Kleine Frau mit großer Haltung

Auch nach ihrem Abschied vom Volkstheater bleibt die beliebte Schauspielerin Doris Weiner präsent: Jetzt mit den Leseabenden Vier Frauen im Vierten.

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Doris Weiner: Der Publikumsliebling ist auch in diesem Theatersommer vielbeschäftigt. © Lalo Jodlbauer

Kerzengerade, als hätte sie gerade einen Stock verschluckt, sitzt die kleine, zierliche Frau im Garten des Cafés in der Josefstädter Straße. Diese aufrechte Haltung und Dynamik gehören auch zum Charakter von Doris Weiner, sie sind nicht nur ihrer frühen Ballettausbildung geschuldet, sondern lassen sie auch ein wenig größer erscheinen. Denn die angeblich fehlende Körpergröße hat auch viel im Leben der Schauspielerin, Regisseurin und Lehrerin bewegt und bestimmt.

1949 in Wien geboren, trägt die verheiratete Frau noch immer ihren Mädchennamen. „Der Name Weiner soll ungarisch-jüdische Wurzeln haben“, erzählt sie. „Ich liebe die Geschichte, die mein Vater über seinen Großvater erzählte. Dieser war Pferdehändler und so kräftig, dass er am Markt die Betrüger in der Leopoldstadt einfach über den Tisch geworfen hat. Das war mir deshalb so wichtig, weil es nach der Shoah immer wieder geheißen hat, die Juden hätten sich nicht gewehrt und seien schwach gewesen. Aber mein jüdischer Urgroßvater war sehr stark!“

Obwohl unser Gespräch vor allem Doris Weiners Programm Vier Frauen im Vierten gewidmet ist, möchte sie dem WINAMagazin doch mehr über ihre jüdischen Wurzeln anvertrauen, vor allem über ihren Vater. „Meine ungeliebte Großmutter hat sich von meinem Großvater 1938 sofort scheiden lassen. Er wurde daraufhin ins KZ Flossenbürg deportiert, das lag etwa auf halber Strecke zwischen Nürnberg und Prag, wo er bei der Zwangsarbeit verstarb. Vielleicht hätte er überlebt, wenn sie ihn noch in die Wohnung gelassen hätte.“ Doris’ Vater, Hermann Weiner, Jahrgang 1924, musste keinen Judenstern tragen, weil „seine Mutter mit irgendwelchen Nazis geschlafen hat“, so die strenge Enkelin. Kurz vor Kriegsende wurde Hermann Weiner gemeinsam mit dem späteren Wiener Bürgermeister Felix Slavik noch an die Ostfront geschickt, wo sie Gruben aushoben und schnell verstanden, dass diese für die Erschießung jüdischer Menschen gedacht waren. „Slavik sagte zu meinem Vater, ‚Renn!‘, und gemeinsam ist ihnen die Flucht gelungen – so begann eine Freundschaft fürs Leben.“

Engagement für starke Frauen. Mit 71 Jahren ging Doris Weiner nach 43-jähriger Zugehörigkeit zum Wiener Volkstheater in Pension. Und da ihr Untätigkeit ein Fremdwort ist, macht sie gleich weiter: „Ab sofort bin ich freischaffende Künstlerin und hoffe auf Engagements, denn das Wichtigste sind mir das Spielen und auf der Bühne Stehen.“ Als es die Pandemie vorübergehend erlaubte, präsentierte Weiner bereits 2021 eine One-WomanShow mit Klavierbegleitung. Das Thema passte hervorragend zu ihrer Neugier und Vielseitigkeit: Vier Frauen im Vierten hieß die Lesereihe, die aus einer Ausstellung mit dem Titel Berühmte Frauen aus dem Vierten hervorgegangen war, die von Lea Halbwidl, der SPÖ-Bezirksvorsteherin im vierten Bezirk, initiiert worden war. „Wir porträtierten vier Frauen, die alle einen persönlichen Bezug zur Wieden hatten. Entweder sind sie hier aufgewachsen, haben da gelebt oder sind irgendwann zugezogen“, erklärt die Künstlerin. Zu den ersten vier Frauen zählte Alma Rosé, die berühmte Geigerin, die am 2. April 1944 zum letzten Mal das sogenannte Mädchenorchester im Vernichtungslager Auschwitz leitete. Es folgten die Porträts der großen Volksschauspielerin Dorothea Neff, der Sozialdemokratin Adelheid Popp sowie der Malerin und Schriftstellerin Rosa Mayreder.

