Die Kinder Israels

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Sie sind die Ersten, die in den Bunker laufen. Sie legen sich auf den Boden und falten die Hände über ihre Köpfe. Verhaltensnote 1+. Ein Sommer zwischen Ferien und Traumata.Von Iris Lanchiano

Er war noch nicht alt genug, um alleine über die Straße zu gehen, aber er hat genau gewusst, wie man sich beim Heulen einer Sirene verhält“, sagte Präsident Reuben Rivlin bei seiner Rede am Grab des vierjährigen Daniel Tragermans – und treffender könnte man es nicht formulieren. Daniel starb auf dem Weg in den Schutzbunker bei einem Angriff der Hamas.

Die Tragerman-Familie hatte schon ihre Sachen gepackt, um von ihrem Kibbutz, Nahal Oz im Süden Israels, zu Verwandten in das ruhigere Kiryat Ono zu fahren. Seine Mutter brachte die Sachen ins Auto. Er spielte in seinem Zimmer, als die Sirenen aufheulten.

Wie fühlt es sich an, als Kind in Israel aufzuwachsen? Ein guter Freund erzählte mir, dass seine ersten Kindheitserinnerungen jene daran waren, als seine Eltern ihm während des Zweiten Golfkriegs eine Gasmaske im Schutzbunker aufsetzten – er war damals drei Jahre alt. „Ich weiß heute noch, wie es sich angefühlt hat.“

Dieser Sommer hat uns verändert. Wir zucken zusammen, wenn wir die Ambulanz hören oder ein Motorrad schnell an uns vorbeifährt. Wir bilden uns ein, Sirenen zu hören, und wachen nachts schweißgebadet auf – und dann war es doch nur die Müllabfuhr. Schnell duschen, keine Musik über Kopfhörer und manchmal sogar angezogen ins Bett. Vor dem Schlafengehen richten wir den Schlüssel und die Flipflops her, damit es schnell geht, wenn wir in den Schutzbunker rennen müssen. Die Türen sind nicht mehr abgesperrt, die Hauseingänge offen. Wir kennen unsere Nachbarn beim Vornamen, selbst die aus dem dritten Stock. Wir vermeiden lange Autofahrten oder offene Plätze. Wir sind mit den neuesten Technologien immer am aktuellsten Stand, auf welche Stadt gerade Raketen abgefeuert werden und wo in unserer Umgebung der nächste öffentliche Schutzraum ist. Wir sind immer in Kontakt mit Freunden und Familie nach einer Sirene. – „Alles ok bei dir? Musste schon wieder in den Bunker laufen.“ – „Hamas wünscht guten Morgen.“ – „Wie viele Booms waren das jetzt?“ – „Ich habe gesehen, wie der Iron Dome die Rakete abgeschossen hat.“ – „Scheiße, ich habe mich ausgesperrt.“ Diese und ähnliche Nachrichten waren täglich auf den Handydisplays zu lesen.

Daniel Tragerman starb auf dem Weg zum Bunker. Er wurde vier Jahre alt.
Daniel Tragerman starb auf dem Weg zum Bunker. Er wurde vier Jahre alt.

Über 30 Mal waren wir in diesem Sommer in Tel Aviv im Bunker. In den verschiedensten Lebenslagen. Selbst auf einen Friedhof musste ich einmal laufen, weil weit und breit kein anderer Unterschlupf war. Geduckt unter einer Bank, fand dort auch noch jemand anderer Unterschlupf. Er lächelte mich an und sagte: „Wenigstens haben wir es nicht weit, wenn was passiert.“ Nach ein paar Minuten verabschiedete sich der Fremde mit den Worten: „Schabbat Schalom und ein ruhiges Wochenende.“ Was bleibt uns anderes übrig als schwarzer Humor?

Um Kindern beim Lernen zu helfen, verschlägt es mich zweimal pro Woche in eine familienreiche Wohngegend in Givatayim. Neben einer Allee mit Schaukeln, Rutschen, Hundezonen und gemeinschaftlich genützten Kräutergärtchen gibt es hier auch öffentliche Schutzbunker. Vor diesem Sommer war es für mich ein Rätsel, warum diese hässlichen Betonklötze neben dem Spielplatz stehen. Bis es mich selbst eines Tages getroffen hat. Alarmstufe Rot, und alle rannten los. Die Kinder rennen mit einer solchen Selbstverständlichkeit, dass es fast wie ein ganz „normaler“ Wettlauf wirkt. Innerhalb einiger Sekunden war die Allee leer. Wo eben noch Kindergelächter zu hören war, vernahm man nur mehr den Wind beim Zuziehen der Bunkertür. Die meisten Kinder aus der Umgebung kennen einander. Aus gemeinsamem Lachen wird gemeinsames Schweigen, bis alle das laute Boom hören. Eine Schülerin hält meine Hand: „Wenn eine Sirene heult, muss ich so schnell wie möglich laufen. Mama sagt, ich darf auf niemanden warten, nicht einmal auf Sie.“ – „Hast du Angst?“ – „Ja ein bisschen schon. Die Booms sind so laut.“ Es wird ein paar Minuten gewartet, dann schreitet jeder wieder seiner Wege. Und ich frage mich, was schlimmer ist: die Tatsache, dass die Kinder so aufwachsen, oder die Routine, mit der diese Kinder erwachsen werden?

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