Der Titel des Vortrags, für den Sie nach Wien gereist sind, lautete Israel und postkoloniale Mythen. Welche Mythen haben Sie da identifiziert?

I Es geht mir ganz grundsätzlich um den Mythos, dass Israel ein postkolonialer Staat ist, und die Erzählung, die Engländer hätten den Juden einen Staat geschenkt, weil sie sich wegen des Holocaust schuldig gefühlt haben. Dagegen gehe ich historisch vor und rufe noch einmal die Geografie und Geschichte des Mittelmeerraumes auf. Es gibt hier immer und überall jüdische, christliche und muslimische Bewohner; es gibt die Kreuzzüge, die Vertreibung der Juden – und Muslime – aus Spanien, es gibt Sepharden und Aschkenasen. Immer geht es um diesen Mittelmeerraum, in dem alle drei Religionen miteinander leben und streiten.

Dann geht es um das Osmanische Reich, das mit Deutschland und Österreich den Ersten Weltkrieg verloren hat und Gebiete an Großbritannien abgeben musste. Und es geht um die Zeit, in der das Gebiet des heutigen Israel zum britischen Mandatsgebiet wurde, um die Politik des UN-Teilungsplans, die Untersuchung, welche Gebiete mehrheitlich von Juden und mehrheitlich von Arabern besessen und bewohnt wurde. 

Diese Landkarte schaut übrigens genauso aus wie die Landkarte der Wohngebiete der hinduistischen und muslimischen Bewohner in Indien und Pakistan. Diese Teilung des Subkontinents findet ja zeitgleich statt – damals sind dort übrigens eine Million Menschen gestorben. Und es brechen dort ebenfalls immer wieder kriegerische Auseinandersetzungen aus. Deshalb darf bei postkolonialen Staatsgründungen nicht immer nur auf Israel geschaut werden. Auf Indien könnte man übrigens auch den Begriff Apartheid anwenden.

So viele Staaten wurden nach Israel gegründet. Sie sind heute fester Bestandteil der Landkarten. Für Flüchtlinge aus aller Welt gibt es das UNHCR, das Flüchtlingshilfswerk. Nur für Palästinenser gibt es UNRWA. Für alle anderen Geflüchteten versucht man, Einbürgerungsmöglichkeiten zu finden.

Für Palästinenser soll der Flüchtlingsstatus erhalten bleiben – es geht ja um das Rückkehrrecht.

I Das ist menschenfeindlich gegenüber den Palästinensern. Wie die Welt mit diesen Menschen umgeht, um deren Schicksal dann zu Israels Verantwortung zu erklären, ist schier unglaublich. Es ist unsäglich.

Wo sehen Sie in diesem Diskurs die Verantwortung Großbritanniens?

I Ich möchte mit einer Frage antworten: Warum sind es insbesondere meine australischen, amerikanischen und britischen Kollegen, die sich mit ihrer eigenen kolonialen Geschichte postkolonial-antizionistisch positionieren?

Sehen Sie hier eine Schuldabwehrhaltung?

Zumindest muss man dazu ins Gespräch gehen.

Antisemitismus ist immer eine Form von Identitätskonstruktion – der Jude als der andere wird zur Bestätigung meiner eigenen Identität und Ermächtigung.

Welche Funktion erfüllen die von Ihnen beschriebenen Mythen?

Antisemitismus ist immer eine Form von Identitätskonstruktion – der Jude als der andere wird zur Bestätigung meiner eigenen Identität und Ermächtigung. Diese Dynamik erklärt, warum es gerade Intellektuelle in postkolonialen Ländern wie den USA oder Australien sind, die sich moralisch gegen Siedler-Kolonialismus empören. Das sind ja ebenfalls britische Ex-Kolonien. Statt Selbstkritik zu üben, wird Apartheid, Genozid und Siedler-Kolonialismus auf Israel projiziert. Das ist krank. Antisemitismus ist eine Krankheit.

Oft wird argumentiert, es gehe nur um Israel-Kritik, das sei kein Antisemitismus. Mit Natan Scharanskis 3D-Modell ergibt sich ein anderes Bild. Sie haben Expertise zu den historischen europäischen Diskursen zur Sicht auf Juden und Jüdinnen. Sehen Sie in der postkolonialen sogenannten Israel-Kritik Kontinuitäten älterer christlicher oder europäischer Bilder von Juden und Jüdinnen?

I Die mediale Welt der Karikaturen nutzt gezielt Bildmaterial von Kindermord, Blut und Ritualmord, von Verschwörung, Verrat und Geld. Das sind mittelalterliche Bilder der Judenfeindschaft. Oder das Stereotyp von Rache und Vergeltung. Wenn Israel Krieg führt, wird vor Vergeltungsschlägen und einer Gewaltspirale des „Auges um Auge, Zahn um Zahn“ gewarnt. Das gleiche Motiv taucht nicht im Ukraine-Russland-Krieg auf. Diese antijüdischen Motive haben theologische Vorgeschichten, die man sowohl auf der sprachlichen als auch auf der visuellen Ebene nachverfolgen kann.

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