Die Kunst ist untot

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Die Hauptausstellung der Venedig-Biennale zeigt global austarierte Kunst zwischen Gewalt und Erschöpfung. Von Thomas Edlinger

Am Weg zum Eingangsraum des zentralen Pavillons in Venedig grüßen Statuen mit abgeschlagenen Köpfen und deformierten Körpern, die auf die koloniale Verstrickung des britischen Empires in Indien anspielen. Vor dem Eingang hängen rabenschwarze Tücher. Tritt man ein, sieht man einen Raum, befüllt mit Werken des italienischen Künstlers Fabio Mauri. Eine Leiterinstallation, die nach oben ins Nichts führt, eine freistehende Wand aus zusammengepressten Koffern, die auch an das Trauma des Holocaust denken lässt.

Embedded Critic gehört mittlerweile zum guten Ton von Monstershows wie der Venedig-Biennale, den reiche Sammler so goutieren wie den Champagner am Abend.

An der Wand hängen Bilder mit Schriftzügen, die verkünden: the End. Ein zunächst noch sehr europäisches Ende, dick aufgetragen, und ein Nachhall der Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Im Nebenraum zeigt ein kurzer, immer noch aufwühlender Film von Christian Boltanski aus dem Jahr 1969, wie ein Mann Blut oder Blutähnliches kotzt und hustet. Der Mann ist am Ende. Wie kam es dazu?

Das Ende gibt den atmosphärischen Auftakt, Von da an geht es zurück in die Zukunft. All the World’s Futures heißt die thematische Schau der diesjährigen Biennale. Entworfen ist die Schau von Okwui Enwezor, geboren in Nigeria und weltmännischer Spezialist für afrikanische Kunst und Fragen des Postkolonialismus.

Der Parcours beginnt wuchtig und bedrängend. Bouquets aus schwarz eingefärbten Motorsägen kokettieren mit SM-Fetischismus, Entwürfe von Kampfhubschraubern zeichnen eine dystopische, comic-inspirierte Science Fiction, Bilder vom Verschmelzen aufeinandertreffender Projektile aus Maschinenpistolen verweisen auf die Verwandtschaft von Krieg und Wissenschaft. Gleich daneben eine aufwühlende Videoinstallation von Chantal Akerman. Sie zeigt die Geschwindigkeit vorbeifahrender Kameras vor leeren Wüstenbildern und den Sound des Krieges, dessen Protagonisten abwesend bleiben. Eine unbeabsichtigte Fußnote zum postapokalyptischen Spektakel Mad Max – Fury Road oder ein Kommentar zum Verhältnis von Terror und War On Terror?

Akerman, die ihr Jüdischsein „manchmal als Bereicherung, manchmal als eine Bürde“ begreift, nennt ihre Arbeit schlicht Now. Auch wenn sich die Schwere des Materials im Durchgang nach und nach lichtet und auch zarte, spielerische Arbeiten zu ihrem Recht kommen: Die Tonart ist Moll. Das zeigt sich in eindrücklichen Porträtserien müder U-Bahn-Passanten genauso wie in Meditationen über herumspukende Geister, die man entweder nicht los wird oder deren Hoffnungen nie realisiert wurden. Theaster Gates etwa wandelt eine aufgelassene Kirche in Chicago zum Schauplatz einer choreografierten Gospel-Noise-Soundart-Installation um. Kirchenbänke werden hochgehoben und krachen auf den Boden: ruinöser Soul, den man sich auch im krisengeschüttelten Baltimore gut vorstellen könnte.

Die Gewalt und die Gewalt der Arbeit, das Kapital und der Tod, die Ökonomie und die Ökologie oder konkreter: das Postapartheid-Südafrika und die Flüchtlingsproblematik in Syrien, der Klimawandel und die Last des Lebens in südkoreanischen Fabriken und postkolonialen Wüsten. The End of Carrying All heißt eine Videoinstallation von Wangechi Mutu, in der die Last am Kopf immer schwerer wird.

Embedded Critic
Kutlug Ataman: The portrait of Sakip Sabanci, 2015. Eine schwebende Installation an der Decke aus Portätfotos.
Kutlug Ataman:
The portrait of Sakip Sabanci, 2015. Eine schwebende Installation an der Decke aus Portätfotos.

Fast überall, wo es knirscht, kommentiert mindestens ein Werk die Lage. Embedded Critic gehört mittlerweile zum guten Ton von Monstershows wie der Venedig-Biennale, den reiche Sammler so goutieren wie den Champagner am Abend. Im Zentralpavillon steht aber etwas herum, das man nicht kaufen kann: eine Arena. In Performances lesen Schauspieler aus dem Kapital von Karl Marx. Die komplizierten Texte wird so niemand wirklich verstehen, auf einem Screen laufen dazu noch Fußnoten zu Marx-Texten. Eisenstein träumte einst von der Verfilmung des Kapitals; das hier sieht so aus wie die postdramatische Theaterversion eines heiligen Textes. Aber vielleicht erinnern sich die Älteren daran, dass die Marx-Lektüre einmal zum guten Ton in den WGs gehört hat. Doch offenbar geht es hier nicht um das Werk, sondern nur mehr um die Geste. Im Katalog wird Marx sogar in der Künstlerliste geführt.

Auch sonst gibt es die üblichen Kunstbluffs; Infografiken auf  Teppichen führen ins Nichts der Statistik, Kleiderentwürfe für Demos schlagen die Brücke zum Aktivismus – als Idee, nicht als Praxis. Fast am Ende des langen Parcours im Arsenale, der trotz der Futures im Titel der Ausstellung fast schon demonstrativ Fragen der digitalen Konnektivität im Sinn der Netz- oder der so genannten Postinternetkunst vernachlässigt, lauert noch eine Überraschung: Georg Baselitz mit – schon wieder – einer Serie seiner überlebensgroßen, auf den Kopf gestellten Porträts. Ausgerechnet der hier? Und was macht der neue alte Meister neben einem Raum, der den Repräsentationen eines heutigen Afrikas ohne innere Grenzen gewidmet ist?

Doch plötzlich macht der deutsche Großkünstler in der mit vielen Porträtabwandlungen gespickten Bilderwelt einer Globalkunst einen Sinn, der ihm selbst wohl nicht in den Sinn gekommen wäre. Im Licht der einst dunklen Kontinente erscheint seine Malerei wie Kunst, die man – nach ihrem Ende – vom Kopf auf die Füße stellen muss. Andererseits schrumpft auch der klotzende Baselitz zu einer Stimme im „Parlament der Formen“, wie es Enwezor im Katalog vorschwebt. Doch wird dieses Parlament, diese dauerüberforderte Demokratie in progress jemals beschlussfähig werden? Enwezor hat zwar einmal Politik studiert, doch dazu fällt ihm auch keine Lösung ein.

Die Biennale in Venedig
Die 56. Biennale in Venedig wurde von Okwui Enwezor, dem Documenta-Leiter 2002 und derzeitigen Direktor des Münchener Hauses der Kunst, kuratiert. Die Pavillons und die zentrale Ausstellung sind bis zum 22. November 2015 in den Giardini und im Arsenale zu besichtigen. Weitere nationale Pavillons sind über die ganze Stadt verstreut.

Coverbild:
Katharina Grosse: Untitled Trumpet, 2015. Grosse steht für eine farbintensive und expansive Malerei, die in den Raum geht, die sich Räume aneignet.

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