Kein Vorrecht auf Antisemitismus

Es war ein Experiment. Ein israelischer Araber mit Kippa auf Berlins Straßen, April 2018. Der brutale Ausgang ist filmisch festgehalten. Der Ausgang des wachsenden Antisemitismus in Europa ist noch nicht abzusehen.

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Doron Rabinovici / © APA Picturedesk/ Marko Lipus

Eine antisemitische Attacke auf offener Straße. Ein junger Mann fällt über einen anderen her. Der eine Mann trägt eine Kippa, der andere hasst Juden. Was tut ’s zur Sache, wenn das Opfer gar kein Jude ist, sondern ein israelischer Araber. Der wollte bloß wissen, ob der Antisemitismus in Berlin tatsächlich so schlimm ist. – Experiment gelungen!

Der Täter war kein landläufiger Judenhasser, sondern ein zugewanderter. Den Antisemitismus in muslimischen Gemeinschaften als Kritik an Israel abzutun, heißt ihn zu beschönigen. Dabei sollte die gezielte Mordlust nicht übersehen werden. Ja, Dschihadismus ist prinzipiell barbarisch, doch die Judenheit vernichten zu wollen, ist zu einer spezifisch kollektiven Sehnsucht geworden. Der Hass ist eine Passion von Millionen. Wer das noch leugnet, muss ein Meister im dreifachen Rittberger der Selbstüberlistung sein.

Wer hingegen den Judenhass unter vielen Muslimen gegen jenen bei Rechtsextremen und Nazis ausspielt, geht der rassistischen Logik in die Falle, die zwischen Ideologie und Herkunft nicht unterscheiden will. Das ist kein Match zwischen Orient und Okzident. Wir Juden haben bei diesem Feindschaftsspiel nicht der Fußball zu sein, bei dem gezählt wird, wie oft er ins jeweils gegnerische Tor getreten wird.

Niemand hat ein kulturelles
oder religiöses Vorrecht darauf,
ein Antisemit zu sein.

Der Kampf hat nicht gegen die eine oder andere Kultur, sondern gegen jeden Antisemitismus geführt zu werden: ob es ein Rap ist, ein Tweet oder eine Bluttat. Ob der Hass von Burschenschaftlern, Linken oder Bürgerlichen stammt, ob von Christen oder Muslimen. Warum pingelig sein, wenn es gegen Judenhass geht? Jeder Antisemitismus darf nicht toleriert werden.

Der islamistische Antisemitismus wird freimütig propagiert. Der heimisch österreichische ist jener mit dem Echtheitssiegel, doch kaum einer bekennt sich noch offen zu ihm. Was sagt der echte Österreicher, wenn er gefragt wird, ob er Antisemit ist? – „I ned, aber der!”

Die antisemitischen Lieder im bierigen Burschenschaftlerkeller sind Ausdruck eines Netzwerks, das jene freie Gesellschaft demontieren will, die zur Grundlage der selbstbewusst jüdischen Gemeinden auf diesem Kontinent geworden ist. Wer das nicht glauben will, schaue nur, was in Ungarn oder in Polen derzeit geschieht. Es geht bei dieser Entwicklung nicht um eine terroristische Minderheit unter Migranten, sondern um Großparteien im Mehrheitsvolk und um hohe Amtsträger der Repub­lik. Wohin das führt, zeigte bereits jüngst Johann Gudenus, als er an die einschlägigen Verschwörungstheorien gegen George Soros anknüpfte. Vizekanzler Strache, der erst vor Kurzem dem Antisemitismus für immer abgeschworen hatte, sprang seinem Klubobmann sogleich zur Seite.

Die Gefahr des islamistischen Antisemitismus deswegen kleinzureden, wäre verlogen. Ebenso fatal sind Pauschalverurteilungen aller Muslime. Rassismus durch Ressentiments bekämpfen zu wollen, ähnelt dem Versuch, mit Benzin einen Brand zu löschen. Kurzum: Niemand sollte in einer Demokratie seiner Religion wegen diskriminiert oder verfolgt werden.

Niemand hat aber ein kulturelles oder religiöses Vorrecht darauf, ein Antisemit zu sein. Hier hilft nur Nulltoleranz. Das Verbrechen hat Name und Adresse. Wer einen anderen Menschen aufgrund seiner jüdischen Identität beleidigt, angreift oder verfolgt, soll nicht ungeschoren davonkommen. 

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