die Regierung bekräftigte uns gegenüber das Prinzip der Null-Toleranz, und das funktioniert in Ungarn. Daher kann die jüdische Gemeinde frei ihre Religion praktizieren und sicher leben. Wichtig ist, dass wir sofort aufstehen und protestieren, wenn diese Grenze verletzt wird.

NEOLOGIE
Die Neologie entwickelte sich als eine spezifisch ungarische Ausprägung der jüdischen Reformbewegung. Ihre Entstehung war zunächst eng mit der reformistischen Strömung in der österreichisch-ungarischen Monarchie verknüpft, später wandte sie sich jedoch wieder traditionelleren, konservativeren Formen des Judentums zu.
Diese erneuerte Form der jüdischen Religion in Ungarn entsprang dem Streben des dort ansässigen jüdischen Bürgertums nach vollständiger gesellschaftlicher Emanzipation. Da ihre Neuerungen im Wesentlichen eng mit den gesellschaftlichen Assimilationsprozessen verbunden waren, tasteten sie die Grundlagen der liturgischen Ordnung nicht an, ergänzten diese jedoch durch ungarische Predigten und Erläuterungen. Viel mehr wurden jedoch die Kleidungs- und Verhaltensvorschriften gelockert, während die Synagogenarchitektur Elemente aus der christlichen Architektur integrierte.
Das bekannteste Beispiel hierfür ist die Dohány-Synagoge im Herzen Budapests, in der auch eine Orgel erklingt und die von Oberrabbiner Robert Fröhlich dennoch als orthodox bezeichnet wird: „Die Neologie ist in dem Sinne orthodox, dass sie nichts aus der Religion, dem Ritual und der Liturgie weglässt. Wir sprechen im Tabak-Tempel dieselben Gebete wie in der orthodoxen Synagoge, nur wird bei uns auf Ungarisch gepredigt. Wesentlich ist in unseren neologen Gemeinden, dass wir zwar orthodox leben, unsere Mitglieder jedoch nicht kontrollieren und nicht von ihnen erwarten, dass sie zum Beispiel zu Hause koscher essen oder den Schabbat halten.“ Heute bezeichnet sich die Mehrheit des nach der Schoa verbliebenen ungarischen Judentums als neolog.


Wie würden Sie das Verhältnis zwischen Mazsihisz und Rabbi Slomó Köves von der Chabad-EMIH-Gemeinde beschreiben?

I Ungarn hat eine 150-jährige Tradition des gegenseitigen Respekts zwischen Neologen und Orthodoxie: Während 90 bis 95 Prozent der Juden zur ersten Gruppe gehören, sind nur die restlichen zwei bis drei Prozent orthodox. EMIH ist vor zwanzig Jahren aufgetaucht und versucht das mit der Verbreitung von Chabad-Politik zu ändern. Wir sind uns dessen bewusst, denn sie suchen die Unterstützung von religiösen und politischen Kreisen, auf Kosten der Orthodoxie. Diese Bemühungen lehnt der Großteil der ungarischen Juden ab, dazu haben sich auch mehrere Rabbiner geäußert. Da EMIH gesetzlich anerkannt wurde, wird das von Mazsihisz akzeptiert.

Gibt es keinen offenen Konflikt mehr?
I Das Verhältnis ist nicht konfliktfrei, das ist schmerzlich. Denn manchmal bleiben sie mit ihren Aktionen nicht innerhalb des Rahmens der Gemeinde, sondern verursachen sogar Antisemitismus und geben Anlass für falsche Schlussfolgerungen über das Judentum. Aber ich glaube fest daran, dass wir uns zum Frieden bewegen müssen. Das heißt natürlich nicht, dass wir unsere Prinzipien, wie traditionelle Gebräuche oder moralische Standards, aufgeben. Nach den schrecklichen Ereignissen des 7. Oktobers 2023 haben sich jüdische Organisationen darauf verständigt, jeden Streit zu vermeiden, solange Israel in Gefahr ist und Blut fließt. Wir werden selbst streng darauf achten, solange unsere Grenzen nicht überschritten werden.

 


Andor Grósz, Präsident der Föderation der Jüdischen Gemeinden Ungarns, wurde 1951 in eine traditionell religiöse Familie in Györ geboren. Nach seiner Schulausbildung begann er das Studium der Flugmedizin an der Militärischen Medizinakademie in St. Petersburg, wo er 1977 sein erstes Diplom erhielt.
Er diente in verschiedenen medizinischen Positionen bei den ungarischen Streitkräften, bis er Generaldirektor des Militärspitals in Budapest wurde. 2013 beendete er als Brigadegeneral und Chefmediziner seine Karriere beim Militär. Bereits 2000 war er unter den Gründern der Fakultät für Flug- und Raumfahrtmedizin an der Universität in Szeged; 2010 zum Univ.-Professor mit drei medizinischen Fachgebieten ernannt, hält er auch ein PhD.
1990 wurde Andor Grósz zum Präsidenten der Jüdischen Gemeinde in Kecskemét gewählt und war somit auch Mitglied in der Generalversammlung von Mazsihisz. Während seiner Zeit in Kecskemét vollendete er die vollständige Renovierung des jüdischen Friedhofs mit 2.200 Gräbern und initiierte auch die Wiederherstellung einer Reihe von Synagogen. Andor Grósz ist verwitwet und Vater zweier Töchter.
Das Interview mit Präsident Grósz wurde aus Termingründen schriftlich geführt.

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