Kein Tschechow, nirgendwo

In Vier Schwestern errichtet Ernst Strouhal seiner Mutter und seinen Tanten der Familie Benedikt mit Worten aus Worten ein Gedenk-Erinnerungspiedestal.

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Feines Familienmosaik: Standard-Schach-Experte Ernst Strouhal hat die Geschichte seiner Familie über die Briefe von vier Schwestern zusammengefüht, von denen eine seine Mutter war.

Nein, einen Kirschgarten gab es in der Himmelstraße 55 in Grinzing keinen. Und es waren vier Schwestern, nicht drei wie bei Tschechow: Gerda, geboren am 20. Juni 1915, Friedl, die am 9. November 1916 zur Welt kam, Ilse, drei Monate vor Kriegsende am 14. August 1918 zur Welt gekommen, und Susanne, die jüngste. Sie, das Nesthäkchen, erreichte ein hohes Alter. 1923 geboren, starb sie 91-jährig im Sommer 2014.

Dieses Quartett der Familie Benedikt wird von Ernst Strouhal in einem kunstvoll kombinierten Buch gewürdigt, das aus Korrespondenzen besteht, erklärenden Kommentaren und eigenen Erinnerungen. Leichtes plus smarte Kombinatorik liegt dem Wiener Ernst Strouhal, der Professor an der Universität für angewandte Kunst in Wien ist, seit 1990 die Schachkolumne in der Tageszeitung Der Standard betreut, über die Kunst des Schachspiels, die Historie anderer Zirzensien und Luftschlösser ebenso publizierte wie über den Zettelkatalog, Zauberkunst, den Wind.

Zusammengeführt hat er weit über die Welt verstreute Briefe der vier schreibbeflissenen Schwestern. Großbürgerlich waren die Benedikts, kultiviert. Großvater Moriz war Eigentümer der Neuen Freien Presse und wurde ausdauernd von Karl Kraus sekkiert, weswegen dessen Name in der Familienrunde nicht erwähnt werden durfte.

 

Zusammengeführt hat er weit über die Welt
verstreute Briefe der vier
schreibbeflissenen
Schwestern.

 

Ernst Benedikt, der Vater, 1882 geboren, promovierter Jurist, war von 1920 bis 1935 Eigentümer und Chefredakteur. 1938 wurde er verhaftet, saß bis Frühjahr 1939 in Haft. Freigelassen, floh er sogleich nach Großbritannien, dann nach Schweden, konnte beruflich aber nie mehr richtig Fuß fassen. Er starb Ende 1973, seine Frau, eine geborene von Rosen, war vier Jahre zuvor verstorben. Da hatten sie drei ihrer Töchter überlebt, nur Susanne lebte noch. Gerda, früh unglücklich verliebt und einen Suizidversuch überlebend, hatte einen Psychiater geehelicht, war mit ihm in die USA emigriert, malte, wurde depressiv, ließ sich scheiden, erlag 1970 einer Krebserkrankung. Ilse (Strouhals Mutter) war ein Jahr zuvor ebenfalls an Krebs gestorben, Friedl, die eine unglückliche Amour mit Elias Canetti verband, bereits 1953; Susanne, in Paris als Journalistin tätig, erzwang vom Literaturnobelpreisträger eine Korrektur seiner bös verzerrten Darstellung in Das Augenspiel.

Entstanden ist so ein feines Familienjahrhundertmosaik, das zwischen Glück und Tragik, Freude und Verlusten, Spiel, Flucht und gelebter Verzweiflung changierend.

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