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Das erinnert mich an eine der Geiselübergaben nach dem Angriff vom 7. Oktober 2023, die von der Hamas jeweils massiv inszeniert worden sind. Im Oktober 2025 wurden die Särge mit den Überresten der beiden kleinen Bibas-Buben übergeben, die Hamas gestaltete an diesem Tag die Bühne mit einem Bild von Benjamin Netanjahu als Vampir, dem das Blut aus dem Mund läuft. Warum greifen Islamisten diese Darstellung auf?
I Der Islam hat ja eigentlich keine Bilderwelt, es ist eine antiikonische Religion. Daher importieren Karikaturisten und Propagandisten Bildmaterial aus der christlich-westlichen Welt. Deshalb zirkulieren Darstellungen der trauernden Mutter Maria und der Pietà, von Kreuzigungen oder dem kleinen Baby „Jesus in the Rubble“ – in kriegsbedingten Trümmern Gazas – in der islamischen Welt. Die Abwesenheit von islamischen Bildtraditionen führt dazu, dass christliche Bilder der Judenfeindschaft importiert und muslimisch rezipiert werden.
Zeigt sich hier nicht erst wieder Europazentrismus – und wie passt das zum Anprangern von Kolonialismus?
I Ich denke, wir können insgesamt aufhören, von Indigenen zu sprechen. Wir sind nicht erst heute global, sondern waren es eigentlich immer schon. Wenn wir an China, die Römer, die Griechen denken – es gab immer schon Kontakte, Einflüsse, Völkerwanderungen, Flüchtlingsbewegungen.
Wenn Sie auf die Universitäten schauen: Welche akademischen Disziplinen sind besonders empfänglich für antisemitische postkoloniale Narrative und warum?
I Mir fallen hier die Anthropologen ein. Sie waren schon unter den Nazis besonders für Rassenkunde empfänglich, nun sind sie besonders links und politisch korrekt. Auch Historiker schreiben Geschichte und präsentieren dabei nicht nur historische Fakten. Insgesamt hat die BDS-Kampagne wohl eine größere Resonanz in den Human- und Geisteswissenschaften als in den Naturwissenschaften.
Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht Antisemitismus in progressiven Milieus außerhalb der Unis? Wie erleben Sie das?
I Ich wurde von meiner Schwägerin Birge Krondorfer eingeladen, in der Frauenhetz einen Vortrag zum Thema Israel und postkoloniale Mythen zu halten. Das hat mir dann doch eine schlaflose Nacht bereitet. Die Frauenhetz ist links, feministisch – wer wird da wohl vor mir sitzen? Wird es Proteste geben? Es ist angstbesetzt, in einem linken, queer-feministischen Milieu zu diesem Thema zu sprechen. Das war vor 40 Jahren das Thema Holocaust. Heute ist das Thema Israel unpredictable, ich weiß einfach nicht, was passieren wird. Es kann unangenehm werden.
Wenn der Israel-bezogene Antisemitismus in linken, progressiven Milieus heute eine Blitzableiterfunktion einnimmt: von welchen Problemen soll er ablenken?
I Israel hat Bekenntnischarakter. Man wird aufgefordert, sich zu bekennen. Und wenn sich alle zur richtigen Seite bekennen, dann ist da dieses Gefühl, wir sind unter uns. Wer sich nicht bekennt, bleibt außen vor. Antisemitismus funktioniert wie ein Glaubensbekenntnis, das Gemeinschaft stiftet.
Das geht auf Kosten von Juden und Jüdinnen, die damit auch per se draußen bleiben. Wieso?
I Es gab auch immer Juden, die mitmachen wollten und sich gegen Juden gestellt haben. Es ist eine Funktion von Antisemitismus, Grenzen zu ziehen, um die drinnen von denen draußen abzugrenzen und damit Spaltungen nach innen zu übertünchen und zu überbrücken. Trotz vieler Spaltungen und obwohl man nicht genau weiß, ob man überhaupt noch zusammenpasst, kann man eine Gemeinsamkeit über den gemeinsamen Feind etablieren. Ohne Antisemitismus, ohne gemeinsamen Feind, müsste man sich mit den inneren Rissen beschäftigen.
Worin besteht aktuell die innere Zerrissenheit in der Linken?
Es gibt gerade nichts Gemeinsames. Das ganze Projekt fällt auseinander.
Können Sie das näher erläutern?
I Wir sind in einer Visions- und Hoffnungslosigkeit angekommen. Die Konzepte der letzten 30, 40 Jahre – Frauenbewegung, Friedensbewegung, Befreiungsbewegung, soziale Gerechtigkeit – sahen machbar oder zumindest vorstellbar aus und man konnte dafür kämpfen. Ich habe den Eindruck, dass derzeit gar nicht klar ist, wofür wir uns einsetzen sollen und ob wir eine gemeinsame Vision entwickeln können. Die #MeToo-Bewegung, die George Floyd/Black Lives Matter-Bewegung waren kurze Momente. Man denke etwa auch an Greta Thunberg und die Klimabewegung. Es stellt sich also die Frage, wie diese unterschiedlichen Bewegungen in den riesigen „Free Palestine“-Demonstrationen nach dem 7. Oktober zusammenfließen und an den Unis Studentenproteste auslösen.
Wir sind in einer Visions- und Hoffnungslosigkeit angekommen.
Das Absurde ist: Es geht ja nicht wirklich um Israel-Kritik. Kritik wird doch geübt, wenn man etwas bewirken und verbessern will. Diese Massendemonstrationen und Encampments üben aber keine Kritik und verbessern das Leben keines einzigen Palästinensers. Sie haben keine politische Vision. Es geht hauptsächlich darum, gegen das Böse, gegen Israel zu kämpfen.
Warum haben sich die Verfechter der postkolonialen Theorie Ihrer Einschätzung nach so schwer damit getan, den 7. Oktober als antisemitisches Massaker zu bezeichnen?
I Israel als Täter war schon vorher festgelegt, weil: Genozid, Apartheid, Siedler-Kolonialismus. Damit können Israelis keine Opfer sein. Da passt dann auch dazu, dass über den Krieg in Gaza geschrieben wird, als hätte es keinen Auslöser gegeben. Das Massaker wird nicht erwähnt. Es wird aber auch nicht erwähnt, dass es ja Alternativen gegeben hätte: Die Vereinten Nationen, der Westen, Qatar, die Europäische Union hätten sich verpflichten können, die Geiseln innerhalb von ein paar Wochen friedlich zu befreien und die Verbrecher von Mord und Vergewaltigung, Brandschatzung und Plünderung vor ein ordentliches internationales Gericht zu stellen.
Man hätte verhindern können, dass Israel militärisch einmarschiert, um die Geiseln zu befreien. Das hat niemand vorgeschlagen, obwohl alle wussten, dass das katastrophal werden würde – allen voran die Hamas, die ja plante, dass dieser Krieg im urbanen Raum, untertunnelt und in der zivilen Infrastruktur verbaut, stattfindet. Die Alternative, eine gewaltfreie, juristische Lösung – und wer ist kein Vertreter internationaler Gerichtsbarkeit, denken wir an die Nürnberger Prozesse! – hat niemand wirklich vorgeschlagen. Die stand nie auf der Tagesordnung. Die Falle war aufgestellt und sie ist zugeschnappt. Israel ist der Täter.























