Künstlerische Stilbrüche in der Fremde

Wo Kunstschaffende Zuflucht fanden und wie sie sich anpassen mussten, zeigt die Ausstellung Orte des Exils im Museum der Moderne in Salzburg.

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Lotte Laserstein, Selbstbildnis, 1938. „Sie muss schon 1936, als sie zu einer Ausstellung nach Schweden eingeladen wurde, gespürt haben, dass das ein endgültiger Abschied wird, denn sie nahm den Großteil ihrer Werke schon mit.“ © museumdermoderne.at /Michael Setzpfandt, Berlin

Orte des Exils
Museum der Moderne Salzburg
25. Juli – 22. November 2020
museumdermoderne.at

Eine kräftige Frauenhand führt entschlossen den Pinsel über die Farbpalette und malt einen nackten, selbstbewussten Frauenkörper, der im Spiegel von vorne und im Vordergrund von hinten zu sehen ist. Ein sehr ungewöhnliches Motiv mit Ausrufungszeichen von einer Malerin im Jahr 1930/1931. „Seht her, ich traue mich was!“, scheint Lotte Laserstein dem Betrachter zuzurufen. Doch dieses demonstrative Selbstvertrauen wird der Künstlerin bald brutal genommen: Aus dem Jahr 1940 und dem schwedischen Exil gibt es eine großflächige Wandmalerei – Öl auf Masonit (Holzfaserplatte) –, die eine „Sommeridylle“ mit Jugendlichen am Meer zeigt. Man will es Christiane Kuhlmann, der Kuratorin der Ausstellung Orte des Exils im Salzburger Museum der Modere am Mönchsberg (bis 22. November), fast nicht glauben, dass hier die gleiche Malerhand am Werk war. In kitschigem Rot-braun und grellem Blau sieht man Mädchen und Burschen mit ausdruckslosen bis depressiven Gesichtszügen herumlungern: eine gegenständliche, erschreckend banale Ästhetik. Wüsste man nicht, dass Laserstein geborene Jüdin war, müsste man ihr NS-genehme Kunst vorwerfen.
Genau dieser eklatante Bruch im künstlerischen Schaffen, der einen durch den Vergleich dieser zwei Arbeiten förmlich anspringt, ist auch die Botschaft der Ausstellungsmacherinnen: „Indem wir die Werke vor dem Exil zeigen, machen wir anschaulich und messbar, wie die Künstlerinnen und Künstler sich unter den neuen Bedingungen, die der jeweilige Ort zulässt, im Stil verändern“, erzählt die Kunsthistorikerin Kuhlmann, die sich schon in der Berlinischen Galerie mit Lotte Laserstein befasst hat. Die individuellen Exilerfahrungen der Betroffenen hingen neben den persönlichen und beruflichen Voraussetzungen stark vom jeweiligen Asylland ab. Nicht nur seine Lage und das dortige Klima spielten eine Rolle, sondern vor allem die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse der entwurzelten Talente. „Großbritannien, die USA und Palästina waren wichtige Zufluchtsorte, aber Schweden ist in Österreich vor allem als Fluchtziel für politisch Verfolgte bekannt.“
Im Rahmen von Orte des Exils werden fünfzehn Kunstschaffende aus den verschiedensten Bereichen präsentiert. „Das zugrunde liegende Konzept war, mehr als ein einziges künstlerisches Genre zu zeigen, daher nahmen wir Malerei, Grafik, Film, Fotografie und Design auf“, erläutert Kuhlmann. Da sich Österreich noch bis März 1938 für Deutsche als Fluchtziel anbot, gibt es auch Überschneidungen mit dem Land und der Stadt Salzburg: Die österreichische Regisseurin Louise Kolm-Fleck zog 1933 nach ihrer UFA-Karriere in Berlin in ihre Heimat zurück und realisierte in St. Gilgen am Wolfgangsee den Film Der Pfarrer von Kirchfeld mit den jüdischen Schauspielern Hans Jaray und Ludwig Stössel, das Drehbuch schrieb Friedrich Torberg. Der Schauplatz von Erich Kästners autobiografisch gefärbtem Roman Der kleine Grenzverkehr oder Georg und die Zwischenfälle (1938) ist Salzburg. Hier traf sich der Autor im August 1937 mit seinem Illustrator Walter Trier, um zukünftige Projekte zu planen. Trier stammte aus einer deutschsprachigen jüdischen Familie in Prag; er musste wegen seiner scharfen antifaschistischen Karikaturen nach London flüchten.
Auch Else Lasker-Schüler, Ella Niebuhr, Lisette Model, Friedl Dicker-Brandeis, Victor Papanek sowie dem Fotografen und Filmemacher Wolfgang Suschitzky, dessen Nachlass seit 2018 im Archiv des Salzburger Fotohofs verwahrt wird, widmen sich die Ausstellung und der umfassende Katalog.
Die Berlinerin Lotte Laserstein (1898–1993) kehrte aus ihrem schwedischen Exil nie mehr nach Deutschland zurück. „Sie muss schon 1936, als sie zu einer Ausstellung nach Schweden eingeladen wurde, gespürt haben, dass das ein endgültiger Abschied wird“, erzählt Kuratorin Kuhl­mann, „denn sie nahm den Großteil ihrer Werke schon mit. Sie geht sogar eine Scheinehe ein, um ihren Aufenthalt dort abzusichern.“
Lotte Laserstein wurde nach 1945 für lange Zeit vergessen, obwohl sie als bedeutende Vertreterin der gegenständlichen Malerei sowie der Neuen Sachlichkeit in der Weimarer Republik gilt. Seit zwei Jahren ist das anders: Ihr umfangreiches Werk vor dem Exil wurde in Berlin, Frankfurt am Main und Kiel in angesehenen Museen ausgestellt. Kuratorin Christiane Kuhlmann freut das sehr, denn: „Uns war wichtig, dass wir nicht Künstler zeigen, weil sie Exilanten waren, sondern weil sie gute Kunst gemacht haben.“

 

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