Keiner mehr und niemand weniger

In ihrem Rückblick Wir waren die Zukunft erzählt Yael Neeman vom Aufwachsen und Leben im Kibbuz.

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Kinderleben im Kibbuz: Spielen im Kibbuz Dan, 1946; © Government Press Office; Hermine Oberck / SZ-Photo / picturedesk.com

Gestillt wurde synchron. Zur selben Zeit und gleich lang saßen die Mütter gemeinsam nebeneinander und stillten. Nicht weniger, aber auch nicht mehr sollte jedes Kind bekommen.

So begann das Leben für Yael Neeman 1960 im Säuglingshaus des Kibbuz Yechiam. Auch ins Kinderhaus kamen die Eltern zum Besuch ihrer Sprösslinge gruppenweise für genau eine Viertelstunde. Und als die Kinder später bei ihren „biologischen Eltern“ in deren kleinen Häusern zu Gast waren, blieben alle gleich lang. In unmittelbarer Nähe, doch auf verschiedenen Planeten lebten Erwachsene und Kinder im Kibbuz Yechiam, den die meist aus Ungarn stammenden Pioniere 1946 buchstäblich auf dem nackten Felsen gegründet und im Unabhängigkeitskrieg mit vielen Opfern verteidigt hatten. Nur wenige Jahre später erblüht er zum „schönsten Kibbuz der Welt“, wie die Autorin in ihrem Rückblick auf eine kleine Welt, eine Vision und eine Utopie, die es so nicht mehr gibt, schreibt.

„Wir wussten nicht, dass wir im Zeichen eines Sterns geboren worden waren, dessen Licht schon lange erloschen war.“

Als Neeman Anfang der 2000er-Jahre mit der Arbeit an ihrem Buch begann, war die Kibbuz-Bewegung an einem Tiefpunkt angelangt. Dass „die Kinder“ ernüchtert aus diesem hermetischen Mikrokosmos „desertierten“, wie Yael mit 21, habe die Kibbuzim „zerrissen“.

Mittagessen im Kibbuz Givat Haim, 1991.© Government Press Office; Hermine Oberck / SZ-Photo / picturedesk.com

„Über all dem schwebte der Glaube an die heilige Arbeit.“

Aus tragischstem Anlass erfuhren diese jedoch nach den tödlichen Angriffen am 7. Oktober eine neue Wertschätzung. Und man wird dieses Buch, das bereits 2011 in Israel erschienen, zum Bestseller wurde und jetzt erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt, heute wohl nicht mehr ohne die schrecklichen Bilder der zerstörten Grenz-Kibbuzim vor Augen lesen können.

Im Kollektiv Umso mehr wird die Erinnerung an eine doch auch behütete, sichere und im Kollektiv gelebte Kindheit trotz aller kritischen Distanz fast eine nostalgisch verklärte. Durchgehend im Plural, im Wir ihrer Generation, erzählt die in Tel Aviv zur Literaturwissenschaftlerin und Publizistin ausgebildete Autorin von diesem ganz besonderen Aufwachsen in der Gruppe „Amaryllis“, wo sie mit Gleichaltrigen viel mehr Zeit verbringt als mit ihren Geschwistern. Gemeinsam wohnen, essen, lernen, arbeiten und feiern sie, bewacht von den wechselnden „Metaplot“, den für sie zuständigen Betreuerinnen, die ihnen beim Einschlafen aus den Büchern von Astrid Lindgren oder Erich Kästner vorlesen.

Yael Neeman: Wir waren die Zukunft. Leben im Kibbuz.
Aus dem Hebräischen von Lucia Engelbrecht. Kanon/Altneuland Press 2025, 268 S., € 24,70

Altersgemäß arbeiten sie auf den Feldern oder in den Kinderhäusern, auch vor oder nach der Schulzeit, die weit weniger wichtig genommen wird. Wer nicht lernen will, lernt eben nicht. Kibbuznik sein ist das Berufsziel, und „über all dem schwebte der Glaube an die heilige Arbeit“, neben dem Ideal der absoluten Gleichheit und Gerechtigkeit der einzige Glaube der linkssozialistischen antireligiösen HaSchomer-HaZair-Mitglieder. So lassen sich Paare in der nahen Stadt trauen, damit kein Rabbiner das Gelände betreten muss.

An die Kibbuz-Geschichten von Amos Oz erinnern manche liebevoll beschriebenen Originale des Kollektivs, das hin und wieder doch individuelle Typen zulässt, wie den schrulligen Schuster, bei dem sich zweimal jährlich die Gruppenkinder wie „Tausendfüssler“ zur Fußvermessung einfinden, während die übrige Kleidung aus der „Kommuna“ verliehen wird.

Rund 150.000 Kinder wuchsen in den ersten über 50 Jahren der Bewegung in ähnlicher Weise auf, viele von ihnen verließen sie als Erwachsene, zurück blieb die alte Gründer- und Aufbaugeneration. Doch nachdem sich die quasi orthodoxe Ideologie gelockert hatte, die Kinderhäuser aufgegeben, Privateigentum zugelassen, das Bildungswesen angepasst wurde, kehrten nicht wenige wieder zurück, in eine zwar nicht perfekte, aber doch immerhin solidarische Gemeinschaft. Insofern darf Yael Neemans warmherziger Rückblick, in jahrelangen Gesprächen mit anderen „Kindern“ und zahlreichen Recherchen in den Kibbuz-Archiven ergänzt, weder als neuerliche Mythisierung noch als ein wehmütiger Abgesang auf eine gescheiterte Utopie verstanden werden.

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