
Die Smart Map of Jewish History wird nicht nur eine digitale Landkarte sein, die jüdisches Leben von einst dokumentiert. Zu jedem point of interest – das kann ein Gebäude, ein Ort, ein Unternehmen, eine Institution, aber auch eine Person sein – wollen die Wissenschafterinnen und Wissenschafter hinter diesem Projekt auch eine Geschichte erzählen. Hinter sich lassen will man dabei den enzyklopädischen Zugang. „Wir setzen hier auf Storytelling“, erklärt Christoph Lind, Historiker am Institut für jüdische Geschichte Österreichs (Injoest) in St. Pölten.
Für jeden point of interest bemühe man sich, die einzigartige Geschichte des Ortes oder der Person zu finden. „Man kann zum Beispiel bei einem Synagogenbau die Architektur ins Zentrum der Erzählung stellen und sich bei einem anderen mit den Schwierigkeiten, die Geldmittel dafür aufzustellen, beschäftigen“, erläutert Lind.
Bei der Auswahl der Orte, Bauten, Einrichtungen bemühen sich Lind und Architekt Herbert Peter, der auch an der Akademie der bildenden Künste forscht und lehrt und in der Vergangenheit bereits gemeinsam mit Bob Martens Wiener Synagogen mit virtuellen Modellen wieder zum Leben erweckte, auch bisher unbekanntere Storys zu dokumentieren. Statt also beispielsweise in Wien alle früheren jüdischen Sakralbauten zu dokumentieren, die auf Wikipedia, aber auch Wien Geschichte Wiki schon gut erfasst seien, will man sich hier zum Beispiel das Rothschild-Spital, das Israelitische Blindeninstitut auf der Hohen Warte oder die Zeremonienhalle am Zentralfriedhof näher ansehen.

Interaktiv und wissenschaftlich nutzbar. Die Interaktivität der Smart Map of Jewish History ergibt sich auf mehreren Ebenen: Einerseits öffnen sich beim Anklicken jedes bunt auf der Karte aufscheinenden point of interest verschiedene Dokumente: Das können Fotos, virtuell begehbare 3D-Visualisierungen, aber auch, so vorhanden, Videos sein. In jedem Fall sollen die Geschichten zu den Orten und Menschen in kurzen Texten erzählt werden, die mit wissenschaftlichen Quellen versehen sind. Vieles, das im Netz – Stichwort: unseriöse Genealogieseiten (es gebe natürlich auch seriöse) – zu finden sei, entbehre Wissenschaftlichkeit und sei nicht überprüfbar, sagt Peter. Im Gegensatz dazu soll die Smart Map of Jewish History auch Forschern und Forscherinnen offen stehen, um hier zitierbare Informationen finden zu können.
Weiters sollen mit dieser Karte auch Geschichten miteinander verknüpft werden. In Wilhelmsburg in Niederösterreich gab es einst eine Steingutund Porzellanfabrik, erzählt Lind. Dort wurde auch das bekannte Lilienporzellan gefertigt. Die Steingut- und Porzellanfertigung reicht an dem Ort bis in das Jahr 1795 zurück, 1883 wurde die Fabrik vom in Wien ansässigen jüdischen Großhändler Heinrich Lichtenstern gekauft.
Jeder Punkt, der farbig markiert ist, bietet bereits
Informationen. So können Interessierte nachsehen,
ob Neues dazugekommen ist.
Sein Sohn Richard Lichtenstern machte das Unternehmen mit mehreren Standorten inklusive dieses Werks schließlich zur größten Steingut-Geschirrfabrik in der k.u.k. Monarchie.
Heinrich Lichtensterns Vater Emanuel wurde auf dem Währinger Friedhof bestattet. Dieser wird wiederum ebenfalls ein point of interest, kündigt Lind an. „Wir wollen dabei vor allem den zerstörten Teil des Jüdischen Friedhofs Währing rekonstruieren.“ Heute steht dort ein Gemeindebau der Stadt Wien. In Wilhelmsburg wiederum erinnert das Wilhelmsburger Geschirr-Museum an die frühere Porzellanproduktion an diesem Ort.
Da wie dort sollen – hier kommt ein weiteres Element der Interaktivität hinzu – QR-Codes zur Smart Map of Jewish History führen. Ein Zugang ist also, die Karte am Computer anzusteuern und sich von zuhause aus durch die jüdische Geschichte der Region zu klicken. Ein anderer wäre, sich eine Route vorzunehmen und Orte auch real zu besuchen, etwa in Form eines Spaziergangs, einer Wanderung, einer Autofahrt oder eines mehrtägigen Rad- Trips – hier böte sich etwa eine Fahrt von St. Pölten nach Bratislava an, weiß Lind. Ein ganz anderer Weg führt Menschen, die in der wirklichen Welt zufällig auf einen point of interest stoßen, via QR-Code zur Karte, die dann wiederum einen jüdischen Geschichtenschatz öffnet.
Zu den Zielen gehört daher auch, an so vielen points of interest wie möglich QRCodes anzubringen. So wird zudem den Bewohnern und Bewohnerinnen eines Ortes die eigene Geschichte nähergebracht. Gerade wenn es um jüdische Geschichte gehe, gebe es oft große Lücken im allgemeinen Bewusstsein, erklärt Lind.
Weitere Zielgruppen sind neben Wissenschafterinnen und Wissenschaftern auch Menschen, die sich – etwa im Rahmen von Heimatforschung – der lokalen Geschichtsschreibung widmen, sowie Lehrerinnen und Lehrer und über diese Schulklassen. Die Karte soll schließlich auch touristisches Interesse wecken: Mit ihr können längere Trips per Rad, mit dem Auto oder mit dem Schiff die Donau entlang geplant werden.
Laufzeit des Projekts ist von Mitte 2025 bis Mitte 2028. Peter betont allerdings: Man habe die Arbeit an der Karte als work in progress angelegt. Jeder Punkt, der farbig markiert ist, bietet bereits Informationen. So können Interessierte immer wieder nachsehen, ob Neues dazugekommen ist.
Integrieren möchte Peter auch die bereits von ihm und Martens angefertigten virtuellen 3D-Modelle früherer Wiener Synagogen. Diese waren bisher immer wieder in Museen zu sehen, aber im Netz nicht frei zugänglich. Ihm ist dabei wichtig, dass klar kommuniziert wird, dass es sich um Modelle handelt, die auf Basis vorhandener Pläne und Fotos erstellt wurden. Es besteht aber keine hundertprozentige Sicherheit, dass alle Details historisch so stimmen. „Die Rekonstruktion erfolgte in vielen Fällen aus unterschiedlichen Quellen und hat daher keinen Absolut- Anspruch.“ Dort, wo Interpretationsbedarf besteht, werden Begleittexte dazugestellt, denn, schließt Peter: „Das Bild allein wäre dann nur die halbe Wahrheit oder Realität.“




















