Kleines Land, großes Forschungslabor

Israel setzt mitten in einer erneuten katastrophalen Corona-Welle alle Hoffnungen auf die Impfung.

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Leere Impfdosen gegen Covid-19 im Impfzentrum von Clalit in Jerusalem, 28. Jänner 2020. © Flash90 2021

Allein in den ersten drei Wochen des neues Jahren sind mehr als 800 Menschen an Covid-19 gestorben. Auch waren die Infektionsraten noch nie so hoch. Die Intensivstationen in den Krankenhäuser befanden sich am Limit, und ein dritter Pseudolockdown ging mehr oder weniger nahtlos in einen härteren vierten über, der nun wiederum gerade verlängert wurde. Aber es zeichnet sich ein Licht am Ende des Tunnels ab. Klappt alles weiter nach Plan und erweisen sich auch die verschiedenen neu entdeckten Covid-19-Mutationen als besiegbar, könnte die Pandemie hier vielleicht schon bald hinter uns liegen.
Für alle, die danach fragen: Das Impfen tut nicht weh, die Nebenwirkungen halten sich nach dem ersten Mal in Grenzen, es macht nur ein bisschen müde. Der zweite Shot steht bei mir noch aus, da sollte man sich an den darauffolgenden zwei Tagen nicht unbedingt Wichtiges vornehmen, so wird einem mittlerweile geraten. Das gehört zu den Erfahrungswerten, die gerade gesammelt und ausgewertet werden. Die Start-up-Nation spielt in diesem Fall also tatsächlich wieder einmal eine Vorreiterrolle. Denn nirgendwo ist bisher so viel und so schnell geimpft worden wie hier.

Dass Israel […] die Nase vorn hat, liegt an der überschaubaren Größe des Landes, dem zeitigen Kümmern um Impfstoff und einem weitflächig verzweigten, flexiblen und digital gut vernetzten Gesundheitsversorgungssystem.

 

Seit dem 20. Dezember läuft die landesweite Impfkampagne. Innerhalb von einem Monat hatten rund zweieinhalb (von insgesamt neun) Millionen Menschen die erste Dosis, und viele davon auch schon die zweite verabreicht bekommen. Für diesen erstaunlichen Etappensieg gibt es mehrere Gründe. Zunächst einmal war Israel, etwa verglichen mit Nordeuropa, von Anfang an ja ein bisschen früher dran gewesen, so hatte sich auch die Pandemie früher bemerkbar gemacht. Dass es nun weiter die Nase vorn hat, liegt an der überschaubaren Größe des Landes, dem zeitigen Kümmern um Impfstoff und einem weitflächig verzweigten, flexiblen und digital gut vernetzten Gesundheitsversorgungssystem.
Israel hat sich Vakzine gesichert, als sie noch im Entwicklungsstadium waren. Es heißt, dass man mehr dafür bezahlt hat als später andere. Doch ist der Preis wohl kaum der Grund, warum sich die großen Anbieter BioNTech-Pfizer, Moderna und AstraZeneca auf die Bestellungen eingelassen haben. Denn Israel bietet einen idealen Testgrund. Nicht nur, um zu zeigen, ob oder wie schnell sich die Pandemie möglicherweise besiegen lässt, sondern auch, weil es im Gegenzug eine Datenbank liefert, die sich für die Wissenschaft weltweit als grundlegend erweisen könnte.

Ein ganzes Land wird so zur Fallstudie über die Wirksamkeit der Impfung und die Frage, wie diese sich auf Infektionsraten, die Zahl von Schwererkrankten und Todesraten auswirkt.

