
Sie wohnt in Berlin, aber ihren 80er feierte sie in Wien. Jetzt, ein Jahr später, begeht Hazel Rosenstrauch ihren Geburtstag bei einem Wiener Heurigen. Bald sind es 30 Jahre her, dass die umtriebige Akademikerin und Journalistin in der deutschen Hauptstadt gelandet ist. Doch seit Kurzem zieht es sie nach Wien, gedanklich auch nach Floridsdorf, wo sie eine glückliche Jugend erfuhr. „Seit der Covid- Pandemie fühle ich mich in Berlin nicht mehr wohl. Der Antisemitismus ist seither spürbar schlimmer geworden“, erzählt sie. „Ich wurde auch persönlich bedroht, meine Tür wurde mit Corona-Rosenstrauch beschmiert und durchgestrichen. Das war lange vor dem 7. Oktober 2023.“ Seither steht auf ihrem Türschild: Franz Huber.
Dieser angeblich so jüdisch konnotierte Familienname sollte Hazel Rosenstrauch noch viele Erlebnisse bescheren, großteils negative, sodass sie in einem Lebensabschnitt sogar unter Pseudonym publizierte. „Man scheint mir übelzunehmen, dass ich mit diesem schönen Namen nicht in das für Juden bestimmte Ghetto im Nahen Osten gehöre“, sagt die Journalistin, die sich extra für diesen Beruf ein Pseudonym zulegte, „weil ich das Wiedergutmachungsgejammer dieser Branche – ,Ach, das waren noch Zeiten, als die Juden noch im Geschäft waren‘ – nicht auch noch in den Köpfen der Leser wissen wollte.“
Ihr Erinnerungsbuch, in dem sie ihre zahlreichen Ambivalenzen aufarbeitet, heißt Gelber Stern und rote Windeln. Die alten und neuen Aufsätze zu „red diaper babies“ sind zu ihrem achtzigsten Geburtstag erschienen. „Das ist ein gutes Alter, um aufzuräumen, und da der Wind nun in eine andere Richtung weht als in meiner Jugend schaue ich – teils mittels alter, teils mit neuen Texten – auf die Nachkriegszeit, auf die sogenannten ,68er‘-Jahre, auf Kommunisten, Juden und die ,Vergangenheitsbewältigung‘ in Deutschland und Österreich“, erzählt sie. „Bei allem Bemühen um Sachlichkeit ist mein Blick von der Herkunft aus einer Familie jüdischkommunistischer Remigranten geprägt. Meine Auswahl versucht daher, der wenig gewürdigten Spezies linker Juden mehr Platz in der Erinnerung zu verschaffen. Den Anstoß zu diesem Projekt gaben die Briefe meiner Großeltern, die vergeblich versucht hatten, sich vor Hitler, SS, Gestapo und Nachbarn zu retten.“
1945 in London geboren, wohin ihre österreichischen Eltern geflüchtet waren, fand Hazel bei ihrer Recherche den in den USA verwendeten hübschen Ausdruck „red diaper babies“ für die Kinder von Kommunisten. Im Deutschen hat sich kein Äquivalent entwickelt, denn diese Eltern waren Emigranten oder – in Deutschland und Österreich – Remigranten, nicht selten jüdisch. Aber das war ja unwichtig, betont die Autorin, weil in ihrer Zukunft Religion und Herkunft keine Rolle spielen sollte.
„Jüdisch an mir sind meine
Schnelligkeit, meine Entwurzelung,
der Kosmopolitismus.“
Hazel Rosenstrauch
Die zweite Tochter von Oskar Rosenstrauch und Edith Rosenstrauch-Königsberg kam mit ihren Eltern bereits 1946 nach Wien zurück. „In der Volksschule in Floridsdorf hatten wir eine kluge junge Lehrerin, die sich um das Miteinander von Flüchtlings- und Nazikindern ebenso bemühte wie um Kinder von Juden und Atheisten, Roma und Sinti, Russen, Ungarn oder Rumänen“, erinnert sich Hazel, die danach ins Gymnasium auf der Stubenbastei wechselte. Es war die einzige Schule in Wien, die Russisch als Hauptfach anbot, und daher von den meisten linken Remigranten favorisiert wurde. „Mein Klassenlehrer wollte mich nicht und empfahl meinen Eltern, mich von der Schule zu nehmen, sonst würde er mit drei ‚Fünfern‘ dafür sorgen, dass ich aus der Schule fliege; daher maturierte ich an der Handelsakademie.“
Ab 1965 studierte sie Germanistik, Philosophie und Soziologie an der Freien Universität Berlin sowie empirische Kulturwissenschaft an der Universität Tübingen. 1983 wurde sie mit ihrer Dissertation über den Leipziger Buchhändler und Verleger Philipp Erasmus Reich promoviert.

