„Kinder, ich werde euch nie wiedersehen“

Jüdisches Museum Wien: Das Projekt „Gelesene Erinnerungen“

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„Die Zeit der Shoah-Zeitzeugen geht schon seit einigen Jahren zu Ende. Jene, die heute noch aus erster Hand ihre eigenen Erlebnisse und die ihrer Familie, in der Zeit des Nationalsozialismus berichten können, waren damals Kinder,“ sagt Barbara Staudinger, Direktorin des Jüdischen Museum Wien bei der Einleitung zu ihrem Herzensprojekt „Gelesene Erinnerungen“. „Daher sind diese Erinnerungen fragmentarisch, bruchstückhaft und in einem wesentlich größeren Maße geprägt von dem, was sie gehört oder gelesen haben. Trotzdem haben wir viele Berichte von Menschen, die zu dieser Zeit junge Erwachsene waren und ihre Erlebnisse niedergeschrieben haben.“

Aus Anlass des internationalen Holocaust-Gedenktages 2026 realisiert das Jüdische Museum in sechs Veranstaltungen über vier Wochen verteilt, vom 22. Januar bis17. Februar, einen nachmittäglichen Lesemarathon: Innerhalb einer guten Stunde tragen jeweils vier Künstlerinnen und Künstler von fünf namhaften Bühnen Wiens einen individuellen Lebensbericht vor. „Wir haben das Burgtheater, Volkstheater, Schauspielhaus, Theater in der Josefstadt angeschrieben,“ berichtet Staudinger, „und waren überwältigt, wie viele Schauspielerinnen und Schauspieler sich gemeldet haben: ‚Ja, ich will aus solchen Berichten lesen. Ja, ich mache es ohne Gage und in meiner Freizeit.’ Ich danke Ihnen allen aus tiefstem Herzen.“

Staudinger erzählt auch was die Initialzündung zu diesem Projekt war: Bei einer Veranstaltung zum Novemberpogrom habe sie die Schauspielerin Katharina Stemberger gehört, wie sie aus Tagebüchern von Überlebenden gelesen hat. „Ich war unglaublich berührt und habe erlebt, wie gut Schauspieler diese Botschaften transportieren können. Es ist so viel mehr, als wenn ich das vorlesen würde, was man hier erleben und spüren – und nicht nur intellektuell begreifen kann.“

Und so erging es auch den Zuhörern und Besucherinnen, die Andrej Agranovski lauschten, einem jungen Berliner Schauspieler, den Direktor Jan Philipp Gloger ans Wiener Volkstheater engagiert hat. Er las den Bericht von Alfred Gruber, 1922 in Wien geboren, der sich als 15-Jähriger mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Otto nach dem Anschluß zur Flucht entschloss. „Als es dann am 16. Juni 1938 so weit war und wir uns von unserer Mutter und unseren Geschwistern verabschiedet haben, weinten alle fürchterlich und konnten es nicht begreifen und sagten immer wieder ‚das ist ein Wahnsinn‘. Unsere Mutter sagte nur: ‚Kinder ich werde euch nie wiedersehen,‘ erinnert sich Alfred.“

Er war mit seinem Bruder sechs Wochen im Grenzgebiet zwischen Österreich und der Tschechoslowakei festgehalten und schikaniert worden, bis sie schließlich Verwandte in Brünn erreichen konnten. Mit einer zionistischen Jugendgruppe machten sich die Brüder illegal auf den schwierigen Weg nach Palästina, wo sich Alfred der britischen Armee anschloss. Seine Mutter sollte leider recht behalten: Gemeinsam mit seiner Schwester Olga wurden sie in das Ghetto Kielce in Polen deportiert und kehrten nie zurück.

Stefan Suske (Volkstheater)

Die bereits besuchten Lesungen waren insgesamt eindringlich und berührend – und als 15-minütige Darbietung von großartigen Vortragenden wiedergegeben. Insgesamt haben Barbara Staudinger und ihr JMW-Team 24 persönliche Berichte aus den zahlreichen Sammelbänden des Österreichischen Nationalfonds ausgesucht. Drei Nachmittag wurde schon gelesen, und drei Nachmittage, am 5., 9. und 17. Februar jeweils von 17 bis 18 Uhr wird noch vorgetragen. Die Liste der 24 Schauspieler und Schauspielerinnen (darunter auch drei Studentinnen des MUK, zwei Soprane und ein Mezzo) liest sich wie ein Who-is-Who der Wiener Theater-Prominenz, hier nur ein Ausschnitt: Stefan Suske, Karoline Reinke und Nancy Mensa-Offeivom Volkstheater; Kaspar Locher und Sophia Löffler vom Schauspielhaus; Tobias und Ulrich Reinthaller, Julian Valerio Rehrl vom Theater in der Josefstadt; sowie Markus Hering, Zeynep Burac, Dorothee Hartinger, Marie-Luise Stockiger, Sabine Haupt und Dörte Lyssewski vom Burgtheater.

Dörte Lyssewski versetze sich ergreifend in das Schicksal von Helga Pollak-Kinskys (1930-2020) und las aus den Tagebüchern jener jungen Frau, deren Vater Otto mit seinem Bruder ab 1919 das berühmte Café Palmhof auf der Mariahilferstrasse 135 im 15. Bezirk geführt hatte. Es bot 350 Gästen Platz und wurde nicht nur als Café, Konzertsaal und Jazzclub bekannt. Im März 1938 wurde das Café Palmhof „arisiert“ und einem früheren Kellner übertragen. Die gesamte Familie Pollak wurde nach Theresienstadt und in andere Lager deportiert, die meisten Familienmitglieder wurden ermordet. Helga Pollak wurde von ihrem Vater getrennt und kam in das „Mädchenheim“. In ihrem Tagebuch beschreibt sie den Alltag, den Hunger, die Not, Krankheit und ihre Deportation im Oktober 1944 nach Auschwitz, dann in ein Außenlager des KZ Flossenbürg, wo sie zur Zwangsarbeit in einer Munitionsfabrik verpflichtet wurde. Ende April 1945 wurde sie erneut nach Theresienstadt gebracht, wo sie ihren Vater wieder traf – gemeinsam erlebten sie die Befreiung. Titel des Berichts: „Ein KZ wie Auschwitz, das war ja unvorstellbar.“

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