
Ein Katalysator ist dabei die postkoloniale Theorie.
I Die Begriffe Genozid, Apartheid, Rassismus, Postkolonialismus sind inzwischen instrumentalisiert worden, um Israel zu dämonisieren. Dabei sind das keine moralischen Begriffe, sondern analytische Kategorien, mit denen versucht werden soll, politische Dynamiken oder geschichtliche Konflikte zu untersuchen. Ich gehörte lange einer wissenschaftlichen Gruppe an, die sich mit „Religion, Holocaust und Genozid“ beschäftigt hat. Der Begriff und die Gesetzesdefinition von Genozid stellten sich in unseren jährlichen Tagungen als sehr komplex und schwierig dar. Wir haben es auf alle möglichen Formen von Massenmorden angewandt: Armenien, Ruanda, Bosnien, aber auch Kambodscha, die Abtreibung weiblicher Föten in China und Indien, die Ermordung Homosexueller.
Wie definiert man eine Gruppe, wie genau stellt man eine Absicht fest, eine Gruppe zu vernichten? Raphael Lemkin selbst, der jüdisch-polnische Jurist, der den Begriff Genozid prägte, dachte an den armenischen Genozid, der bis heute international nur von 30 Ländern anerkannt wird. In Ruanda wurde der Massenmord von 800.000 Tutsis tunlichst nicht als Genozid bezeichnet, um zu vermeiden, eingreifen zu müssen. Als Tatbestand lässt sich „Genozid“ weder politisch noch juristisch umsetzen. Wohl aber als moralische Kategorie. Heute werden Menschen, Kirchen, Institutionen aufgefordert, eine Position zu beziehen oder ein Bekenntnis abzugeben. Wer „ja“ sagt zum Genozid in Gaza, gehört zu den Progressiven, wer „nein“ antwortet, wird der Mitschuld und Schuldbefangenheit bezichtigt.
Die Begriffe Apartheid, Genozid, Kolonialismus, Siedler-Kolonialismus sind moralische Kategorien, wenn es darum geht, die Schuldigen von den Unschuldigen zu unterscheiden. Bei Genozid, Kolonialismus und Apartheid gibt es ganz klare Täter und Opfer, im Unterschied zu Krieg, zu dem immer zwei Parteien gehören. Ein Genozid und Kolonialismus werden von einer Seite begangen: Die einen sind böse, die Indigenen sind gut und unschuldig. All diesen Begriffen wohnt eine klare Unterscheidung von Tätern und Opfern, Schuld und Unschuld inne. Damit sind sie ideale Vektoren für Antisemitismus, der Schuld auf „die Juden“ projiziert.
„Wie werden antijüdische Denkstrukturen und Bildelemente in nationalen und religiösen Identitäten verankert?“
Wo machen Sie den Moment fest, an dem das Werkzeug Postkoloniale Theorie zu einer moralischen Kategorie und damit, wie Sie sagen, unbrauchbar wurde?
I Im Grunde ist es der Moment, an dem unter Kolonialismus nicht das British Empire verstanden wird, sondern nur noch Zionismus und Israel gemeint sind. Dann sprechen wir auch gar nicht mehr von postkolonialen Auflösungsprozessen und Nationalgründungen, die ja an vielen Orten der Welt gewaltsame Migrationsprozesse und Flüchtlingswellen auslösten, sondern nur noch von der Naqba. Weltweit gibt es Millionen von Flüchtlingen, aber nur eine Gruppe scheint den Hausschlüssel von Generation zu Generation weiterzureichen. Allein, dass die zeitgleiche Teilung des indischen Subkontinents in mehrheitlich hinduistische und muslimische Staaten nicht berücksichtigt wird, wenn über Staatsgründungen im Nahen Osten gesprochen wird, ist ein Symptom antisemitischer Korruption der postkolonialen Diskurse.
Seit wann ist das so? Das hat ja bereits vor dem 7. Oktober 2023 begonnen.
I Da spielen viele Faktoren mit hinein. Die Covid-Pandemie war sicher ein Treiber. Aber schon davor haben Dinge wie Globalisierung und Identitätskonstruktionen hier eine Rolle gespielt. Auch die Bewegung der Klimaaktivisten hat sich mobilisieren lassen. Im Kern geht es um die Angst vor Kontrollverlust und die Ohnmacht angesichts übermächtiger globaler klimatischer, wirtschaftlicher Veränderungen. Man hat das Gefühl, dass man etwas tun muss, aber nichts tun kann. Also fängt man schon einmal bei den Juden an. Das ist konkret und greifbar, der Rest kann auf später warten und kommt dann hinterher.
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Ein Interview mit Martina Bär von der Uni Graz „Es ist ein Mythos, dass Israel ein postkolonialer Staat ist!“ und ein Gespräch mit Eric Zimmermann
Es geht also um Erlösungsphantasien und Israel beziehungsweise Juden als Projektionsfläche.
I Ja. Wobei es zu bedenken gilt, dass Antisemitismus heute kein europäisches oder westliches Sonderthema mehr ist. Wir müssen global denken. Es sind Südafrikaner, die führend in antizionistischen und BDS-Kampagnen sind.
Aber auch südamerikanische Länder wie Bolivien oder Kolumbien, die selbst eine starke koloniale Geschichte haben, bringen sich hier ein.
I Genau. Wir müssen also fragen, was Antizionismus attraktiv für Südafrikaner macht oder warum sich Indonesien profiliert oder Nicaragua Deutschland vor dem Internationalen Gerichtshof verklagt, einen mutmaßlichen Genozid in Gaza nicht zu verhindern. Warum mischen sich diese Regierungen in antizionistische Rechtskampagnen ein? Welche Rolle spielen christliche Kirchen oder muslimische Identitäten und Bewegungen? Wie werden antijüdische Denkstrukturen und Bildelemente entlang missionarischer und kolonialer Institutionen verbreitet und in nationalen und religiösen Identitäten verankert?























