Judenhass im Internet

Wer Antisemitismus bekämpfen will, braucht Wissen darüber, worauf sich Judenfeindlichkeit gründet und wie sie sich verbreitet. Die deutsche Antisemitismusforscherin und Kognitionswissenschafterin an der Technischen Universität Berlin, Monika Schwarz-Friesel, legte nun eine Studie zu „Judenhass im Netz“ vor. Darin skizziert sie auch Handlungsoptionen, um gegenzusteuern.

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Monika Schwarz-Friesel: Judenhass im Internet. Antisemitismus als kulturelle Konstante und kollektives Gefühl. Hentrich & Hentrich 2019, 168 S., € 18,40

Tagtäglich werden antisemitische Texte, Bilder, Audiodateien und Videos ins Internet gestellt. Anders als in Gesprächen Dahingesagtes und Angedeutetes, werden all die judenfeindlichen Statements in Netz, die sich in Zeitungsforen ebenso finden wie auf Social Media, auf Verschwörungsseiten, aber teils auch auf vermeintlich objektiven Portalen wie Ratgeberseiten oder Lernkanälen auf Youtube gespeichert und bleiben abrufbar. So sammeln sich über die Jahre Unmengen an antisemitischen Datensätzen im Netz.
Zudem tritt der Judenhass hier heute wieder offen und selbstbewusst hervor, konstatiert Schwarz-Friesel. Das Ressentiment gegen Juden sei nach 1945 nicht verschwunden, es wurde nur verdeckt, implizit, in Chiffren und Andeutungen artikuliert. Im Netz tritt Antisemitismus dagegen nun wieder selbstbewusst auf und greife dabei auf seine alten Wurzeln, seine Jahrhunderte alte Nahrung zurück: „Die im kulturellen Gedächtnis gespeicherten Stereotype und Phantasmen, die im kollektiven Bewusstsein verankerten Gefühle.“

»Jeden Tag werden Tausende neue Antisemitismen gepostet und ergänzen die seit Jahren im Netz gespeicherten judenfeindlichen Texte, Bilder und Videos.«
Monika
Schwarz-Friese

Man könnte auch sagen: Hass reloaded, so die Forscherin. Es zeige sich, dass Antisemitismus nie wirklich und nachhaltig aufgearbeitet worden sei. Online bahne er sich nun seinen Weg „in einem Ausmaß, das es in der Geschichte nie zuvor gab, da erst die technischen Möglichkeiten des digitalen Zeitalters diese schnelle, globale und breite Vermittlung judenfeindlichen Gedankenguts ermöglicht hat“. Das Internet, mittlerweile weltweit das wichtigste Kommunikationsmedium und der am häufigsten genutzte Kommunikationsraum, „verbreitet täglich und mittlerweile in seiner Radikalität alltäglich den alten Judenhass, als hätte es nie eine Aufklärungs- und Erinnerungskultur nach Auschwitz gegeben. Judenfeindschaft ist die Schattenseite des viel gepriesenen Abendlandes, seine schwarze und tödliche Obsession.“
Die Schattenseite ist aufmerksamen Netzusern und -userinnen hinlänglich bekannt. Viele der von Schwarz-Friesel dokumentierten Beispiele überraschen daher nicht, sondern bestätigen nur das, womit man sich zum Beispiel selbst auf Facebook oder in Zeitungsforen unter Artikeln, die aus Israel berichten, konfrontiert sieht. Keines der folgenden in der Studie angeführten Zitate (inklusive Fehlschreibungen) aus dem Netz erstaunt daher: „Die müssen alle vergast werden diese stinkenden Drecksjude“, „der tag wird kommen da wir euch vernichten werden das ist keine Drohung sondern ein versprechen“, „Grass musste sterben, weil er die Wahrheit über die Juden sagte“ oder „Die Zionistenclans sind die Pest der Welt“.
Das Problem: „Jeden Tag werden Tausende neue Antisemitismen gepostet und ergänzen die seit Jahren im Netz gespeicherten und einsehbaren judenfeindlichen Texte, Bilder und Videos. Es gibt kaum noch einen Diskursbereich im Netz 2.0, in dem Nutzer nicht Gefahr laufen, auf antisemitische Texte zu stoße, auch wenn sie nicht aktiv danach suchen“, so Schwarz-Friesel. Judenfeindliche Inhalte gehören damit mittlerweile zur Webkultur. Das Web 2.0 sei heute der primäre Tradierungsort und Multiplikator für die Verbreitung von judenfeindlichen Inhalten.
Fazit der Forscherin: Die Büchse der digitalen Pandora ist weit geöffnet. In den sozialen Medien sei die Anzahl von Antisemitismen nicht nur stark angestiegen, es habe auch eine semantische Radikalisierung stattgefunden. „Das Chamäleon Judenhass erweist sich als kulturelle Konstante und kollektiver Gefühlswert mit sehr langem Atem: Das Jahrhunderte alte Weltdeutungs- und Glaubenssystem, das sich gegen die Existenz von Juden und Judentum richtet, passt sich jeder aktuellen Gelegenheit an, ohne seine konzeptuelle Grundstruktur und seinen Hass zu verlieren. Der Zivilisationsbruch des Holocausts hat Teile der Gesellschaft in Bezug auf judenfeindliches Gedankengut nicht geläutert, seine Thematisierung nicht flächendeckend sensibilisiert für die Gefahren von dämonisierenden Sprachgebrauchsmustern. Mit dem Web 2.0 hat die nahezu grenzenlose Verbreitung judenfeindlichen Gedankengutes allein quantitativ ein Ausmaß erreicht, das es nie zuvor gab.“

