Ein Leben als Sohn

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In seiner Autobiografie Parallele Leben zieht Amos Kollek Bilanz. Von Anita Pollak.

Große Männer werfen lange Schatten. Besonders Söhne haben es oft schwer, sich aus diesen zu lösen. Teddy Kollek, der legendäre Bürgermeister von Jerusalem, eine starke Persönlichkeit mit Charme und Charisma, hat es seiner Familie offenbar nicht immer leicht gemacht. Sein als Filmer und Autor erfolgreicher Sohn Amos dürfte trotz einiger Psychotherapien noch immer nicht ganz fertig mit dem 2007 verstorbenen Übervater sein.

In seiner Autobiografie Parallele Leben zieht Amos Kollek Bilanz.

Es ist „eine sehr persönliche Geschichte“, die mit dem Tod des Vaters beginnt, das lange Sterben der Mutter begleitet und rückblickend vielleicht auch als eine Art Kaddisch gelesen werden kann. Tamar, die während ihrer 70-jährigen Ehe ebenso in Teddys Schatten stand, sollte in diesem ihr gewidmeten Buch endlich den gebührenden Platz erhalten. Wien war ihre Vaterstadt im Wortsinn, die Stadt, in der ihr geliebter Vater als Rabbiner tätig war, bis ihn die Nazis fast zu Tode prügelten. An Wien erinnerte sie sich, im Gegensatz zu ihrem Mann, trotz alledem immer gern. Hier hatten sich die beiden jungen Zionisten vor dem Krieg kennen gelernt, im Kibbuz Ein Gev am See Genezareth heirateten sie, und dort kam 1947 auch Sohn Amos zur Welt. Das Leben im Kibbuz, den sie verlassen mussten, als Teddy dem Ruf des von ihm vergötterten „Alten“ Ben Gurion folgte, blieb ihr stets näher als Jerusalem, und als Bürgermeistersgattin hat sie sich nie wirklich wohl gefühlt. Sie ging in die Küche, wenn die Reichen und Schönen aus aller Welt im bescheidenen Wohnzimmer ihren Mann besuchten.

Namedropping
Amos Kollek: Parallele Leben. Eine persönliche Geschichte. Aus dem Englischen von Christa Prummer-Lehmar und Rita Seuß. S. Fischer Verlag; 352 S.,  23,60 EUR
Amos Kollek: Parallele Leben. Eine persönliche Geschichte.
Aus dem Englischen von Christa Prummer-Lehmar und Rita Seuß.
S. Fischer Verlag;
352 S., 23,60 EUR

Mit und um Teddy hat Amos Filme gedreht, hat dessen Biografie geschrieben und die internationalen Kontakte des väterlichen Kommunikationsgenies für seine eigene Karriere vor allem in den USA zu nutzen versucht. Hollywood-Stars wie Marlene Dietrich, Paul Newman, Woody Allen, Fay Dunaway oder Elizabeth Taylor öffneten Teddys Sohn ihre Türen, und das Name-dropping samt damit verbundenen Anekdoten nimmt einen Gutteil des Bandes ein, der auch eine persönliche Filmgeschichte ist. Vor allem aber ist es der Versuch einer Lebensbilanz des 67-Jährigen, der schonungslos „Gewinne und Verluste“ in menschlicher und künstlerischer Hinsicht auflistet. Keine großen Heldentaten im ungeliebten Militär, drei Ehen, zwei späte Töchter, Erfolge und Flops. „Ich betrachte mich als gescheiterte Existenz“, heißt es einmal wohl nicht ganz unkokett.

Auf das heutige Israel und dessen Probleme blickt Amos höchst distanziert – ein Pendler zwischen zwei Welten und Sprachen und Kind einer Generation, der die zionistischen Ideale der Eltern abhanden gekommen sind.

Erinnerungen dürfen frei assoziieren, Träume erzählen, chaotisch sein, ein roter Faden zur Orientierung wäre allerdings hilfreich. Den vermisst man leider ebenso wie ein Lektorat, das viele abundante Wiederholungen und faktische Irrtümer verhindern hätte müssen. So bleibt es bei einem seltsamen Zwitter aus Kaddisch und Beichte.

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