Kassel
Ein Warnzeichen

Der Antisemitismusskandal auf der Kasseler Kunstausstellung documenta geht weit über ein Plakat mit Fratzen hinaus.

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Ein Soldat mit Schweinenase, der ein Halstuch mit Davidstern trägt und einen Helm mit der Aufschrift „Mossad“. Ein Mann mit blutroten Augen, spitzen Reißzähnen und krummer Nase, auf dessen Hut die SS-Runen prangen. Ein applaudierender Teufel mit Fliege und Anzug – ist das nicht ein kleiner weißer Magen David auf seiner Brust?

Experte für antisemitische Stereotype muss man wahrlich nicht sein, um solche Motive zu entschlüsseln. Diese beschriebenen Gestalten sind Teil eines großflächigen Plakats, das zwischenzeitlich auf dem zentralen Friedrichsplatz in Kassel zu sehen war. Und zwar als Teil der documenta, einer der weltweit wichtigsten Ausstellungen für zeitgenössische Kunst. Politik und Feuilletons reagierten erschrocken, die Veranstalter ruderten zurück, das „Werk“ der indonesischen Künstlergruppe Taring Padi namens People’s Justice wurde entfernt. In dem muslimisch geprägten Land fühlte man sich den Palästinensern nahe, hieß es schon vorher.

Die documenta widmete sich diesmal dem „globalen Süden“. Künstler aus Israel einzuladen, kam den Machern nicht in den Sinn. Die Dimension des Skandals geht weit über ein Plakat voller Fratzen hinaus. Hier wurde unter dem Deckmantel der Kunst versucht, eine wahnsinnige Opfer-Täter-Umkehr in aller Öffentlichkeit darzustellen: Juden als blutrünstige Dämonen mit Nazi-Bezug – und das mitten in Deutschland.

Darüber muss offen gesprochen werden, die Debatte sollte allerdings den Fokus weiten. Was ist das für ein Klima, in dem solche „Kunst“ als präsentierwürdig bewertet wird? Antisemitismusvorwürfe gegen das von der documenta beauftragte Kuratorenkollektiv Ruangrupa gab es schon lange vor der Eröffnung – nahm man also den Skandal wissend in Kauf?

Bei den in Kassel involvierten Personen
und Institutionen handelt es nicht
um
tumbe Kellernazis.
Hier haben intellektuelle Köpfe entschieden.

Wenn die Aufarbeitung stockt und namhafte Experten wie der Frankfurter Pädagoge Meron Mendel frustriert ihr Angebot zur Mitarbeit zurückziehen, was sagt das über die Kompetenz der documenta-Spitze aus?

Bei den in Kassel involvierten Personen und Institutionen handelt es nicht um tumbe Kellernazis. Hier haben intellektuelle Köpfe entschieden, von denen sich wohl nicht wenige selbst als Linke oder Liberale sehen, auf jeden Fall als gute Demokraten. Sie wollen, dass Kunst in die Gesellschaft wirkt, Denkanstöße liefert – in diesem Fall war es eine Darstellung, die aber unzweifelhaft darauf abzielt, Israel als Nazi-Regime zu verunglimpfen. Ein bisschen Judenhass ist okay – das ist die fatale Botschaft, die unterschwellig von der documenta ausgeht. Daran ändert auch das Abhängen des Plakats nur wenig, auch nicht der Rücktritt der documenta-Direktorin.

Das Signal aus Kassel steht im krassen Gegensatz zu einer anderen Entwicklung. Gerade in Deutschland und in Österreich, den beiden Täterländern, wächst die Sensibilisierung für Misogynie, Rassismus, Homophobie seit Jahren: Diskriminierungen aller Art werden mehr und mehr gesellschaftlich geächtet und gesetzlich bekämpft – und das ist immens wichtig und überfällig.

Umso grotesker ist es, dass in der Mitte der Allgemeinheit immer wieder Antisemitismus in unterschiedlichen Schattierungen sichtbar wird. Denn gegen Juden gerichteter Hass ist die älteste und folgenschwerste Variante gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Kassel reiht sich ein in ähnlich grundierte Vorfälle in der jüngeren Vergangenheit, die den Kulturbereich im weiteren Sinne betrafen. Man denke nur an die antisemitischen Pointen einer österreichischen Kabarettistin oder entsprechende Karikaturen in einer deutschen Qualitätszeitung. Mag sein, dass sich bei solchen Fällen die Motive unterscheiden, mal gibt Skandalgeilheit den Ausschlag, mal Ignoranz, mal Boshaftigkeit.

Kassel ist ein besonders grelles Warnzeichen dafür, dass sich unter dem Deckmantel der Kunst etwas Gefährliches entfaltet. Kunst entstehe nicht im luftleeren Raum, sagt Meron Mendel, der die Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank leitet. Deshalb muss dagegengehalten werden – zu jeder Zeit, auf allen Ebenen, von Menschen mit jüdischem und mit nichtjüdischem Hintergrund.

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