Jüdisches Leben in Salzburg

Die Fotografin und Filmemacherin Joyce Rohrmoser richtet in der Dokumentation Wir sind noch da den Fokus auf Geschichte und vor allem Gegenwart der kleinen und bunten Salzburger Gemeinde.

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Foto: Reinhard Engel

Die Aufmerksamkeit für einen 52-minütigen Film über jüdisches Leben in Salzburg in der Vergangenheit und Gegenwart wäre, wie so oft, auf ein einschlägig interessiertes, kleines Publikum beschränkt gewesen. Doch die Leiterin des Salzburger Filmkulturzentrums DAS KINO, Renate Wurm, verschaffte dem Dokumentarfilm Wir sind noch da – Juden in Salzburg von Sina Moser und Joyce Rohrmoser ganz ungewollt eine riesige Publicity.

Die Uraufführung war für den 28. August geplant, doch etwa zehn Tage davor ließ Geschäftsführerin Renate Wurm die Filmemacherinnen wissen, dass die Uraufführung in das Jahr 2026 verschoben werde. „Frau Wurm druckste herum und behauptete plötzlich, keinen freien Abend mehr bis Jänner zu haben“, erzählt Joyce Rohrmoser. „Als ich weiterbohrte, meinte sie nur: ‚Im Jänner wird sich die Lage in Gaza vielleicht schon gebessert haben.‘ Ich fragte, was denn eine Dokumentation über die Juden in Salzburg, die seit dem 14. Jahrhundert mit Unterbrechungen hier leben, mit Gaza zu tun hätte.“

Die rührige und vielseitige in Mailand als Joyce Fischer Geborene wollte das nicht einfach so hinnehmen, informierte IKG-Präsident Elie Rosen, und so gingen beide an die Öffentlichkeit. Nach umfangreichen TV-und Medienberichten sowie Meldungen über die Absage im Ausland schritt die Salzburger Landespolitik ein: Weil es heute leider erforderlich ist, sorgte man für die Sicherheit der Besucher – und die Premiere fand wie geplant statt. „Die Stimmung war zuerst etwas angespannt, weil eine propalästinensische Demo angekündigt war, aber dann ging alles gut“, erzählt Rohrmoser. „Plötzlich hatte Renate Wurm Termine für drei Wochen Projektion, sogar dreimal wöchentlich!“ Die „ungewollte Werbung“ zeigte Wirkung.

Wir sind noch da: Der Titel des Films verweist schon auf die inhaltliche Botschaft, illustriert aber auch treffend den jüdischen Behauptungswillen: Wir waren immer wieder da – jetzt sind wir noch da! „Die Idee zu dem Film kam mir, als ich mit meiner Kollegin Sina Moser einen Film über Braunau sah, in dem die Einwohner befragt wurden, was sie über das Geburtshaus von Adolf Hitler in ihrer Stadt denken“, erinnert sich die promovierte Kunstgeschichtlerin. „Gleich nach der Aufführung habe ich im Foyer des Kinos mehrere Leute gefragt, ob sie Juden in Salzburg kennen. Die meisten sagten nein, andere wussten von einem oder zwei, manche auch nur, dass es in der Stadt eine Synagoge gibt“, so Joyce Rohrmoser. Auch Renate Wurm stellte sie damals die gleiche Frage, die Antwort lautete: „Ich kannte Marko Feingold*, da habe ich immer gelacht, wenn er jüdische Witze erzählt hat.“

Rohrmoser, die schon früher bei privaten Einladungen darauf angesprochen wurde, dass sie die erste Jüdin sei, der man überhaupt begegne, sah all diese Erfahrungen als Auftrag, einen Film über die Geschichte und die Präsenz der Juden in Salzburg zu machen. „Seit Eli Rosen Präsident der IKG in Salzburg ist, gibt es zahlreiche Veranstaltungen, Konzerte, Lesungen, und auch das Leben in und mit der Synagoge hat ordentlich Fahrt aufgenommen. Jede zweite Woche gibt es einen Minjan und schöne Kidduschim.“ Nur durch die Basisfinanzierung durch die IKG Salzburg war es Sina Moser und Joyce Rohrmoser möglich, auch die Stadt Salzburg in die Postproduktion des Films einzubinden.

