Lachen unter Tränen

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Sacha Baron Cohen/ © picturedesk.com/ Mary Evans Picture Library 2010

Alles meschugge? „Jemand, der lacht, ist nicht besiegt“, sagte EphraimKishon, der 43 Millionen Bücher verkaufte, „so lange ich lachen kann, bin ich ein Mensch mit Ehre.“ Eine Ausstellung in Wien beweist: Der Witz von Kohn, Grün und Blau ist der einzige, der über sich selbst lacht.Von Dieter Chmelar

Klingt komisch – ist aber so: Bis vor wenig mehr als hundert Jahren herrschte unter Nichtjuden die Ansicht, dass es den Juden an Humor fehle, weil sie doch als verfolgte Minderheit nie wirklich was zu lachen gehabt hätten … Doch schon der Urvater, quasi der „Abraham“, des bis heute – unverdrossen! – florierenden jüdischen Humors, Anatevka-Schöpfer Scholem Alejchem (1859–1916), prägte das Leit- und Leid-Motiv: „Lakhn unter Trern.“ Was nicht (nur) „Tränen lachen“, sondern viel mehr „Lachen unter Tränen“ bedeutet. Willkommen in Wien!

„Der Witz ist die letzte Waffe des Wehrlosen.“ Sigmund Freud

„Wien war die Stadt, in der sich einst eine Sprache, die deutsche, und eine singuläre Art des klugen Witzes, der jüdische Humor, auf die wundersamste Weise paarten“, schreibt Werner Schneyder (75) in seinem Beitrag (Vom Wiederaufbau der Intelligenz) im Prachtkatalog zur aktuellen Ausstellung Alles MESCHUGGE? im Jüdischen Museum Wien, man musste hier nicht Jude sein, um den jüdischen Witz zu begreifen und zu beherrschen. Man musste hier nicht Nichtjude sein, um die deutsche Sprache virtuos zu schreiben, zu sprechen und zu singen.

Warum sind eigentlich so viele Komiker Juden?

Paul Rudd (43), spätestens seit Immer Ärger mit 40 (Frankreich, 2012) ein Beweis und ein Begriff, sagte jüngst im Kurier-Interview zur Filmkritikerin Alexandra Seibel: „Keine Ahnung, woran das liegt. Vielleicht, weil wir vierzig Jahre durch die Wüste gewandert sind. Da lernt man, Dinge mit Humor zu nehmen.“ Sigmund Freud (1856–1939) hielt den Witz – nicht (zwingend) gleichzusetzen oder gar zu verwechseln mit Witzen – für „die letzte Waffe des Wehrlosen“. Der große Seelenröntgenologe Erwin Ringel (1921–1994), der „die österreichische Seele“ bis in ihre finstersten Nebenräume ausleuchtete, merkte an: „Ohne das Wirken Freuds schmälern zu wollen – die Psychoanalyse zu begründen war halt in Wien leichter als in jeder anderen Stadt der Welt.“ Die in Wien praktizierende, jüdische Therapeutin Ruth Werdigier (63): „Zu Moses zurück: Der hatte ja auch eine jüdische Mamme. Die sagte zu ihm: ,Na schön, das ist eine gute Geschichte, die du da erzählst. Aber jetzt sag mir die Wahrheit: Wo warst du die letzten vierzig Jahre?‘ “

Werdigiers Analyse: „Der jüdische Witz ist eine Art von Selbstverteidigung. Das heißt: Ihr braucht nicht über uns zu lachen – wir machen das viel besser als ihr!“ Und: „Der jüdische Witz nimmt Angst – erstens durchs Lachen und zweitens, weil man irgendwas gelernt hat draus.“ Oder, wie es der fantastische Realist Arik Brauer (84) auf den (springenden) Punkt bringt: „Das Charakteristische ist, dass jüdische Witze zum Lachen und zum Weinen zugleich sind. Bei den Juden gibt es einen, fast möchte ich sagen: innerjüdischen Antisemitismus. Dass man in der eigenen Wunde so richtig zu wühlen versteht – das ist zugleich das richtig Jüdische am jüdischen Witz.“ Autobiografisches Beispiel Brauers: „Der Antisemitismus is a nimmer des, was er einmal war – ich musste als Kind noch im Rinnsal gehen. Heute darf ich jeden Gehsteig benützen …“ Schärfer sah es schon Fritz Muliar (1919–2009): Der – nach abstruser Nazi-Diktion – „halbjüdische“ Charakterkopf und Publikumsliebling freute sich zwar darüber, dass es „in Österreich nur noch acht Prozent Antisemiten gibt“, wunderte sich freilich im selben Atemzug, dass „ich immer auf genau diese acht Prozent treffe“.

