Kontakt und Stütze

Dem Leben und Werk der Gestalttherapeutin und Pionierin Laura Perls widmet sich Nancy Amendt-Lyon als Herausgeberin ihres Nachlasses.

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Nancy Amendt-Lyon (Hg.): Zeitlose Erfahrung. Laura Perls’ unveröffentlichte Notizbücher und literarische Texte 1946–1985. Psychosozial Verlag, 354 S., 39,90 €

Wenn eine Frau einer anderen hilft, aus dem beruflichen Schatten ihres Mannes zu treten, ist das nicht nur menschlich ein schöner Charakterzug. Zum unschätzbaren Verdienst wird es, wenn man als ehemalige Studentin und spätere Kollegin die eigene geschätzte Lehrerin in das ihr zustehende, aber konsequent verweigerte Rampenlicht rückt. Die in den USA geborene und in Wien lebende Psychotherapeutin Nancy Amendt-Lyon hat genau das getan: Sie ist die Herausgeberin der bisher unveröffentlichten Texte der Mitbegründerin der Gestalttherapie, Laura Perls. Obwohl Perls gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Psychoanalytiker Fritz Perls, und dem Sozialphilosophen Paul Goodman die Gestalttherapie begründete, wurde sie in zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen nicht namentlich erwähnt.

„Für mich bedeuteten diese Notizbücher nicht nur ein großartiges Geschenk, sondern auch eine aufrichtige Verpflichtung und eine ungeheure Verantwortung”, erzählt Amendt-Lyon. Dieses wertvolle Erbe an Notizbüchern und literarischen Texten, geschrieben zwischen 1946 und 1985, erhielt sie im Sommer 2013 in New York von der Tochter der verstorbenen Wissenschaftlerin. Die Folge war eine drei Jahre lang währende Sichtung der Unterlagen und akribische redaktionelle Arbeit. Amendt-Lyon hatte Perls 1976 in New York persönlich kennengelernt und blieb ihr bis zu ihrem Tod im Jahr 1990 beruflich und privat verbunden. Timeless Experience lautet der Titel der englischen Originalausgabe (2016), Zeitlose Erfahrung die Ende 2017 erschienene deutsche Übersetzung. Auf Spanisch ist das Buch bereits erschienen, die französische Version folgt in Kürze.

»Ihr bevorzugter Arbeitsstil war es, in kleinen, leicht verdaulichen Schritten den Teilnehmern maximale Unterstützung zu gewähren.«
Nancy Amendt-Lyon

Prägnant, sparsam, exakt. Doch wie kam es dazu, dass ein jüdisches Mädchen aus Pforzheim zu einer bedeutenden Impulsgeberin für die Entwicklung der Psychotherapie im 20. Jahrhundert wurde? 1905 in der „Gold-Stadt” geboren, wuchs sie in einer jüdischen Juwelierfamilie auf. 1923 begann Perls, geborene Lore Posner, ein Jurastudium in Frankfurt am Main, wechselte aber bald zu den Fächern Psychologie und Philosophie und besuchte Lehrveranstaltungen in Gestaltpsychogie. Ihre prominenten Ausbilder, wie Karl Landauer und Frieda Fromm-Reichmann, brachten sie schnell weiter, und ab 1931 hatte sie eine eigene psychoanalytische Praxis. Nach der Heirat mir ihrem Kollegen Fritz Perls zog sie nach Berlin. Infolge der Machtergreifung der Nazis 1933 schloss sie sich dem antifaschistischen Widerstand an und musste schon bald nach Holland flüchten. 1934 ging Perls mit ihrem Mann ins Exil nach Südafrika. Dort gründeten sie das erste psychoanalytische Institut des Landes. In dieser Zeit begannen die gemeinsamen Vorarbeiten zur Gestalttherapie – die ihr Mann in seinem ersten Buch Das Ich, der Hunger und die Aggression (1942) veröffentlichte. Ab 1947 lebte das Ehepaar in den USA, wo Laura Perls das New York Institute for Gestalt Therapy leitete, das sie 1952 mit gegründet hatte. Erst mit 71 Jahren gab sie die Privatpraxis auf und widmete sich nur mehr der Ausbildung.

„Meine erste Begegnung mit Laura hatte ich im April 1976 in Manhattan. Da sie Europa und die deutsche Sprache sehr vermisste, kam sie immer wieder zu Gestalttherapieworkshops nach Deutschland und Österreich”, erinnert sich Amendt-Lyon, die wesentlich zu diesen Engagements beitrug. „Es war faszinierend, ihre Arbeit aus erster Hand zu erleben. Ihr bevorzugter Arbeitsstil war es, in kleinen, leicht verdaulichen Schritten den Teilnehmern maximale Unterstützung zu gewähren. Dies war der wahre Kern ihres Konzepts von ‚Kontakt und Stütze‘. Ihre Eingriffe waren prägnant, exakt und sparsam.” Der gestalttherapeutische Zugang von Perls kulminierte in dem Motto, Patienten so viel wie nötig und so wenig wie möglich zu unterstützen, damit sie lernten, Selbstunterstützung und Interdependenz zu erlangen.

Laura Perls starb 1990 in Pforzheim und ist auf dem dortigen jüdischen Friedhof gemeinsam mit ihrem Mann begraben. In ihrer Einleitung zeichnet Amendt-Lyon ein sehr kenntnisreiches, liebevolles Porträt ihrer großen Lehrerin und lässt sie in ihren persönlichen, therapeutisch-wissenschaftlichen und zeitgeschichtlich-politischen Bezügen lebendig werden.

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