„Ich wollte mich mit der chassidischen Herkunft meiner
Mutter auseinandersetzen und fotografierte 1975
eine chassidische jüdische Hochzeit.“
Joyce Rohrmoser

Logischerweise beginnt der Dokumentarfilm daher mit einer Befragung aus dem Off von nichtjüdischen Salzburgern, alt und jung, Männern und Frauen, ob sie jüdische Menschen in ihrer Stadt kennen. Bereits diese Szenen lohnen den Besuch des Films, der im Frühjahr 2026 beim Jüdischen Filmfestival im Wiener Metro Kino gezeigt wird – auch eine positive Folge der Salzburger Turbulenzen.

Inhaltlich konzentriert sich Rohrmoser, die seit 15 Jahren mit der Videokünstlerin Sina Moser unter dem Label MORO Film- und Videoprojekte realisiert, sowohl auf die Frage, wie es den IKG-Mitgliedern als jüdische Minderheit ergeht, als auch, wie sie ihre jüdische Identität leben und erleben. Denn nicht erst in jüngster Zeit ist die Angst vor antijüdischen Übergriffen hoch – also wie sieht jüdisches Leben in Salzburg heute aus? Die chronologische Geschichte der Juden seit dem 14. Jahrhundert wird von einem Sprecher im Hintergrund erzählt, dabei sehen wir eindrucksvolle Aufnahmen der Stadt und diverser Ereignisse, z. B. jüdische Feste in der Sukka oder das Entzünden der Chanukka- Kerzen. Der deutschsprachige Film wird mit englischen Untertiteln gezeigt.

„Ich kenne den Großteil unserer Mitglieder schon lange, seit sechs Monaten bin ich auch im Vorstand der IKG Salzburg. Daher habe ich sehr unterschiedliche Menschen ausgewählt und befragt, so z. B. Leon Keuffer, einen hochbegabten Komponisten und Geiger, der in Belem (Brasilien) geboren wurde, in den USA, in Italien und am Mozarteum in Salzburg studierte und spielt. Oder auch den amerikanischen Historiker Stan Nadel, der bereits 30 Jahre in Salzburg lebt und die Geschichte der Juden sowie einen jüdischen Stadtführer publiziert hat.“

Wer ist diese Joyce Rohrmoser, neé Freidl Fischer? Dass sie 1954 in Mailand geboren wurde, ist der jüdischen Verfolgungsgeschichte durch die Nazis geschuldet: Die Mutter, eine Wienerin des Jahrgangs 1924, rettete sich 1938 nach Kuba, wo sie den Leipziger Vater von Joyce kennengelernt und geheiratet hat. Die Hochzeitsreise ging nach Italien, dort fand der Vater einen Job, und man blieb in Mailand. Da man ursprünglich nach Amerika auswandern wollte, nannte man Freidl zukunftsorientiert in Joyce um. Diese maturierte nach dreizehn Jahren an der jüdischen Schule in Mailand. Das Studium der Fotografie absolvierte sie von 1972 bis 1974 im Istituto Europeo del Design Milano und am London College of Printing.

„Von London kehrte ich nach Mailand zurück und inskribierte Slawistik und Literatur. Ich liebte die Werke von Dostojewski und entdeckte noch viele andere große Literaten. Eigentlich war mein Papa ‚schuld‘ an diesem Interesse“, lacht sie. „Er gehörte zur fünften Generation von Pelzhändlern, ursprünglich aus Czernowitz. Zu meinem 16. Geburtstag nahm er mich nach St.Petersburg mit, denn dorthin fuhr die Familie zwei Mal im Jahr, um Pelze einzukaufen.“

