WINA: Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit Schuld, Erinnerung und Antisemitismus. Ist die gegenwärtige postkoloniale Erzählung über Israel für Sie etwas grundsätzlich Neues – oder sehen SIe darin ältere europäische Narrative in neuer Sprache wiederkehren?

Katharina von Kellenbach: Ich habe mich lange gewehrt, über Israel zu reden, denn ich bin christliche Theologin, die über den Holocaust und Antijudaismus in der christlichen Theologie spricht. Wenn dann nach Vorträgen die erste Frage lautete, „was denken Sie denn über Israel?“, habe ich erst einmal geantwortet: „Ich bin Theologin, ich spreche über Antisemitismus und den Holocaust. Ich bin keine Politikwissenschafterin, und ich bin keine Expertin auf dem politischen Gebiet des Nahen Ostens.“ Aber diese Antwort stimmt nicht mehr. Auch wenn viele Menschen im christlich-jüdischen Dialog Angst vor diesem Thema haben, können wir es nicht mehr vermeiden. Es ist heute notwendig, unsere Scheu zu überwinden und unser Wissen über theologischen Antijudaismus und politischen Antisemitismus auf Antizionismus anzuwenden.

Wie erklären Sie sich diese Scheu?

I Es braucht da viel zusätzliches Wissen aus anderen Disziplinen. Man muss sich in die Geschichte des Kolonialismus einarbeiten, die Entstehungsgeschichte Israels sowie die verschiedenen Kriegsparteien verstehen. Man muss die Landkarte kennen und wissen, wo Gaza, wo Jordanien, wo der Libanon liegt und wie weit der Iran entfernt ist. Ich war damit erst einmal nicht vertraut, und so geht es auch vielen anderen. Das trifft auch auf Aktive in der antisemitismuskritischen Bildungsarbeit zu, zum Beispiel Religionslehrer und Religionslehrerinnen in Deutschland, die sich jetzt die Frage stellen, ob sie ihre Themen erweitern müssen. Und es herrscht große Angst, was dieses Thema in einem diversen Klassenzimmer auslöst. 

Lange Zeit war das Thema Holocaust angstbesetzt. Aber jetzt lässt sich relativ locker – vielleicht zu locker – über den Holocaust reden. Nach Jahren aktiver Erinnerungspolitik und Vergangenheitsbewältigung ist das Thema Holocaust emotional nicht mehr bedrohlich. Aber wenn im Klassenraum über Israel gesprochen wird, befürchten Lehrende, die Kontrolle zu verlieren. Es fehlt ihnen an Wissen und Kompetenz, um Israel-bezogenen Antisemitismus zu thematisieren. So wird Israel zum neuen Tabuthema.


„Es ist heute notwendig, unser Wissen über theologischen Antijudaismus und politischen Antisemitismus auf Antizionismus anzuwenden.“

Warum geht es heute nicht mehr, nicht über Israel zu sprechen?

I Die ganze Mobilisierungskraft von Antisemitismus, die in der Vergangenheit eine theologische Sprache nutzte und sich in der Neuzeit ins Säkular-Rassistische verlagert hat, funktioniert heute mit Bezug auf Israel. Zionismus wird zum Symbol des Bösen, und die antisemitischen Stereotype, Mythen und Legenden der Vergangenheit werden in eine coole Sprache von Kolonialismus, Rassismus und Genozid übertragen.

Können Sie Beispiele für Bilder und Narrative geben, die einander gleichen, aber in neue Kontexte eingebettet wurden?

I Die christliche Passionsgeschichte wird leider auch heute noch oft in Kinderbibeln und Religionsschulbüchern als ein existenzieller Kampf der Bösen gegen die Guten, der Dunkelheit gegen das Licht, des Todes gegen das Leben dargestellt. Die Bösen sind meistens jüdisch kodiert und gezeichnet: Die Pharisäer und Schriftgelehrten, die Priester und Jerusalemer „Eliten“ wollten aus Gier und Grausamkeit, Heuchelei und Neid den unschuldigen G’ttessohn töten und die guten Christen verfolgen. „Wir“ sind auf der Seite der Guten, der Liebe, des Friedens und der Versöhnung, doch die Juden wollen Rache und Vergeltung, Gesetz und Ordnung. 

Dieser Dualismus von Gut gegen Böse, unschuldig gegen schuldig schleicht sich immer wieder in Religionsunterricht und Predigt ein, auch wenn die Menschen rational wissen, dass Jesus und die Apostel jüdisch waren. Aber dieser Dualismus ist tief in der westlich-christlichen Kultur verankert, schon längst säkularisiert und projiziert das Böse, das Unheil, Verrat und Verschwörung auf „die Juden“. Und jetzt ist Israel zum Sinnbild des Bösen in der Welt geworden. 

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