„Den Krieg haben wir gewonnen – aber den Frieden dabei verpasst.“

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David Rubinger hat israelische Zeitgeschichte seit der Staatsgründung dokumentiert und gilt als einer der berühmtesten Fotojournalisten weltweit. Redaktion & Fotografie: Ronnie Niedermeyer

WINA: Aus deiner Geburtsstadt Wien bist du 1938 vor den Nazis geflüchtet. Hast du in all den Jahren jemals erwogen, wieder in Wien zu leben?

David Rubinger: Ich komme wahnsinnig gern nach Wien. Museen, Hofburg, Oper, Theater, Konzerte – und das alles in unmittelbarer Nähe. Wenn ich heute allein wäre, würde ich den Sprung vielleicht wagen. Da ich aber eine große Familie mit Enkeln und Urenkeln habe, kommt das überhaupt nicht infrage.

Was hättest du geantwortet, bevor deine Kinder geboren wurden?

❙ Früher war ich zutiefst überzeugter Zionist und wollte Israel mit aufbauen. Meine österreichische Staatsbürgerschaft habe ich erst wieder in den 1980er-Jahren erworben. Davor war ich kaum daran interessiert, nach Wien zu gehen.

„Heute wäre ich vielleicht Tischler geworden.“

Wegbereiter der Dokumentarfotografie wie Lewis Hine und Dorothea Lange, später auch Sebastião Salgado, haben mit ihren Aufnahmen soziale Mängel aufgezeigt – wenn nicht sogar zu Veränderungen beigetragen. Kann das auch für manche deiner Arbeiten zutreffen?

❙ Die riesigen Einwanderungswellen nach dem Zweiten Weltkrieg waren unglaublich vielschichtig. Ich habe KZ-Überlebende vom Schiff herunter begleitet, habe ihre erleichterten Gesichtsausdrücke auf Film festgehalten, als sie den sicheren Boden betraten. Für eine Story zum Thema „50 Jahre Israel“ berichteten wir über eine rumänische Familie, die ich schon ein halbes Jahrhundert zuvor abgelichtet hatte. Sicherlich haben diese Bilder viele Menschen berührt. Ob sie in irgendeiner Weise die Geschichte beeinflusst haben, kann ich nicht sagen. Ich glaube, das ist auch in den Fällen, die du erwähnt hast, überbewertet.

Kann Fotografie also nie agieren, sondern nur reagieren?

❙ Dieselbe Frage könntest du auch an die Literatur stellen. Es soll Romane geben, die Politik gemacht haben. In diesem Sinne bewegen sich alle schaffenden Künste auf derselben Ebene. Vielleicht können alle Fotografen zusammen etwas bewegen. Vielleicht haben alle Schriftsteller zusammen einen Einfluss auf die Epoche. Das lässt sich aber nicht punktuell darstellen, nach dem Motto, dieses oder jenes Werk hätte zum Sturz oder Aufbau eines Regimes geführt. Das sind alles nur Steinchen in einem großen Mosaik. Ich hoffe jedenfalls, meine bekannte Aufnahme von den drei Soldaten an der Klagemauer hatte keine politische Wirkung. Damals weinte ich vor Freude, weil wir den Krieg gewonnen hatten – doch heute weine ich, weil wir den Frieden verpasst haben.

Was wäre dein Vorschlag für ein friedliches Beisammensein in diesem Land?

❙ Ich habe unlängst auf Facebook geschrieben: „Warum hat kein Politiker die Courage (eigentlich schrieb ich „the balls“, also die Eier), eindeutig zu deklarieren, die Lösung sei zwei Staaten für zwei Völker und ein vereintes Jerusalem für zwei Völker?“ Der Konflikt hatte zwar schon 1948 begonnen, aber nach dem Sechstagekrieg 1967 wäre er leicht lösbar gewesen. Die Palästinenser hatten sich damit abgefunden, dass es Israel gibt, und hätten vor Freude getanzt, wenn wir ihnen auch nur einen Teil von dem zurückgegeben hätten, was sie heute verlangen. Doch wir haben uns in ihre Gebiete verliebt, und das war das große Unglück.

Innerhalb deines Lebens hat sich die Fotografie sehr verändert. Wenn du heute neu beginnen könntest, würdest du wieder Fotograf werden?

❙ Da müsste ich wieder ein Mädel finden, das mir eine Kamera schenkt! (lacht) Ich habe meinen Beruf immer geliebt, aber in der Freizeit habe ich getischlert. Die ganze Küche da unten habe ich selber gebaut. Wer weiß, vielleicht wäre ich Tischler geworden – heute gibt es ja nicht mehr die Möglichkeit, als Pressefotograf so eine Karriere zu machen wie damals meine Zeitgenossen und ich, weil der Markt für Bildreportage inzwischen eingeknickt ist. Als ich zu arbeiten begonnen habe, guter Gott!, da gab es Time, Life, Saturday Evening Post, Collier’s, Look – und das jeweils in Millionenauflagen … lauter Möglichkeiten also, deine Bilder anzubringen. Als dann das Fernsehen in die Haushalte einzog, gingen von jedem Dollar, mit dem früher Inserate in den Zeitschriften eingekauft wurden, 90 Cent an TV-Werbung. Von den restlichen 10 % konnten die Verlage nicht mehr leben und reduzierten ihre Auflagen. Der endgültige Todesschlag war dann das Internet. Jetzt haben wir es völlig verlernt, für gute Inhalte zu bezahlen.

Fühlst du dich alt?

❙ Seitdem ich 90 bin, schon ein bisschen. Seit einiger Zeit lässt meine Familie mich nicht mehr alleine fliegen, und da gebe ich gerne nach. In diesem Alter alleine im Ausland zu sein, ist nicht so angenehm. Heuer bin ich nach Hannover und Rostock eingeladen, und da müssen sie sich halt ein zweites Flugticket für meine Tochter leisten. Aber ansonsten arbeite ich wie bisher. Es wäre lächerlich, wenn ich für den Herbst keine Pläne mache, und dann lebe ich noch! Vielleicht bin ich ein Idiot oder ein unverbesserlicher Optimist – aber warum sollte ich nein sagen, solange es mir gut geht?

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