Fünf Jahre arbeitete Hazel am Soziologischen Institut der Freien Universität Berlin, ab 1989 war sie Redakteurin der Kulturzeitschrift Wiener Tagebuch, von 1992 bis 1994 zudem wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Sozioökonomie der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Thematische Schwerpunkte ihrer publizistischen Arbeit bilden die Beziehungen zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit, das jüdisch- deutsche Verhältnis und kulturelle Umbrüche um 1800.*
Noch vor dem Studium war Hazel mit 18 Jahren nach New York gezogen, staunte dort über Plakate wie „You don’t have to be Jewish to love Levi’s Rye-Bread“ und wunderte sich, dass man mit Juden Werbung machen konnte. „Da mich die Nachfahren von McCarthy, nicht Paul, nicht Mary, sondern der Kommunistenfresser, nicht wollten, zog ich nach Toronto und fand einen Job in der Canadian Imperial Bank of Commerce. Abends tippte ich für einen deutschen Unternehmer dessen Briefe, wohnte unter falschem Namen bei Leuten, die 1945 aus Deutschland geflüchtet waren“, erzählt sie vieldeutig und weiter: „Das antisemitische Coming-out ihres Schwiegersohns überstand ich ebenso selbstbewusst wie die Absage eines jüdischen Geschäftsmanns, der mir, als ich meinen richtigen Namen sagte, mit starkem jiddischen Akzent erklärte, er arbeite nicht gern mit Jidden.“
Keine philosemitische Umarmung. Keine jüdische Schublade. In ihrem Buch führt Rosenstrauch vor allem jüdische Leserinnen und Leser durch ihr Hochschaubahn-verdächtiges Leben: Denn obwohl Hazel aus einem areligiösen Haus kommt, kämpft sie ständig mit ungewollter Vereinnahmung: entweder als Jüdin oder als Linke. Wie man weiß, helfen bei diesen Themen weder eine umfangreiche Bildung noch ein feiner Intellekt, denn hier regieren Emotionen und Selbstverständnis. „Ich will nicht automatisch in eine jüdische Schublade geschoben werden, wenn es den anderen gerade passt. Denn dort triefen die negativen Zuschreibungen genauso heraus wie bei den Philosemiten, die alles ‚super an der Jüdin‘ finden.“ Rosenstrauch lehnt es vehement ab, von Deutschen oder Österreichern für deren egoistische ‚Vergangenheitsbewältigung‘ missbraucht zu werden.
„Ob ich will oder nicht, ich habe Jüdin zu sein und bin es. Ich bin rastlos, leide darunter, nirgends zu Hause zu sein, bin Intellektuelle, geistig rege. Jüdisch an mir ist meine Schnelligkeit, meine Entwurzelung, der Kosmopolitismus.“ Wenn sie nicht in Gedanken nach Israel verschickt wurde, meint Hazel, dann „war ich in den Kulleraugen meiner Fans das, was die israelischen Jüdinnen und Juden großteils abgestreift haben – ein letzter wirklich noch wandernder Jude.“
Was Hazel Rosenstrauch trotz aller Ambivalenzen genau weiß, ist, dass sie sich aus dieser Herkunft nicht davonstehlen kann. Aber sie ist stolz darauf, dass sie sich mindestens nicht in eine Rolle hat zwängen lassen: „Ich bin weder Berufsjüdin noch Ruferin in der deutschen Mahnkultur geworden. Ich bin unter anderem jüdisch, das war nicht so wichtig. Aber seit dem Jubel für die Hamas – auch in meinen progressiven deutschen Kreisen – ist es doch wichtig zu wissen und wissen zu lassen, dass ich auf eine der vielen möglichen Arten jüdisch bin.“
Zurzeit erkundet sie in Wien die Möglichkeiten einer Rückkehr. In Berlin hat sie jetzt aber doch ihren Davidstern hervorgeholt, den sie vor Jahren in Krakau gekauft hatte. „Der Rabbiner, der ihn mir verkauft hat, sagte mit verschmitztem Grinsen, ‚wenn es kritisch wird, machen Sie so‘, und führte vor, wie man an den Spitzen des Sterns dreht und der Stern sich in ein Dreieck verwandelt. Zum Glück ist es kein rotes Dreieck.“
* Hier eine Auswahl der Veröffentlichungen von Hazel Rosenstrauch: Aus Nachbarn wurden Juden. Ausgrenzung und Selbstbehauptung, 1933–1942 (1988); Beim Sichten der Erbschaft (1992); Juden Narren Deutsche. Essays (2010); Karl Huß (1761–1836), der empfindsame Henker. Eine böhmische Miniatur (2012). Congress mit Damen-Europa zu Gast in Wien 1814/15 (2014); Simon Veit. Der missachtete Mann einer berühmten Frau (2019); Gelber Stern und rote Windeln. Alte und neue Aufsätze zu „red diaper babies“ (2025).



















