Ein Land steht still

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Israel gedenkt der Opfer der Schoa, den gefallenen Soldaten und den Opfern von Terroranschlägen. Schweigeminuten, Sirenen, Trauermusik im Radio und ein abgestimmtes Fernsehprogramm. Hier wird das ganze Land an das Erinnern erinnert. Von Iris Lanchiano

Das Heulen der Sirenen läutet Yom Hazikaron ein. Der Tag, an dem der gefallenen Soldaten und Opfern von Terroranschlägen gedacht wird. Niemand bewegt sich. Soldaten salutieren, Köpfe sind nach unten geneigt. Am Yizhak-Rabin-Platz in Tel Aviv versammelt man sich, um kollektiv zu gedenken. Das ganze Land ist in Blau-Weiß gehüllt. Es ragt aus den Fenstern, in den Schaufensterauslagen, aus den Autos, über Gebäude. Es ist ein schwerer Tag für Israel. Auch wenn man nicht selbst betroffen ist, kennt hier jeder jemanden, der einen Freund oder ein Familienmitglied im Krieg verloren hat. Für viele ist das der wichtigste Tag im Jahr. Man geht zum Friedhof oder besucht die Angehörigen. Ehemalige Soldaten sitzen zusammen und lassen verstorbene Kameraden durch Geschichten und Anekdoten wieder aufleben. Das reguläre TV-Programm wird unterbrochen, und es werden Filme und Dokumentationen zum Thema gezeigt. Auf den meisten Bildschirmen ist nur eine Kerze mit dem Wort „Yiskhor!“ („Erinnerung!“) zu sehen.

Der israelische Schriftsteller Amos Oz schreibt in seiner Geschichte von Liebe und Finsternis: „Die lebendige Erinnerung kommt plötzlich und erzittert gleichzeitig in mehreren Rhythmen, an mehreren Punkten, ehe sie erstarrt und zur Erinnerung der Erinnerung versteinert.“

Dieser Moment ist unbeschreiblich. Das Gefühl einer Gemeinschaft.

69923Genau eine Woche zuvor: Yom Haschoa. Das Gedenken an die Opfer des Holocaust. Ich werde darauf hingewiesen, dass man, sobald die Sirenen zu heulen anfangen, stehen bleibt und innehält. Egal bei welcher Aktivität man gerade ist. Auf der Autobahn fahren die Autos rechts ran, und die Fahrer steigen aus ihren Autos. Menschen, die zuhause vor dem Fernseher sitzen, stehen auf; auf der Straße bleibt man stehen, in den Kaffeehäusern, einfach überall. Dieser Moment ist unbeschreiblich. Das Gefühl einer Gemeinschaft, Gänsehaut vom kleinen Zeh bis zur Nasenspitze. Und ich erinnere mich an die letzten Jahre, in denen ich zu Yom Haschoa in Auschwitz war. Ich erinnere mich, denn die Koffer sind noch da, die Haare sind noch da, die Brillen sind noch da, die Gebetsschals, die Schuhe, das Silber, das Gold, die Töpfe, die Prothesen, alles ist noch da. Zumindest ein Teil, der Teil, der nicht verbrannt wurde, der nicht verarbeitet wurde, der nicht entsorgt wurde. Auf einem der Koffer stand geschrieben: „Fam. Tausik ‒ Blumauerstraße, Sarah Bunzl ‒ Maria Theresienstraße, Fam. Goldstein – Heinestraße, Fam. Levi und Chana Sternschlag […]“ etc. Manche Koffer hatten den Zusatz „Kind“ – manche nicht. Und ich stelle mir die Frage, was packt man in einen Koffer, wenn man weiß, dass man nie wieder zurückkommt? Kleidung? Kosmetik? Fotos? Möglicherweise von allem ein wenig. Die Überlebenden der Schoa verloren Freunde, Geschwister, Eltern, Großeltern, aber sie hatten Glück, denn sie lebten noch. Aber was macht das Leben denn noch lebenswert nach all dem, was sie durchgemacht haben?

Es ist Israels 66. Geburtstag. Es ist Yom Haatzmaut – der Tag, an dem wir Israels Unabhängigkeit feiern. Wir feiern, dass es Israel gibt, dass es einen jüdischen Staat gibt, der Heimat für alle Juden auf dieser Welt ist. Jung und Alt tanzen auf den Straßen, völlig fremde Menschen umarmen einander, und in der Menschenmenge am Yizhak-Rabin-Platz sehe ich eine alte Frau, die tanzt und ihre Hände in die Höhe wirft. Und auf ihrem Arm ist eine Nummer tätowiert.

An diesen Tagen, an denen Leid und Freude so nah beieinanderliegen, ist es zum Weinen schön und zum Lachen bitter. Ein schmaler Grat.

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