Menschenleere Sommerfrischen- Idylle am Fuß der Rax. Wochentags sind die wenigen Wirtsstuben in der Prein geschlossen, die Tür zum Hotel Kaiserhof allerdings offen. Im großen Speisesaal gedeckt, aber weit und breit niemand zu blicken. Eine Treppe führt in den dunklen Keller, der wohl in touristisch besseren Zeiten eine Art Wellness- Center gewesen ist. Modrig riecht es hier, ein längst verlassener Indoor-Pool, Sauna-Kabinen, ein Kaltwasserbecken schimmeln vor sich hin.
Vor 80 Jahren, wenige Tage vor Kriegsende, sind in diesem sicherlich erst viel später umgebauten Keller sieben Frauen aus der Gegend kaltblütig erschossen worden. Martin Prinz hat in seinem zeitgeschichtlichen Buch auch dieses Massaker dokumentiert.
Schnell noch Töten. So genannte Endphase- Verbrechen an den wenigen jüdischen Überlebenden auf den Todesmärschen, an Zwangsarbeitern oder an „politisch Unzuverlässigen“ wie in Prein und Umgebung, begangen aus reiner Mordlust von völlig enthemmten Nazis, tauchen immer wieder in verschiedenen Zusammenhängen auf. Zuletzt etwa das Massaker an slowenischen Widerstandskämpfern am Kärntner Peršmanhof, das zur selben Zeit stattfand wie die Erschießungen von zumindest 17 unschuldigen Opfern im Reichenauer Raum und im Höllental in den letzten Apriltagen 1945.
Von Marmeladebrot essenden halbwüchsigen
Hitlerjungen „umgelegt“.
Am Payerbacher Viadukt hatten sowjetische Truppen damals ihren Vormarsch angehalten, um den Sturm auf Wien abzuwarten. In dieser kurzen Zeit, das Ende des „Tausendjährigen Reichs“ vor Augen, verhängten und exekutierten örtliche „Blutrichter“ fern jeder juristischen Legitimation in persönlichen Standgerichten willkürlich Todesurteile an „Verdächtigen“. Olga Waissnix, die Enkelin der von Arthur Schnitzler verehrten gleichnamigen Thalhof-Wirtin, hatte sich allein durch menschliche Behandlung bei ihr arbeitender französischer Kriegsgefangener verdächtig gemacht. Gemeinsam mit ihrer Schwester und anderen Frauen wird sie im Kaiserhof von „Marmeladebrot“ essenden, halbwüchsigen Hitlerjungen eines Sonderkommandos „umgelegt“, so die zeitgenössische Diktion. Vermeintliche „Deserteure“ wie der lokale Gendamerieposten werden mit einem Schild „Ich bin ein fahnenflüchtiges Schwein“ aufgehängt. Ganz ohne Angaben von Gründen werden noch weitere Männer und Frauen „am Waldrand“ erschossen.
Tatsachen. Keine leichte Lektüre ist dieser oft als „Tatsachenroman“ bezeichnete Band aus mehreren Gründen. Fast durchwegs im distanzierenden Konjunktiv, dann wieder an ein vertrautes „Du“ gerichtet, „Du hast Widerstand geleistet“, verliert man zu oft den Überblick über Sprechende, Handelnde, Erzähler. Dazu kommen die oft seitenlangen Auszüge aus Gerichtsprotokollen der Prozesse am Volksgericht im Jahr 1948, das immerhin die drei Haupttäter zum Tod verurteilte. Dass den Gnadengesuchen nicht stattgegeben wurde, nimmt man fast mit Genugtuung auf. Spätere Prozesse der bis 1955 tagenden Volksgerichte gingen oft mit milderen Strafen oder Freisprüchen von Nazi-Verbrechern aus. Neben diesem Archivmaterial stützt sich Martin Prinz vor allem auf die Dokumentation des Reichenauers Alois Kermer, der in seiner Pension die chronikale Lücke der Kriegsjahre in den Heimatbüchern der Gemeinde mit seinen peniblen Recherchen gefüllt hatte. Dass diese bis zu seinem Tod 2006 nicht veröffentlicht wurden, spricht Bände.
Entlarvend ebenso die originalgetreuen Zitate der Täter; „keine berühmten Nazis reden hier“, sie sprechen, „als würden sie damit Normales beschreiben“, so Martin Prinz in seinem vielleicht am ehesten als „Doku-Roman“ zu lesenden Buch.
Reichenau, die Prein, Edlach. Dass dort, wo Theodor Herzl 1904 gestorben ist und ich viele Sommer hindurch ein Kindheitsparadies erleben durfte, diese perfiden Verbrechen von Ortsansässigen begangen wurden, jagte mir beim Lokalaugenschein in der Augusthitze einen kalten Schauer über den Rücken.