Die vier Abende des Jahres 2021 widmeten sich jeweils einer dieser vier Frauen, konnten jedoch danach nicht mehr wiederholt werden. Möchte Doris Weiner diese kulturell wertvolle Veranstaltung nicht in Post-Covid-Zeiten wiederholen? „Ja das wäre schön“, antwortet sie und ergänzt: „Derzeit arbeiten wir bereits an Teil zwei des Projektes.“

Initiiert wurde Vier Frauen im Vierten von Doris Weiner und Susanne Abbrederis, der langjährigen Chefdramaturgin des Volkstheaters. Nach dem plötzlichen Tod der angesehenen Kollegin im November 2021 stellt nun die Wiener Dramaturgin Angela Heide die vier neuen Lesungen zusammen, wieder in enger Zusammenarbeit mit Doris Weiner. Die vier Abende, die Ende August in der Bibliothek der Wiener Arbeiterkammer Premiere haben, sind so auch der gemeinsamen Freundin und künstlerischen Wegbegleiterin Susanne Abbrederis gewidmet.

Faszinierende und mutige Frauen. Auch der zweite Teil der Reihe präsentiert eine spannende Mischung von bemerkenswerten Frauen aus dem vierten Bezirk. Den Auftakt macht am 23. August ein Porträt über die berühmte jüdische Malerin Broncia Koller-Pinell, die engen Kontakt zu den „Secessionisten“, vor allem zu Gustav Klimt, Josef Hoffmann und Koloman Moser pflegte und 1934 in ihrer Wohnung in der Prinz-Eugen-Straße 12 starb.

Am 25. August folgt ein Einblick in das bewegte Leben von Wanda Lanzer, die als Tochter des bekannten Rechtsanwalts Max Landau in Wien geboren wurde. Das Ehepaar Landau unterhielt einen Treffpunkt für emigrierte polnische Sozialdemokraten, und das prägte auch den Werdegang von Wanda, die 1924 mit einer Arbeit über „Marxistische Krisentheorie“ promovierte. Danach trat sie in die Arbeiterkammer ein, wo sie bis zu den Februarkämpfen 1934 beschäftigt war, ehe sie während der NS-Zeit in Schweden lebte und erst in ihren letzten Lebensjahren wieder zurück nach Wien konnte.

»Ab sofort bin ich freischafende Künstlerin und hoffe
auf Engagements, denn das Wichtigste sind mir
das
Spielen und auf der Bühne Stehen.«

Doris Weiner

 

„Die Romanbiografie von Peter Stephan Jungk über seine Großtante Edith TudorHart* hat uns bei der Gestaltung des ihr gewidmeten dritten Abends sehr geholfen. Sie war eine der wichtigsten österreichisch-britischen Fotografinnen des 20. Jahrhunderts“, erzählt Weiner über die Recherchen zur Lesung am 30. August. Am 1. September wird schließlich die politische Aktivistin und Autorin Irene Harand gewürdigt. Bereits im Jahr 1935 erschien ihr Buch Sein Kampf – Antwort an Hitler. Darin widerlegt die leidenschaftliche Antifaschistin Adolf Hitlers Pamphlet Mein Kampf in allen Details, vor allem aber jegliche antisemitische Stereotype und geht in einem eigenen Kapitel auf die Fälschung der Protokolle der Weisen von Zion ein. Das Buch, das auch auf Französisch und Englisch erschien, sowie ihre ausgedehnten Vortragsreisen durch Europa und die USA (1937) sollten ihr bei der Mobilisierung der Öffentlichkeit gegen den Nationalsozialismus behilflich sein. Wie wir heute wissen, gelang dies nicht. Harand und ihr Mann konnten noch rechtzeitig in die USA fliehen, wo sie auch 1975 starb, viele ihrer Wegbegleiter, darunter ihr großes Vorbild, der jüdische Anwalt Moriz Zalman, wurden hingegen in der Shoah ermordet.

