Ein Königreich für die Kunst

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Lily Elstein ist Gründerin des Elma Arts Complex bei Zichron Ya’akov und Israels großzügigste Sammlerin moderner Kunst. Von Marta S. Halpert   

Eine wellenförmige Struktur sitzt wie eine Krone auf der grünen Anhöhe über Zichron Ya’akov am Südende des Karmelgebirges. Das strahlend weiße, sich dahin windende Gebäude begrenzt ein kulturelles Königreich. Auf dem Thron sitzt Lily Elstein, Israels bekannteste Kunstsammlerin und Mäzenin. Die zierliche 85-jährige Frau wirkt gleichzeitig zerbrechlich und äußerst dynamisch. Nichts geschieht in diesem einzigartigen Hotelkomplex und Kunstpalast, ohne dass sie es bestimmt oder sogar selbst Hand anlegt. Das ist kein Wunder, denn Elstein hat sich hier einen sehr persönlichen Traum erfüllt.

„Schon in meinem Haus in Tel Aviv habe ich immer Künstler unterschiedlicher Sparten mit Kunstkritikern oder Galeristen zusammengebracht.“ Lily Elstein

Bereits vor mehr als zehn Jahren, als sie noch in Tel Aviv wohnte, suchte sie nach einem Alterssitz in der Nähe ihres Geburtsortes Zichron Ya’akov. Ihre aus Rumänien stammende Familie gehörte zu jenen jüdischen Einwanderern, die 1882 mit Unterstützung von Baron Edmond de Rothschild die Moschawa (landwirtschaftliche Siedlung) gründeten.

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Sigalit Landaus beeindruckende Fotoserie eines Theaterkostüms, das im Toten Meer langsam von Salz überzogen wird.

Die Rothschilds regten damals die Anpflanzung von Weinstöcken an und errichteten ein Weingut. An der nahe gelegenen Küste, im heutigen Kibbuz Nachscholim, wurde eine Flaschenfab­rik errichtet. Noch heute hat Israels größter Weinproduzent Carmel, der auf diese Gründung zurückgeht, einen seiner Hauptsitze in Zichron Ya’akov.

Im Unabhängigkeitskrieg 1948 kämpfte die 17-jährige Lily im Palmach, danach studierte sie Kunstgeschichte an der Hebrew University in Jerusalem. Schon während ihrer Ehe mit Joel Moshe Elstein, einem der Gründer des Pharmaunternehmens Teva, begann sie, zeitgenössische Kunst zu sammeln und ihren erprobten Kampfgeist insbesondere für junge Künstler in Israel einzusetzen. Ihre heutige Sammlung ist ein Spiegelbild der israelischen Kunst eines halben Jahrhunderts. Zahlreiche Museen bemühten sich um ihre Patronanz, u. a. sitzt sie im Vorstand des Tel Aviv Museums. Nach dem Tod ihres Mannes wollte sie in die Nähe ihrer Geburtsstadt zurückkehren und ihrer umfangreichen Sammlung eine neue Heimstatt geben.

Die Geschichte des Objektes, das sie schließlich fand, birgt eine gewisse Ironie in sich. Lily Elstein kam – genauso wie ihr verstorbener Mann – aus einer Unternehmerfamilie. Sie aber rettete ein Erholungsheim der Gewerkschaft vor dem Abriss. Nach Jahren des Leerstands und Verfalls wollte eine Immobilienfirma das so genannte Mivtachim-Haus, ein preisgekröntes Architekturobjekt, abtragen und auf dem Grundstück Einfamilienhäuser errichten. Quasi in letzter Minute kaufte Elstein um 20 Millionen Dollar den von Yaacov Rechter im Le-Corbusier-Stil erbauten Komplex. Der berühmte Architekt erhielt 1973 den Israel-Preis für diese geschwungenen Fassadenlinien, die an jene weicheren Bauhaus-Varianten erinnern, die in den Zwanziger- und Dreißigerjahren so typisch waren.

Lily Elstein träumte von einem Kulturzentrum für Hotelgäste, Anwohner und Besucher aus dem nahen Haifa sowie dem 45 Minuten entfernten Tel Aviv. Doch es sollten noch Jahre vergehen, bis sie ihren hochgesteckten Plan verwirklichen konnte. Es gab langwierige Proteste und langjährige Prozesse der Anwohner gegen das Hotelkonzept, aber die kampfeslustige Frau ließ sich nicht entmutigen und gewann schließlich. Sie engagierte Amnon Rechter, den Sohn des ursprünglichen Architekten, für den Umbau, der acht Jahre dauerte und 80 Millionen Dollar verschlang. Jeweils zwei schmale Kurgast-Kammern wurden in ein geräumiges luftiges Zimmer mit Blick auf das Mittelmeer zusammengelegt. „Für jedes einzelne der 51 Zimmer sowie in den zugebauten 22 Cottages hat Lily Elstein einzeln Bilder aus ihrer Sammlung ausgewählt“, erzählt Danielle Michlin, die persönliche Assistentin der Kunstmäzenin. Kommen Bilder aus den Zimmern gelegentlich abhanden? Unwillig, aber eindeutig bestätigt Michlin, dass Gäste sich auch manchmal ein „Kunststück ausleihen“.

