Leica konkret und abstrakt

Das Wiener Westlicht zeigt in einer umfassenden Ausstellung 130 Werke des Fotoreporters und Künstlers Ernst Haas.

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Kriegsheimkehrer. Wien, 1947. Das Foto machte Haas mit einiger Verspätung international bekannt. © Courtesy Ernst Haas Estate

„Ein Bild ist der Ausdruck eines
Eindrucks. Wenn das Schöne nicht
in uns wäre, wie würden wir es
dann jemals erkennen?“
Ernst Haas

 

Das muss man sich erst einmal trauen. Der 28-jährige Österreicher, der erst einige Jahre zuvor überhaupt begonnen hatte zu fotografieren, lehnt einen Traumjob in seiner Branche glatt ab. Das US-Magazin Life in New York, bekannt für seine großformatigen, langen Fotostrecken, bot Ernst Haas eine von vielen Kollegen heiß begehrte Fixanstellung an. Doch dieser sagte nein. „Er wolle keine Auftragsarbeiten erledigen, teilte er dem Herausgeber mit, sondern weiterhin nur das fotografieren, was ihn wirklich interessierte“, liest man in den Unterlagen zur aktuellen Ausstellung im Wiener Fotomuseum Westlicht: Ernst Haas. The Art of Seeing.

Dabei war diese Branche ursprünglich gar nicht auf seinem Radar gewesen. „Ich wollte eigentlich nie wirklich Fotograf werden“, verriet Haas später. „Das entwickelte sich langsam aus dem Kompromiss eines Jungen, der zwei Ziele vereinen wollte: Entdecker oder Maler.“ Ernst Haas wurde 1921 in Wien geboren. Sein Vater war ein hoher Beamter mit jüdischen Vorfahren, und das sollte den Sohn Ernst dann unter der NS-Herrschaft noch bei seiner ursprünglicher Berufswahl entscheidend behindern. Zunächst besuchte er eine Privatschule in Grinzing mit Schwerpunkt auf Kunst und Wissenschaft. Doch diese wurde nach dem „Anschluss“ geschlossen, er maturierte im öffentlichen Rainergymnasium. Dann schickte man ihn zum Arbeitsdienst, und 1940 wollte er Medizin studieren. Das durfte er aber wegen des Vaters nicht, nach nur einem Jahr wurde er exmatrikuliert. Also schaute er sich nach einem anderen Feld um, besuchte die Grafische Lehr- und Versuchsanstalt, arbeitete auch nebenbei als Fotograf für das Max Reinhardt Seminar, nun „Schauspielschule des Burgtheaters“.

Ernst Haas The Art of Seeing
Fotomuseum Westlicht bis 12. Februar 2023
Öffnungszeiten: Di., Mi., Fr.: 14–19 Uhr, Do.: 14–21 Uhr Sa., So., Feiertage: 11–19 Uhr
westlicht.com

Nach Kriegsende war er sich unsicher über seinen künftigen Berufsweg, dachte aber, das Fotografieren könnte ihn ernähren. Am Wiener Schwarzmarkt tauschte er zehn Kilo Margarine gegen eine gebrauchte Rolleiflex und ging im tristen, erheblich zerstörten Wien auf Motivsuche. Die ersten bezahlten Jobs erhielt er in der Zeitschrift Film, im Münchner US-Magazin Heute und beim Schweizer Du. Wiederholt arbeitete er mit Inge Morath zusammen, die später ebenfalls eine international bekannte Fotografin werden sollte.

Internationale Bekanntheit. Im Ausstellungstext liest man über eines seiner berühmtesten frühen Fotos: „Ihr Blick, in dem sich tiefe Verzweiflung mit einem Schimmer von Hoffnung paart, bleibt unerwidert. Der Mann, dem sie ein Bild ihres Sohnes in Uniform entgegenstreckt, beachtet die ältere Dame nicht. Er hält Ausschau nach seiner eigenen Familie unter den Tausenden, die an diesem Oktobertag im Jahr 1947 zum Wiener Südbahnhof gepilgert waren, um unter den ersten Heimkehrern aus der russischen Kriegsgefangenschaft nach ihren Männern, Söhnen, Verlobten und Brüdern zu suchen.“

Dieses Bild machte Haas – mit einiger Verzögerung – bekannt. Es wurde in einer Reportage im Life Magazin abgedruckt. Das bewog den bekannten Kriegsfotografen Robert Capa, sich für Haas einzusetzen. Da es damals schwierig war, ein US-Visum zu bekommen, bot ihm Capa einen Job bei der Bildagentur Magnum in New York an, und mit dieser Aussicht durfte er einreisen.

Wien, 1946–1948. Ernst Haas hatte seine erste Kamera auf dem Schwarzmarkt gekauft. © Courtesy Ernst Haas Estate

Seine Absage bei Life sollte seine Karriere nicht nachhaltig stören. „Ernst Haas gilt heute als einer der herausragendsten Vertreter des Fotojournalismus des 20. Jahrhunderts“, so die Ausstellungskuratoren der Wiener Galerie Westlicht. Haas arbeitete dennoch lange Jahre für Life, jedoch freiberuflich, sowie für die große europäische Zeitschrift Paris Match. 1959 wählten ihn die renommierten Kollegen seiner Agentur sogar zum Präsidenten von Magnum.

Ernst Haas traute sich, abgesehen von seinem persönlichen Freiheitsdrang, auch formal einiges. So fotografierte er schon sehr früh mit seiner Leica in Farbe, und das war Anfang der 1950er-Jahre alles andere als Mainstream. Farbe galt damals als zu kommerziell, für ernsthafte journalistische Arbeiten nicht geeignet. Eine seiner ersten Farbreportagen wurde dennoch über zahlreiche Seiten im Life Magazin abgedruckt: Images of a Magic City, wie ein österreichischer Fotograf New York sieht.

Bronco Rider, Kalifornien, 1957. Haas folgte einer Einladung Robert Capas in die USA. © Ernst Haas/Getty Images

Haas fotografierte daneben auch wiederholt für kommerzielle Auftraggeber, etwa für Volkswagen USA oder für Philip Morris/Marlboro. Und er war als Set-Fotograf bei einer Reihe erfolgreicher Hollywood-Produktionen ganz nahe an den großen Stars: Marilyn Monroe, Barbra Streisand, Walter Matthau oder Dustin Hofmann, mit Filmen wie The Misfits, Little Big Man, Moby Dick, West Side Story oder Hello Dolly.

Doch dann wandelte er sich wieder: Seine Fotos wurden zusehends künstlerischer, verließen das enge Korsett der journalistischen Reportage. Er experimentierte mit Langzeitbelichtungen, abstrakten Mustern und Formen. Dazu gehören etwa seine dynamischen, bunten, verwischten spanischen Stierkämpfer oder US-Cowboys. Auch das wurde honoriert: 1962 erhielt er im New Yorker Museum of Modern Art eine Einzelausstellung, als erster Farbfotokünstler. International bekannt wurde sein Bildband The Creation/Die Schöpfung.

Haas trat auch im US-Fernsehen auf, mit einer mehrteiligen Serie über Fotografie: The Art of Seeing, und er unterrichtete einschlägige Workshops. Ernst Haas starb 1986 im Alter von 65 Jahren in New York an einem Schlaganfall.

White Sands, New Mexico, 1952. Spätestens in den USA wandte sich Haas auch neuen fotografischen Techniken zu. © Ernst Haas/Getty Images

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