KOSCHERER LUXUS

Viktor Zirelman betreibt in Wien eine Ein-Mann-Touristikfirma zur Rundum-Betreuung von wohlhabenden Österreich-Besuchern.

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Lust auf einen exklusiven Wien-Besuch? Viktor Zirelman, hier vor dem Kunsthistorischen Museum, macht es möglich. Foto: Reinhard Engel

Sie möchten gerne mitten in den steirischen Alpen im Freien gediegen koscher essen? Sie würden gerne eines der interessantesten Wiener Museen, das MAK, nach Torschluss privat und ungestört besuchen? Sie würden gerne eine Spritztour auf der Donau machen, im kleinen Boot mit koscheren Häppchen und Champagner?

Viktor Zirelman hat all diese touristischen Nachfragen bereits erfüllt. Er tut dies freilich nicht allein mit seiner Ein- Mann-GmbH Co-Victory im zweiten Bezirk. Dazu greift er auf ein Netzwerk von Caterern, Transporteuren und lokalen Spezialisten zu. „Meine Kernzielgruppen wollen super Luxus oder interessieren sich für das jüdische Kulturerbe“, erzählt er. Und oft überschneiden sich diese beiden Kundenwünsche.

In den gehobenen Tourismus hat Viktor, heute 25, schon als Kind hineingeschnuppert. „Meine Mutter hat sehr gut verdient, und wir sind viel gereist, in gute Hotels, haben teure Urlaube gemacht.“ Seine Mutter verkaufte aus ihrem Wiener Büro Edelstahl und Ölprodukte aus Osteuropa im Westen. Sie stammte ursprünglich aus Moldawien und war über Israel nach Österreich gekommen. Sein Vater ist Bosnier, die Eltern hatten sich aber bereits vor seiner Geburt getrennt.

Diese Reiseerfahrungen nähren wohl früh seinen Berufswunsch. Viktor wechselte daher mit 14 von einem Gymnasium auf eine Hotelfachschule in Hietzing. „Dort gab es jeden zweiten Freitag Praktika in Wiener Hotels, etwa im Hilton Plaza oder im Hilton Stadtpark. Ich liebe Kochen, aber mit Systemgastronomie oder dem Schälen von Bergen von Zwiebeln habe ich keine Freude gehabt.“ Lieber war er schon im Parkhotel Schönbrunn an der Rezeption, das machte er gleich mehrmals im Sommer.

Doch als er die Schule mit Matura abgeschlossen hatte, kam der Schock: Ein Lockdown folgte auf den anderen, es gab keine Jobs in der Gastronomie oder Hotellerie. „Also habe ich mir etwas anderes gesucht und habe in der Versicherungsbranche gearbeitet“, so Zirelman. Das war erst bei der Ergo, später bei einem internationalen Versicherungsmakler, insgesamt rund eineinhalb Jahre. Doch er wollte in die Hotellerie oder in den Tourismus zurück.

„Es muss perfekt sein, aber nicht pompös.
Sie arbeiten sehr viel, oft ist das für sie
der einzige Urlaub im Jahr,

und der muss dann funktionieren.“

 

Bei einer Prag-Reise sah er die vielen Besucher der jüdischen Stätten, Friedhof und alte Synagoge, und schlug in der IKG vor, ein Programm zur Betreuung von Wien-Besuchern aufzubauen. Das wurde der Info-Point, und zeitweise arbeiteten für Touren mit jüdischen Themen rund 20 freie Mitarbeiter. Doch Zirelman wollte weiterziehen, nach seinem Abgang konzentrierte sich das Angebot auf Führungen durch den Stadttempel, diese sind jetzt wegen der umfassenden Renovierung ausgesetzt.

Parallel zu seiner Arbeit für die IKG hatte er studiert, an der Wiener Dependance der deutschen Hochschule Zittau und Görlitz, Corporate Governance, also Management, und schloss es mit einem Bachelor ab. Für die Arbeit dazu hatte er das Konzept einer Jewish Austria Card entwickelt, etwa nach dem Vorbild der Niederösterreich Card. Er wollte sich selbstständig machen, wusste aber, dass ihm noch einiges an Wissen fehlte. Also belegte er einen Kurs für Unternehmensgründung bei einem Berater, gesponsert vom AMS.

