Stichwort Indonesien: Da werden Erinnerungen an antisemitische Darstellungen auf Kunstwerken indonesischer Künstler bei der documenta fifteen 2022 in Kassel wach. Warum macht es den Anschein, als ob katholische und evangelische Kirche in Europa das Thema Antisemitismus aufgearbeitet haben, es aber in der Weltkirche in vielen anderen Ländern nicht so ist?

I Wir müssen ganz banal fragen, mit welchen Büchern die Bibliotheken an den Universitäten in Indonesien, Korea und Uganda ausgestattet sind. Zum Teil wandern ausgemusterte Bücher ausgewiesener Nazi-Theologen als Spenden in die Ausbildungsinstitute christlicher Partnerkirchen in Afrika und Asien. Wenn man die Literaturlisten befreiungstheologischer Literatur aus Lateinamerika und Afrika genauer betrachtet, dann wundern antijüdische Auslegungen nicht mehr. Sie stammen aus Werken, die hier nicht mehr gelehrt werden. 

Müsste solche Literatur nicht in den Giftschrank?

I Natürlich. Stattdessen wurden diese problematischen Bestände gespendet, und dann liest man Arbeiten afrikanischer Theologen und findet darin den ganzen Antisemitismus wieder. Besonders anfällig ist hier eben die Befreiungstheologie, einschließlich der palästinensischen, deren Vertreter lutherische Theologie in Deutschland oder Schweden, anglikanische Theologie in England studiert haben. So werden traditionell antijüdische Auslegungstraditionen recycelt und kommen dann als „indigene“ Befreiungstheologie nach Europa zurück.

Können Sie ein Beispiel für einen so bis heute rezipierten Nazi-Theologen geben?

I Walter Grundmann haben alle in Westdeutschland ausgebildeten linken Theologen gelesen und im Bücherschrank stehen gehabt. Wir hatten keine Ahnung, dass er ab 1939 die wissenschaftliche Leitung des Eisenacher Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben innehielt. Er hat das Neue Testament neu übersetzt und Jesus zum „Arier“ gemacht, der unerbittlich gegen alles Jüdische kämpfte. Nach kurzer Unterbrechung hat er nach 1945 weitergemacht und zahlreiche Bücher geschrieben. Diese waren billig, gut zu lesen, und auch im Westen erhältlich und beliebt.

Walter Grundmann haben alle in Westdeutschland ausgebildeten linken Theologen gelesen … Wir hatten keine Ahnung, dass er ab 1939 die wissenschaftliche Leitung des Eisenacher Instituts zur Erforschung und Beseitigung des jüdischen Einflusses auf das deutsche kirchliche Leben innehielt.

Doch was passiert mit seinen Büchern, nun, da seine Geschichte bekannt gemacht wurde? Sie sind ins Englische und Spanische übersetzt und in theologischen Bibliotheken weltweit zu finden. Für Befreiungstheologie, die Jesus als Kämpfer gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung stilisiert, eignen sich die Auslegungen von Walter Grundmann vortrefflich. Jesus kämpft gegen Macht, Geld, Gesetz und Verschwörung, alles jüdisch kodiert. Damit wird Befreiungstheologie in Lateinamerika, in Afrika, in Asien anfällig für nationalsozialistisch produzierten Antisemitismus.

Das sind große Teile der Welt.

I Fatal wird es, wenn der Holocaust als ein europäisches Problem abgetan wird oder als ein „white on white crime“, mit dem Befreiungstheologen nichts zu tun haben wollen. Antisemitismus ist aber nicht nur ein europäisches Problem. Und natürlich gibt es auch wunderbare antisemitismuskritische Leute im globalen Süden, die deutlich widersprechen, wenn es in Richtung Europa heißt: Ihr mit eurem Holocaust, damit haben wir nichts zu tun, wir sind Befreiungstheologen und Antisemitismus ist nicht unser Problem, Rassismus und Kolonialismus sind unser Problem. Sie verstehen nicht, in welche Falle sie da tappen.

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