 

Schon vor gut zwei Jahrzehnten hat man hier auf die Digitalisierung im Gesundheitswesen gesetzt. Kaum ein anderes Land hat das Potenzial in diesem Bereich so früh erkannt. Bereits 1995 starteten die ersten Projekte zum Austausch digitaler Gesundheitsdaten. Sämtliche Diagnosen, Untersuchungsergebnisse und Medikamente wurden gespeichert. Neben elektronischer Rezepte und Telemedizin sind heute Onlinezugänge zu den Patientenakten innerhalb der vier großen Krankenkassen (HMOs) Clalit, Leumit, Maccabi und Meuhedet inzwischen längst etabliert. Alle Bürger*innen müssen gesetzlich bei einer dieser vier HMOs versichert sein, die zugleich omnipräsent sind mit ihren angegliederten Ärztepraxen, Kliniken, Laboren und jetzt auch mobilen Impfstationen. Dass die vier Organisationen weitgehend staatlich unabhängig agieren, fördert wiederum den Innovationswettbewerb untereinander.
Präventiv werden die Mitglieder regelmäßig mit Gesundheitstipps per E-Mail und SMS angeschrieben, gegebenenfalls auch direkt angerufen, um sie etwa zu einer Mammografie oder anderen Voruntersuchungen anzuhalten. Ein eigener Zugang im Internet zu den Daten gibt Aufschluss über Resultate von Bluttests und die nächsten freien Termine von Spezialisten im ganzen Land. Dass da manchmal lange Wartezeiten in Kauf genommen werden müssen, gehört mit dazu. Diesmal aber funktionierte alles sehr schnell.
Überall sind kleine Zeltstädte aus dem Boden geschossen. Um keinen überschüssigen Impfstoff wegzuwerfen, der für den Gebrauch bereits aufgetaut wurde, gab es an Wochenenden oder abends in sozialen Medien noch spät Aufrufe an alle ohne Einschränkung, sich spontan impfen zu lassen. Nachdem viele einer so unerprobten Impfung zunächst eher skeptisch gegenüber gestanden waren, kam es dann aber doch zu einer Sogwirkung.
Der bisherige Erfolg der Impfkampagne sei schon „eine erstaunliche Geschichte“, sagt Ran Balicer, der die Regierung in Sachen Covid-19-Bekämpfung berät und Innovationchef bei Clalit, der größten HMO im Lande, ist. Was sich nun als großer Trumpf erweisen könnte, ist das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in ihre Krankenkassen, deren Strukturen auf die Zeit der Staatsgründung zurückgehen. Und das, obwohl Israel deutlich weniger Geld in die Gesundheit seiner Bevölkerung investiert als in der OECD üblich. Israel müsste umgerechnet 600 Millionen Euro im Jahr mehr ausgeben, um den Rückstand aufzuholen.
Ein ganzes Land wird so zur Fallstudie über die Wirksamkeit der Impfung und die Frage, wie diese sich auf Infektionsraten, die Zahl von Schwererkrankten und Todesraten auswirkt. In Kombination mit bereits existierenden Datenmengen lassen sich Nebenwirkungen genauer analysieren − und langfristig auch mögliche Auswirkungen auf bestehende Krankheiten wie Alzheimer oder auf Fertilität. Shlomo Codish, Direktor des Soroka Medical Center in Be’er Scheva, geht davon aus, dass die Pandemie das Gesundheitswesen verändern wird. Er verweist auf eine informiertere und engagiertere breite Öffentlichkeit, die sich auf nie dagewesene Weise mit wissenschaftlichen Erkenntnissen auseinandersetzt. Auch prophezeit er eine Revolution im Umgang mit medizinischer Big Data.
Hier könnte es aber nun doch etwas heikel werden, denn Bedenken in Hinblick auf Datensicherheit und Datenmissbrauch gibt es natürlich auch hier. Das zeigte sich etwa bei der Debatte über den staatlichen Zugang zu Handydaten, um Corona-Infektionsketten nachvollziehen zu können. Mit der Übermittlung und wissenschaftlichen Nutzung von privaten Daten an die HMOs wiederum haben die meisten – wenigstens bisher – kein Problem. In die Fernsehsatire hat es das Thema aber immerhin schon geschafft. Da sitzt ein Pfizer-Vertreter einem Paar gegenüber, das zu einem Blind Date zusammengekommen ist, und versucht, beiden maßgeschneiderte Medikamente anzudrehen. Als sich der Mann bei dem Pfizer-Vertreter am Schluss darüber beschwert, dass dessen Enthüllungen aus seiner Krankheitsakte die Frau in die Flucht geschlagen habe, kommt als Antwort nur lapidar zurück: Nicht so schlimm, denn „er“ wäre eh keine so tolle Partie gewesen.

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