Koschere Unterwelt

Von Huren und Ganoven, Talmudschülern und Revolutionären erzählt Isaac Bashevis Singer in seinem jetzt erstmals erschienenen Liebesroman Jarmy und Keila.

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Isaac Bashevis Singer: Jarmy und Keila. Aus dem amerikanischen Englisch von Christa Krüger. Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag, 464 S., 26,80 €

Zu Jom Kippur empfängt Keila keine Freier. Gemeinsam mit einigen anderen Frauen steht sie vor dem Bethaus, um das Schofar zu hören, denn hinein dürfen die Huren nicht. Und als Keila gerade an diesem auch für sie so heiligen Tag brutal vergewaltigt wird, deutet sie das ahnungsvoll als böses Zeichen.
Huren, Zuhälter, Ganoven, Diebe, Spekulanten, Kriminelle aller Art bevölkern die Krochmalna-Straße in Warschau vor dem Ersten Weltkrieg. In schäbigen, aber koscheren Spelunken schmieden die großen und kleinen Fische der jüdischen Unterwelt ihre dunklen Pläne. Sie kommen vielleicht gerade aus dem Gefängnis, davor aber oft aus religiösem Haus, wie Jarmy, der Meistertaschendieb, der die Rote Keila aus dem Bordell vom Fleck weg heiratet. Natürlich bei einem Rabbi, der nicht weiter fragt, sondern das Paar für drei Rubel traut.

»For wos sol ich nicht schraibn of jiddisch?«
Isaac Bashevis Singer

Von Warschau. Im jüdischen Elendsviertel der Krochmalna wuchs Isaak Bashevis Singer auf, sein Vater war dort ein Rabbiner, zu dem auch die Ärmsten kamen und der nicht weiter fragte, woher. Bis an sein Lebensende bestimmte diese Herkunft das Werk des späteren Nobelpreisträgers, das fromme Milieu des galizischen Stetls, aus dem seine Mutter stammte, ebenso wie das jüdische Proletariat der großen Stadt Warschau und das Jiddische, das viel mehr als eine Sprache für ihn war. Unübersetzbar erschien es ihm, selbst als er schon mehrere Jahrzehnte in Amerika lebte und persönlich die Übersetzungen seiner Bücher überwachte. „Es fehlt der Tam“, stellte er anlässlich der Nobelpreisüberreichung in Stockholm 1978 fest.
Diesen „Tam“ vermisst man auch schmerzlich in dem erst jetzt erstmals in Buchform vorliegenden Roman Jarmy und Keila, den Christa Krüger aus dem Englischen ins Deutsche übertragen hat. Im jiddischen Original war er 1977 als Fortsetzungsroman im Forverts erschienen, was man seiner Dramaturgie anmerkt, denn jedes Kapitel endet mit einem klassischen Cliffhanger, sodass man trotz einiger Durchhänger bis zum letztlich enttäuschend offenen Ende dranbleibt. Mit allen Ingredienzien eines gelungenen Kolportageromans wie Liebe, Lust und Leidenschaft, Schuld und Verbrechen ausgestattet, hätte man dann doch gerne gewusst, wie es weitergeht mit der Roten Keila, ihrem Ehemann Jarmy und ihrem Geliebten Bunem, mit dem gemeinsam sie nach Amerika geflüchtet war, weil ihm als linker Aktivist die Polizei auf den Fersen war. Vielmehr als der schwache Jarmy ist der Rabbinersohn Bunem, Künstler und Philosoph, Talmudlehrer und Revolutionär, in seiner ganz zeittypischen Widersprüchlichkeit der eigentliche Held der Geschichte. Zerrissen zwischen der orthodoxen Welt der Eltern und den neuen klassenkämpferischen Ideen seiner Freunde, zwischen geerbter Gottesfurcht und erworbenem Zweifel, Sünde und Sexualität, erscheint ihm als einziger Ausweg Amerika. Bunems Vorbild soll, so weiß es das Nachwort, Singers älterer Bruder, der jiddische Autor Israel Joschua Singer gewesen sein, was angesichts der liebevoll gezeichneten Komplexität des Charakters nachvollziehbar erscheint.

Nach New York. Wie zwei Ertrinkende klammern sich die beiden nach ihrer Überfahrt dort aneinander, die geläuterte Prostituierte, die auf der Flucht vor dem Ehemann und dessen skrupellosem Freund ihrem Geliebten eine ehrbare jüdische Hausfrau sein möchte, und der junge Bunem, der, ihr erotisch verfallen, auch seine Verlobte verlassen hat. In der jüdischen Emigrantenszene der New Yorker Lower East Side kämpfen sie wie viele Neuankömmlinge ohne Geld und Arbeit tagtäglich ums Überleben. Die erträumte „Goldene Medine“ erweist sich als unerbittlich harter Boden, in dem das traditionelle Judentum der Alten Welt so schnell wie der Bart verschwindet. Voller Verständnis für diese spezielle condition humaine beschreibt Singer die ihm so vertrauten Milieus beider Welten. Seine atmosphärisch dichten Gesellschaftsbilder einer vergangenen Zeit, der man nicht nachtrauern muss, machen den eigentlichen Reiz des Romans aus, dessen durchaus deftige, melodramatische Liebeshandlung als Pageturner funktioniert. Ein bisserl was von seinem ursprünglichen Charme, sprich Tam, klingt manchmal noch wie von Ferne an in dem kleinen Romanfundstück aus dem Nachlass des großen Erzählers. Gefragt, „for wos schraibste jiddisch?“, antwortete er entwaffnend mit der Gegenfrage, „for wos sol ich nicht schraibn of jiddisch?“

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