Kernstück des Elma Arts Complex Luxury Hotels sind nicht die Suiten, die Res­taurants oder der luxuriöse Wellnessbereich, sondern das, wofür Elma steht, nämlich für Elstein Music and Arts: die Kunst- und Kultureinrichtungen. Der Hoteleingang, die Gänge sind alle mit moderner Kunst bestückt. Drei Galerien mit insgesamt 750 Quadratmetern Ausstellungsfläche finden sich hier, vier Amphitheater, von denen das größte 800 Zuschauer aufnehmen kann, sowie zwei erstklassige Konzertsäle. Im kleineren, dem Cube mit 150 Plätzen, finden Kammermusik sowie Jazz, Blues und Pop statt. In der Elma Hall mit 450 rot-samtenen Sitzen werden die großen Konzerte veranstaltet, wie zum Beispiel zu Jahresbeginn ein Fest für Mozart mit internationalen Stars wie dem Pianisten Lang Lang und der Sopranistin Renée Fleming. Für die Akustik wurden Experten aus New York eingeflogen; die Orgel wurde aus Bonn geliefert: 1.414 Pfeifen, Kostenpunkt 420.000 Euro. „Kein Nagel wurde hier eingeschlagen ohne ihre Erlaubnis“, erzählt Michlin.

Flaniert man durch die Hotelflur, dann beeindruckt die Vielfalt der Elstein-Sammlung: Von Grafiken über Collagen bis zu Skulpturen und imposanten Gemälden ist alles präsent. Junge Talente bekommen hier eine Chance, ausgestellt zu werden, aber ebenso trifft man auf israelische Künstlerinnen, die sich bereits international einen Namen gemacht haben: Sigalit Landau, die in Berlin, Stockholm, Paris und dem MoMa in New York ausgestellt hat, zeigt hier eine kühne Fotoserie eines Theaterkostüms, das im Toten Meer langsam von Salz überzogen wird. Oder die deckenhohe Holzkonstruktion von Yehudit Sasportas, die inzwischen in Berlin lebt und bereits 2007 an der Biennale in Venedig teilgenommen hat.

Nira Itzhaki: mit den Künstlern leben
Nira Itzhaki ist Pionierin der israelischen Kunstszene und entwickelt gemeinsam mit Elstein ihre Visionen.
Nira Itzhaki ist Pionierin der israelischen Kunstszene und entwickelt gemeinsam mit Elstein ihre Visionen.

Lily Elstein verfolgt den Werdegang von Sasportas genauso wie jenen ihrer anderen Schützlinge. Der Vorteil eines kleinen Landes sei, dass man persönlichen Kontakt zu den Kreativen leichter aufbauen könne:„Schon in meinem Haus in Tel Aviv habe ich immer Künstler unterschiedlicher Sparten mit Kunstkritikern oder Galeristen zusammengebracht.“ Aber auch eine noch so gut vernetzte Sammlerin kann nicht alle Talente alleine finden. Und da kommt Nira Itzhaki wortwörtlich ins Bild: Sie ist die energiegeladene Pionierin der israelischen Kunstszene und tauscht sich gerne mit Elstein über lokale Künstler aus. Itzhaki hat nach ihrem Philosophie- und Kunstgeschichtsstudium die Künstlerkolonie in Neve Zedek, im Süden Tel Avivs, gegründet „Ich habe in Workshops und Dialogforen arrivierte und angehende Künstler zusammengebracht. Es gab keine starren Strukturen, die Kreativen konnten sich mit den Lehrern gemeinsam voll austoben“, lacht Nira.

Ähnlich wie Lily Elstein wusste sie, dass Israel zu klein war, um das große künstlerische Potenzial gebührend fördern und voranbringen zu können. Das große Verdienst der jungen Galeristin war es, ab 1989 den Schritt in die Welt, in diesem Fall Deutschland, zu wagen. Sie stellte eine Gruppe von israelischen Künstlern zusammen und präsentierte sie im Karmeliterkloster-Museum in Frankfurt. Diese Aktion wurde zu einem Wendepunkt in der internationalen Rezeption der Israelis: Es folgten Gegenbesuche von deutschen und anderen internationalen Künstlern in Tel Aviv, der fruchtbare Austausch hält bis heute an. „Ohne internationale Auftritte könnten die israelischen Künstler nicht überleben“, ist Itzhaki überzeugt. Seit 2010 betreibt sie ihre renommierte Chelouche Gallery for Contemprary Art in Israel in einem historischen Gebäude, den Twin Towers, so heißt das dreistöckige Gebäude in der Mazeh Street 7 in Tel Aviv, das 1920 von Joseph Berlin erbaut wurde.

Ohne Persönlichkeiten wie Lily Elstein und Nira Itzhaki gäbe es für Israels bildende Künstler weniger Chancen im Land und in der Welt. Jedes Mal, wenn die beiden Frauen vom grünen Hügel des Elma Art Complex genüsslich ins Land schauen, entstehen neue Visionen, die sie auch umsetzen.

Bilder © 1. Elma Arts Complex Luxury Hotel 2-3. © Reinhard Engel

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