Auch (und vor allem) diese Schlagfertigkeit kennzeichnet den jüdischen Humor. Wiens Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg (62): „Es beginnt immer anders, als es ausgeht. Der Witz fährt in eine Richtung, und plötzlich gibt es eine Notbremsung oder sogar eine Schubumkehr.“ Und der Wiener Schrifststeller Doron Rabinovici (51) ergänzt: „Ganz essenziell ist das Lachen über sich selbst. Vielleicht ist der jüdische Witz der einzige der Welt, der das tut. Insoferne ist er ein urbaner und sehr moderner Witz.“

Übrigens: Den jüdischen Witz gibt es – gottlob – auch von Nichtjuden! Die Definition von „Chuzpe“ – jemand bringt seine Eltern um und plädiert dann vor Gericht auf „Vollwaise“ – passt auch auf manch „arischen“ Schmäh. Ein funkelndes Juwel aus diesem „Schatzkästlein“: Joseph Goebbels (1897–1945), Hitlers Reichspropagandaminister, soll des Führers Filmfavoritin von anno nazimal, die Schwedin Zarah Leander (1907–1981), einmal getadelt haben: „Also, Zarah klingt mir aber ziemlich jüdisch!“ Darauf die Schauspielerin, nordisch kühl: „Und Joseph?“

Das entspricht Fritz Grünbaum (1880–1941), Kabarett-Star der 1930er, der im Angesicht seines Todes (in Dachau) den Mangel an Waschutensilien beklagte: „Wer für Seife kein Geld hat, soll sich kein KZ halten.“ Auf Runde 30 durch den Gefängnishof in Wien hatte er geseufzt: „Und die da draußen glauben, wir sitzen.“

„Herr Ober, bitte beichten!“

In der Zwischenkriegszeit gab’s in Wien ein Restaurant, das sich in Besitz des Franziskanerordens befand. Die Gäste staunten nicht schlecht darüber, dass die ehrwürdigen Patres auch persönlich servierten, abräumten und kassierten. Anton Kuh (1890–1941), den man seiner Wortgewalt wegen „Sprechsteller“ (statt Schriftsteller) rühmte, rief eines Abends, nach vorzüglichem Mahl bei den hochwürdigen Herren, laut und vernehmlich durch den Saal: „Herr Ober, bitte beichten!“

„Lachen kommt vor dem Küssen“ Kuh galt auch als „Stier“ – jedenfalls als notorischer Herzensbrecher. Der weltweit gefeierte jüdisch-amerikanische Filmstar Jerry Lewis (87) erkannte Jahrzehnte später den „Witz“ daran: „Mit Humor kann man Frauen am leichtesten verführen, denn die meisten Frauen lachen gerne, bevor sie anfangen zu küssen.“

„Das Charakteristische ist, dass jüdische Witze zum Lachen und zum Weinen zugleich sind.“ Arik Brauer

Keine (Klasse-)Frau ist von Äußerlichkeiten zu beeinflussen. Wie sonst hätten Woody Allen (77) oder Groucho Marx (1890–1977) samt seinen „Brothers“ so oft und so beneidenswert reüssiert? Wie wäre Peter Sellers (1925–1980) trotz Toupets an Liza Minnelli geraten – auch wenn sie ihm (zuletzt) den Pepi vom Kopf wirbelte? Was zählt schon fehlendes Haupthaar im Vergleich zum hellen Köpfchen? Karl Farkas (1893–1971), Großmeister der Kleinkunst, sah es so „Simpl“, wie es ist: „Eine Glatze ist Striptease auf höchster Ebene.“ Farkas begann als Schnelldichter. Er machte aus jedem Zuruf aus dem Publikum (das er politisch nicht sonderlich vergrämte) einen Reim. Als eines Abends ein angeheiterter Antisemit brüllte: Judenbengel, nahm er eine Rose zur Hand und konterte so blitzartig wie staubtrocken: „Da ist die Rose, dort ist der Stengel/da ist der Jude, dort ist der Bengel.“ Wie sagt der jüdisch-deutsche Comedian Oliver Polak (44) so gern am Beginn seiner Programme? „Ich bin Jude. Sie müssen trotzdem nur lachen, wenn Sie wollen.“

„EINEN STICH INS KOMISCHE“
Drei jüdische Mammes treffen sich und schwärmen von ihren Söhnen. Wer von ihnen liebt seine Mutter am meisten? Sagt die Erste: „Meiner ruft mich täglich an und fragt, wie es mir geht!“ – „Das ist nichts!“, sagt die Zweite, „meiner schickt mir jeden Tag Blumen!“ – Darauf die Dritte mit wegwerfender Handbewegung: „Was redet ihr? Meiner geht jeden Tag zum Psychiater.“ – Die anderen beiden fragen erstaunt: „Und was macht er dort?“ – „Stellt euch vor, er redet nur von mir!“

Ein Jude, der den Tod seiner Frau beklagt, kommt zum Rabbi und fragt um eine Trauerrede. Der Rabbi: „Hab ich a Rede um 1.000 Schekel.“ – Der Mann: 1.000 Schekel? So teuer? Was kann a Rede um 1.000 Schekel?“ – Der Rabbi: „Da weinst du, da weine ich, da weint der Chor, da weint die Gemeinde.“ – Der Mann: „Hast du nicht was Günstigeres?“ – Der Rabbi: „Hab ich a Rede um 500 Schekel.“ – Der Mann: „Und was kann deine Rede um 500 Schekel?“ – Der Rabbi: „Da weinst nur du, da mach ich a ernstes Gesicht, da schluchzt der Chor a bissl, da ist die Gemeinde der Form halber traurig.“ – Der Mann: „Und hast du vielleicht noch was Günstigeres?“ – Der Rabbi: „Hab ich noch a Rede um 100 Schekel – möcht ich aber nicht empfehlen.“ – Der Mann: „Wieso möchtest du nicht empfehlen die Rede um 100 Schekel?“ – Der Rabbi: „Weißt du – die hat an Stich ins Komische.“

Alle MESCHUGGE? Jüdischer Witz und Humor. Ausstellung im Jüdischen Museum in Wien. Von 20. März – 8. September 2013.

www.jmw.at

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