Krieger – oder bloß Kriminelle?

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Der Terror hat Paris erneut hart getroffen und tief verunsichert. Dennoch gilt es, kühlen Kopf zu bewahren und den Feinden der Demokratie nicht auf den Leim zu gehen. Von Reinhard Engel

Sogar die sonst so kühle Frankfurter Allgemeine Zeitung hatte die Fassung verloren: „Eine Stadt im Krieg“ sei Paris. Über die Festnahme einiger Terroristen durch französische Spezialeinheiten wenige Tage nach den großen Attentaten konnte man anderswo sogar von einer „Schlacht“ lesen. Bei diesem Einsatz gab es drei Tote und mehrere Verletzte. Bei einer der letzten großen Schlachten, auf dem Sinai im Jahr 1973, standen einander 1000 ägyptische und 750 israelische Panzer gegenüber. So viel zur Terminologie und Verhältnismäßigkeit.

„Zuerst Paris, dann Rom, dann Andalusien“ wollen die IS-Phantasten einnehmen

Doch die Kriegsrhetorik hat System – und man muss sie trotz allem Entsetzen über die blutigen Anschläge vehement ablehnen. Schon der „War on Terror“ von George W. Bush hatte unsauberen Zwecken gedient. Saddam Hussein war ein Diktator, Schlächter und Kriegstreiber. Aber die Todespiloten ins World Trade Center hatten andere geschickt. Der französische Präsident nutzt jetzt die Argumentation mit „guerre“, um von Europa finanzielle und militärische Hilfe zu bekommen, um zuhause Ausnahmegesetze leichter durchzusetzen.

Dabei wertet er die Terroristen ungebührig auf, erhöht sie quasi zu militärischen Kämpfern. „Wir kommen mit unseren Armeen, um Frankreich zu erobern“, lautet einer der kruden IS-Sprüche. Aber sie sind alles andere als tapfere Soldaten, wenn sie hinterhältig auf unbewaffnete Konzertbesucher und Kaffeetrinker feuern. Es sind blutrünstige Mörder, junge ungebildete Männer aus dem kriminellen Milieu, frustrierte Versager, die zu nichts anders fähig sind, als bei ihrem eigenen spektakulären Abgang noch andere mitzunehmen.

Terroristische Hydra

Natürlich muss der IS in Syrien und im Irak militärisch bekämpft – und besiegt – werden, sonst wachsen der terroristischen Hydra fortwährend neue Köpfe nach, und das in zahlreichen Ländern. Und die Bombardements scheinen endlich Wirkung zu zeigen, die Ausrüstung und Ausbildung der kurdischen Kämpfer bringt zusätzlich die notwendigen Bodentruppen.

Doch in Europa geht es nicht um Krieg gegen ausländische Kämpfer, sondern um mühsame, konsequente Polizeiarbeit gegen radikalisierte, meist einheimische Gefährder und potentielle Mörder. Das bedeutet mehr Budgetmittel für die Sicherheit, das bedeutet den systematischen Aufbau von Informanten-Netzwerken in den einschlägigen Szenen, intensivere grenzüberschreitende Zusammenarbeit. Das bedeutet endlich eine lückenlose Überprüfung und Registrierung der Flüchtlinge, die nach Europa strömen. Und es bedeutet, die Bevölkerung mitzunehmen, damit sie gewisse Einschränkungen akzeptiert – etwa Sicherheitsschleusen vor Shopping Malls, Bahnhöfen oder Behörden, damit die Menschen wachsam sind und Ungewöhnliches rasch berichten.

„Zuerst Paris, dann Rom, dann Andalusien“ wollen die IS-Phantasten einnehmen. Diese Freude werden wir ihnen nicht machen. Um das zu verhindern, brauchen wir keine Soldaten vor der Oper, sondern einen professionelle Polizeiapparat und selbstbewusste, wehrhafte Demokraten.

Bild: © Flash 90 / Laurence Geai

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