Im Herbst 2024 war es dann so weit: Zirelman ließ eine GmbH eintragen und begann, Reisebüros zu kontaktieren und ihnen seine Dienste anzubieten. Er wolle Top- Kunden das jüdische Wien zeigen oder ganz spezielle Wünsche erfüllen. Auf der Tourismusmesse ATB klopfte er bei zahlreichen Reiseveranstaltern an, und langsam kam das Geschäft in Gang. Es sind vor allem Büros in den USA, in Kanada und in Israel, die ihn für ihre anspruchsvollen Österreich-Besucher dazubuchen. „Sie sagen mir, der und der kommt für vier Tage, und ich betreue ihn dann umfassend.“

Das bedeutet vom Abholen im Mercedes- Kleinbus mit koscherem Champagner an Bord über die Buchung des Luxushotels bis zu teuren Opernkarten oder individuellen Museumsbesuchen das Erfüllen auch ausgefallener Wünsche. So gelang es ihm sogar einmal, Teile der Salzach kurzzeitig für andere Rafter blockieren zu lassen, weil streng gläubige Frauen, die mit langen Röcken an Bord gingen, nicht beobachtet werden wollten.

Zirelman ist aber auch am anderen Ende der touristischen Skala aktiv: „Jugendherberge statt Fünf-Sterne-Hotel“, sagt er lächelnd. Er hat lange für Likrat gearbeitet, eine Organisation, die in Schulen jüdisches Leben persönlich und exemplarisch erklärt. Und er organisiert Reisen österreichischer Jugendlicher zu den Vernichtungsstätten der Shoah nach Polen. „Das mache ich für meine jüdische Neschume.“

 

„Es muss perfekt sein, aber nicht pompös.
Sie arbeiten sehr viel, oft ist das für sie der einzige Urlaub
im Jahr, und der muss dann funktionieren.“

 

In seinem kommerziellen Bereich hat er bereits zwei kleinere Konferenzen für Funktionäre europäischer jüdischer Gemeinden organisiert. Diese wollten sich die IKG und die umfassenden jüdischen Einrichtungen der Stadt genauer anschauen. Und für Dezember ist der Besuch von europäischen Chaptern des Jüdischen Nationalfonds Keren Kajemeth geplant, eine Gruppe von 25 mit koscherem Essen und Opernbesuch.

„Was wollen meine Kunden?“, fragt Zirelman rhetorisch. „Es muss perfekt sein, aber nicht pompös. Sie arbeiten sehr viel,oft ist das für sie der einzige Urlaub im Jahr, und der muss dann funktionieren.“ Dafür kontrolliert er selbst penibel, ob die Fahrzeuge blitzsauber sind, schult seine freiberuflichen Kellner nach, serviert auch immer wieder selbst. Diese Anstrengung wird gut bezahlt, und auch hohe Trinkgelder sind immer wieder drin.

Dafür muss sich Zirelman immer etwas einfallen lassen. „Die Amerikaner kennen vor allem The Sound of Music. Also fahren wir nach Salzburg und ins Salzkammergut, oft als Tagesausflug.“ Und er bietet zusätzlich zu Wien weitere Nächte in Budapest und Prag an. „Dort habe ich Kollegen, die ähnlich arbeiten wie ich.“ Professionell nennt sich das DMC, Destination Management Companies. Und auch eine Deutschland-Tour von Speyer über Worms, Mainz, Frankfurt, Dresden bis Berlin hat er schon geplant, ebenfalls mit Partnern vor Ort.

Jetzt ist bereits eine Ausbaustufe seines Minibetriebs in Angriff genommen. „Ich möchte von B2B in Richtung B2C erweitern“, also ohne vermittelndes Reisebüro selbst Kunden ansprechen. Dafür hat er professionelle Auftritte auf Facebook und Instagram vorbereiten lassen. „Und dann kann ich eventuell erste Mitarbeiter anstellen.“

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