Koscher und fromm

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Schneor Salman Mendelson hat vor zwei Jahren den koscheren Supermarkt Padani eröfnet. Davor war er – mit einem Großvater, der eine Greißlerei in Bnai Brak betrieb – viele Jahre Religionslehrer. Text & Fotos: Reinhard Engel   

Sein Vater war Lehrer an einer Yeshiva gewesen, und er selbst hatte ebenfalls unterrichtet. Für Chabad war er mit seiner Frau nach Wien gekommen, 1989, und 23 Jahre lang brachte er Zwölf- bis Sechzehnjährigen jüdische Religion und Hebräisch bei. Seine Frau leitet die Kinderkrippe der Lauder-Chabad-Schule im Prater.

Doch vor zwei Jahren sprang er in neues, kaltes Wasser und wurde Unternehmer. Koscher Padani ist ein Lebensmittelsupermarkt auf der Taborstraße im zweiten Bezirk, und Schneor Zalman Mendelson steht seither an der Kassa, plaudert freundlich verschmitzt mit seinen Kundinnen und Kunden, packt auch selbst die Lebensmittel in Plastiksackerl ein: „So wie man das in Amerika macht.“

„Reich wird man mit Lebensmitteln nicht. Da muss man in andere Branchen gehen.“ Schneor Mendelson

Mendelson, Jahrgang 1961, will nicht schlecht über die Konkurrenz reden, aber der Grund für sein spätes Jungunternehmertum – gemeinsam mit seinem Schwiegersohn Gershon Rivkin – lag wohl am vergleichsweise hohen Preisniveau der Wiener koscheren Lebensmittelgeschäfte. Und Mendelson, selbst Vater von elf Kindern, spürte das vermutlich ebenso in seiner Brieftasche. „Außerdem habe ich auch in der eigenen Familie den Lebensmittelhandel gekannt. Mein Opa hat in Bnai Brak eine Greißlerei geführt. Das war wie hier in Wien, bevor Billa und Spar gekommen sind: Man hat Zucker und Mehl abgewogen, es gab nicht alles verpackt.“

Überraschender Lotteriegewinn
Koscher Padani. Viele seiner über 2.000 Produkte importiert Schneor Zalman Mendelson aus Israel.
Koscher Padani. Viele seiner über 2.000 Produkte importiert Schneor Zalman Mendelson aus Israel.

Der Großvater war noch Untertan des Kaisers gewesen, in einem kleinen Dorf, das heute zu Rumänien gehört. Nach Arbeitslager und abenteuerlichem Verstecken kam er nach dem zweiten Weltkrieg über Zypern mit Frau und drei Töchtern nach Israel. Erst rackerte er als Kleinbauer in einem Moshav in der Nähe von Tel Aviv, mit zwei Kühen und einem Pferd. Wie streng religiös er war, erzählt Mendelson an einem Beispiel: „Er hat am Schabbes die Kühe gemolken, damit sie keine Schmerzen haben. Aber er hat die Milch weggeschüttet, obwohl sie damals arm waren. Als ihn ein Nachbar darauf angesprochen hat: ‚Zvi, warum tust du dir das an?‘, hat er geantwortet: ‚Es muss so sein, es gibt keine Wahl.‘“

Nach einigen Jahren Landwirtschaft machte der Großvater einen überraschenden Lotteriegewinn. Er verkaufte Haus und Vieh, spendete dem Moshav eine Mikwe und zog nach Bnai Brak, wo er sein kleines Lebensmittelgeschäft eröffnete und viele Jahre betrieb. Dieses wollten seine Schwiegersöhne aber nicht weiterführen, und einen eigenen Sohn hatte er nicht. So wurde es nach seinem Tod in den 70er-Jahren zugesperrt.

Die Gelegenheit für seinen Enkel, in Wien spät in seine Fußstapfen zu treten, ergab sich übrigens mit dem Lokal auf der Taborstraße. Die eine Hälfte betreibt ein Partner als Supermarkt für Geschirr und Plastikprodukte, und in die andere Hälfte mieteten sich Mendelson und sein Schwiegersohn ein. Da Mendelson selbst orthodox ist, hat er auch keine Probleme, von gleich frommen Kunden akzeptiert zu werden.

Rund 2.000 Produkte

Sein Konzept ist ganz klar: Er versucht, mit den koscheren Produkten etwas günstiger zu sein als die Konkurrenz. Den Kampf mit den landesweiten Supermarktketten nimmt er erst gar nicht auf: „Was der Billa führt, wie Zucker, Fruchtsaft oder Kakao, kann ich nicht um denselben Preis anbieten.“ Dennoch bleiben immer noch rund 2.000 unterschiedliche Produkte, von der Milch bis zu gefilten Fisch, von Kellogg’s-Cereals bis zu brennend scharfem jemenitischen Shrug, von Puten-Cabanossi bis zu Hafner-Weinen.

Padani4EngelWas es in Österreich gibt, kauft er hier ein, etwa Frischmilch und Joghurt aus dem Waldviertel. Aber der Großteil seiner Waren stammt aus Israel – über Großhändler in Europa. „Direkt aus Israel zu importieren würde keinen Sinn machen“, erklärt er. „Ich kann ja nicht bei Osem eine ganze Palette Suppenbasis abnehmen.“ Daher bestellt er bei einschlägigen Lieferanten in Belgien oder England, und diese beliefern ihn dann von ihren europäischen Lagern aus – sowohl mit Trockenware als auch mit gekühlter oder gefrorener.

Die Kunden kommen aus allen jüdischen Gemeinden, und auch die nichtjüdischen Käufer werden immer mehr: „Vor allem Hummus kennen sie, und auch Bamba, eine Knabberei aus Mais und Erdnüssen.“ Am stärksten läuft das Geschäft in der Pessach-Zeit. Mendelson: „Da kaufen auch jene Juden koscher ein, die es das ganze Jahr über nicht so genau nehmen.“ Dann stapeln sich bei ihm die Mazze-Kartons hoch auf, aber auch Gemüse- und Fischkonserven gehen besser als sonst. „Was ich aber nicht mache, ist, wegen Pessach die Preise zu erhöhen. Im Gegenteil, manche Produkte sind sogar billiger, etwa der Traubensaft. Gerade für Familien mit vielen Kindern ist es dann oft schwer“, erinnert er sich an eigene Probleme.

Gefragt, ob er mit seinem Geschäft zufrieden ist, sagt er: „Reich wird man mit Lebensmitteln nicht. Da muss man in andere Branchen gehen. Aber ich bin unseren Kunden dankbar. Und wie heißt es: Lebensmittel sind zum Leben da. Wir sind auf einem guten Weg – fragen Sie mich in zwei Jahren noch einmal.“

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