Zielstrebige Bühnenkarriere. Zielstrebig und energiegeladen betreibt Weiner dieses Projekt heute als Freischaffende, und genauso verfolgte sie auch ihre Bühnenkarriere: Zuerst studierte sie Tanz bei Rosalia Chladek, danach Gesang und Schauspiel. Ihr erstes Engagement führte sie nach Basel, danach spielte sie Operetten in Baden und St. Pölten. „Das war eine schöne Zeit als Soubrette, da wird man als AllroundTalent gefordert“, lacht sie. Karl Schuster, der damals das „Volkstheater in den Außenbezirken“ leitete, entdeckte sie, und Weiner wurde ans Wiener Volkstheater engagiert. „Gustav Manker, das schwierige Genie, engagierte mich 1976 an das Haus,

ab 1977 war ich fix im Ensemble.“ Fünf Direktorinnen und Direktoren hat sie erlebt. Der sechste, Kay Voges, gewährte ihr noch zwei selbst verantwortete Abschiedsrunden: Sie stand in ihrer eigenen Inszenierung der Komödie Barfuß im Park in der Rolle einer agilen älteren New Yorker Mutter nahezu allabendlich auf einer anderen Bühne in den Außenbezirken. Gleichzeitig probte sie das Zwei-Personen-Stück Sechs Tanzstunden in sechs Wochen. Das und die Ehrenmitgliedschaft des Volkstheaters waren ihr Abschiedsgeschenk nach 43 Jahren.

Mehrfach wurde Weiner in diesen Jahren zum Publikumsliebling gewählt, kein Wunder bei ihrem Rollenspektrum: Sie gab die Flora Baumscher in Nestroys Der Talisman und die Madame Knorr in dessen Einen Jux will er sich machen, spielte in Schnitzlers Anatol, in Eugène Labiches Das Glas Wasser oder in Tennessee Williams’ Die Glasmenagerie. Seit der Saison 2005/2006 führte sie neben ihrer Schauspieltätigkeit das Volkstheater in den Bezirken und inszenierte auch zahlreiche Stücke. Doris Weiner leitete sowohl die Schauspielschule am Volkstheater wie auch – zusammen mit ihrem Kollegen Erwin Ebenbauer und anderen – das Volkstheater-Studio. „Ich bin auf alle meine Schülerinnen und Schüler stolz, dazu gehören Ursula Strauss, Julia Cencig, Ali Jagsch, Aglaia Szyszkowitz oder auch Christian Dolezal.“ Und sie gesteht weiter: „Ich hätte immer am liebsten eine Bühne in einer Kleinstadt geleitet, wo jeder jeden kennt. Auf der anderen Seite bin ich aber durch und durch ein Großstadtkind – die Bezirkstournee war mein Ersatz“, schmunzelt sie.

Der Sommer 2022 führt Doris Weiner so auch nicht nur mit Vier Frauen im Vierten an die Wiedner Arbeiterkammer, sondern auch zum Theaterfestival HIN&WEG ins niederösterreichische Litschau, wo sie bereits am 20. und 21. August den Text Liebste Mama lesen wird – „eine persönliche Geschichte, die mit Onkel Harry aus Tel Aviv, dem echten Sabre, begonnen hat“.

* Peter Stephan Jungk: Die Dunkelkammern der Edith Tudor-Hart. Geschichten eines Lebens. Frankfurt am Main: S. Fischer 2015.

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