Da der lebhaften jungen Frau die Literatur nicht mehr ausreichte, studierte sie kurzerhand auch russische Kunstgeschichte beim jüdischen Kunstgeschichte- Professor Gabriele Mandel. So kam es, dass sie ihre Dissertation nicht über Literatur, sondern russische Kunstgeschichte schrieb, und zwar über Kasimir Malewitsch und Die Entdeckung der abstrakten Kunst 1913 über ,Das Schwarzes Quadrat‘. Doch die Fotografie blieb Joyces Leidenschaft: „Ich wollte mich mit der chassidischen Herkunft meiner Mutter auseinandersetzen und fotografierte 1975 eine chassidische jüdische Hochzeit.“ Zwanzig Jahre später hielt sie das Leben ihrer Verwandten im orthodoxen Viertel Jerusalems fest, beide Schwarzweißreportagen sind in Buchform erschienen. „Mit diesen Arbeiten reflektierte ich meine Beziehung zur Familie, gleichzeitig aber auch meine Distanz zu dieser Lebensart.“

Doch wie landete Joyce Fischer in Salzburg? „Zu meinem russischen Sprachstudium benötigte ich eine Zweitsprache, also wählte ich Deutsch. An der Uni Mailand sah ich ein Plakat, das einen dreiwöchigen Workshop zur Aufbesserung der Deutschkenntnisse in Salzburg anbot. Ich fuhr mit meiner besten Freundin nach Salzburg und verliebte mich bereits in der ersten Vorlesung in den Professor: Das war Albin Rohrmoser, Professor für Kunstgeschichte und Direktor des Salzburg Museums.“ Dem 18 Jahre älteren Professor erging es ähnlich, und als Joyce 1982 ihr Doktorat in russischer Literatur und Kunstgeschichte fertig hatte, holte sie Rohrmoser am nächsten Tag ab, und sie heirateten im Schloss Mirabell in Salzburg, wo auch ihre zwei Töchter Ruth und Judith zur Welt kamen. „Ich war die erste und Einzige in unserer Familie, die es gewagt hat, einen Nicht-Juden zu heiraten. Meine Eltern haben zwei Jahre nicht mit mir geredet, weil mein Freund ein Österreicher war – und nur 60 Kilometer von Hitlers Geburtsort entfernt lebte. Der Großteil meiner Familie wurde in Auschwitz ermordet. Zur Hochzeit kamen sie dann doch.“

Nur die Kenntnis der russischen Sprache – und fünf anderer – reichten der vielseitig Talentierten nicht aus: 2006 begann sie, Chinesisch zu lernen. Warum das? „Es gibt 1,4 Milliarden Chinesen auf der Welt, ich kann nicht mit ihnen sprechen.“

Die Familie von Joyce hatte es mit den Pelzgeschäften zu Wohlstand gebracht, doch nach dem Tod ihres Vaters ging es langsam abwärts, auch weil Pelz verpönt war. „Mein Neffe, David Fischer, hatte die Idee, das Geschäft in China aufzubauen, und ist nach Shanghai übersiedelt. Er wusste, dass ich schon zwei Jahre die Sprache lerne, und bat mich, Modefotografien für die Firma zu machen. Er richtete mir ein Fotostudio ein, und so verbrachte ich jährlich zwei bis drei Monate in China – und das zehn Jahre lang!“

Man würde meinen, dass Joyce jetzt ruhigere Zeiten im beschaulichen Salzburg angeht, doch weit gefehlt: „Mein nächstes Videoprojekt nimmt das Gästehaus Adolf Hitlers im Schloss Kleßheim ins Visier: Hier fröne ich meiner zweiten Leidenschaft, dem Golfspiel und schwimme in jenem Pool, in dem wahrscheinlich auch Eva Braun gebadet hat.“

 


Marko Feingold (1913–2019) war von 1979 bis zu seinem Tod Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Salzburg. Er hat die KZs Auschwitz, Neuengamme, Dachau und Buchenwald überlebt, wo er die Torturen der SS-Wachmannschaften und schwerste Zwangsarbeit erleidete. Nach 1945 war er Fluchthelfer der Breicha über die Krimmler Tauern und unermüdlicher Mahner und engagierter Zeitzeuge gegen Antisemitismus und Nationalsozialismus.

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