Kann dem überhaupt noch entgegengewirkt werden? Und wenn ja, wie? Schwarz-Friesel schickt hier voraus: Handlungsempfehlungen aus der Wissenschaft können keine Patentrezepte sein, denn ihre Anwendung hänge von vielen Faktoren ab, die entscheiden, ob in einer Gesellschaft der Wille und die Voraussetzungen dafür gegeben seien. Sie appelliert allerdings: „Nicht weiter so!“
Wer nun Vorschläge erwartet, wie man Antisemitisches besser aus dem Netz löscht oder meldet: In diese Richtung geht die Forscherin nicht. Sie spricht sich für Aufklärungsarbeit aus und pocht dabei für den Blick zurück in die Geschichte. „Denn ohne das Wissen um die kulturhistorische Verankerung von Judenhass und dessen Berücksichtigung bei Gegenmaßnahmen bleiben alle Versuche oberflächlich und wirkungslos. Weil sie nicht die Wurzel erfassen, weil sie nur die Symptome zu behandeln versuchen, ohne den Grund, ohne die Ursache zu erklären und zu bewältigen.“
Dazu nötig: Deutschland (Ähnliches gilt wohl auch für Österreich) müsse das verklärte Bild des christlichen Abendlandes realistisch zurechtrücken. „Judenhass kam nicht aus der Luft, kam nicht als ein willkürlicher Trieb von gewaltbereiten, primitiven Menschen, traf nicht zufällig die Juden und auch nicht, weil sie etwas taten oder nicht taten. Die Verdammnis des Judentums und seine Negativbestimmung, die bis heute das Schicksal des gesamten jüdischen Volkes bestimmt, ging einher mit der Entwicklung und Ausbreitung des Christentums, das sich unter allen Umständen von seiner Ursprungsreligion lösen wollte.“
Es reiche daher eben nicht, Kindern und Jugendlichen zu vermitteln, was im Holocaust geschehen ist, sonst bleibe immer das rudimentäre Bild hängen, Juden seien zwischen 1933 und 1945 Opfer eines rassistischen, fanatischen Gewaltregimes geworden. Man müsse auch erklären, wie es dazu kommen konnte, „wie lang der Atem der abendländischen Differenzkonstruktion in ein manichäistisches Gut und Böse, Richtig und Falsch dabei wirkte, um begreifbar zu machen, warum es zu diesen Gräueltaten kam“.
Ein Anfang wäre hier „ein Ende der Floskelkultur“. Zur Routine erstarrte Gedenkreden müssten aufgebrochen werden, die Gewaltbereitschaft von Antisemiten zudem weder in die eine Richtung (Neonazis, Rechtsradikalismus) noch in die andere Richtung (muslimisch-islamistischer Antisemitismus) heruntergespielt werden. Schwarz-Friesel fordert eine offener und rationaler geführte Debatte, „ohne überzogene politische Korrektheit oder falsche Rücksichtnahme aus Sorge um soziale Reaktionen, auch ohne Ansehen der Person. Wer wirklich etwas gegen Judenhass unternehmen möchte, der muss sich auch mit seinesgleichen anlegen.“ Wahre Aufklärung sei am Ende immer schonungslos und unbequem und tue weh. „Aber die Verpflichtung, die sich aus der Erinnerung ergibt und die in der Gegenwart die Zukunft gestaltet, hat keinen anderen Weg.“

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