Die Leinwand

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Dreh- und wendbar wie das Buch ist auch die Wahrheit in Benjamin Steins Roman Die Leinwand. Man kann das Buch von beiden Seiten beginnen oder nach jedem Kapitel wendend lesen. Dieser Roman ist raffiniert bis in das kleinste Detail. Von Manja Altenburg

Das Buch hat zwei Ich-Erzähler. Zwei verschiedene Lebensgeschichten, die einander annähern. Beide führen auf anderen Wegen zum selben Ort: zur Mikwe, dem rituellen Tauchbad, das im Judentum für Reinheit und Verwandlung steht. An dieser Stelle kommt es jedoch nicht nur zu einer Wandlung. Einer der beiden Erzähler stirbt – anscheinend. Jedenfalls ist er verschwunden und sein vermeintlicher Mörder wird gesucht. In beiden Geschichten, Stein bindet seine Protagonisten schicksalhaft aneinander, kommen beide als Täter in Frage. Das sorgt für Erstaunen, sobald man die Romanteile zur Deckungsgleichheit gebracht hat: Wie kann der Mörder zugleich Ermordeter sein? Doch geht es Stein nicht vorrangig um die Tat, vielmehr um Erinnerung, ein zentrales Moment im Judentum, aber auch um die Verwandlung. Beide sind die tragenden Ideen dieser raffinierten Romankonstruktion.

Die Vervielfältigung seiner Themen betreibt er poetisch, mit einer Vorliebe für das Dunkle, Triebhafte.

Glaubwürdigkeit der eigenen Erinnerung
Benjamin Stein:  Die Leinwand.  C. H. Beck Verlag;  416 S., € 19,95
Benjamin Stein:
Die Leinwand.
C. H. Beck Verlag;
416 S., € 19,95

Der eine Protagonist, Amnon Zichroni, wächst in Israel streng jüdisch auf. Früh entdeckt er sein Talent, durch Berührung in die Erinnerungen anderer einzutauchen. Sein Weg führt ihn in die Schweiz. Nebenbei gibt Stein hier einen Einblick in jüdisch-orthodoxes Leben, hilfreich sind dabei zwei beigefügte Glossare. Dass sich das Buch angenehm liest, liegt an Steins erzählerischem Atem: eine Mischung aus Detailfreude und zügigem Vorantreiben der immer unwahrscheinlicher werdenden Handlungen. So öffnet der Autor scheinbar beiläufig auf einem Nebenpfad einen wichtigen Themenkomplex in der Figur Minskys. Zichroni, inzwischen Analytiker in Zürich, ermuntert diesen, seine traumatische Kindheit in einem NS-Vernichtungslager  niederschreibend zu verarbeiten. Jan Wechsler, der jüdisch-orthodoxe Erzähler des  gegenüberliegenden Romananfangs, ist genau jener Journalist, welcher Minskys Erinnerungen als Fälschung entlarvt. Eng dem Fall Binjamin Wilkomirski nacherzählt, der 1998 für Aufsehen sorgte, ist Steins Roman getragen von Fragen über die Glaubwürdigkeit der eigenen Erinnerung. Das macht Stein unmittelbar greifbar an der Person Wechslers. Wechsler, aufgewachsen in Ostdeutschland, bekommt eines Tages einen Koffer geliefert. Der Bote behauptet, er gehöre Wechsler, der ihn seit einer Israel-Reise als vermisst gemeldet habe, was dieser aber strikt verneint. Dieser Koffer zieht ein übles Nachspiel mit sich. Frau und Kinder verlassen Wechsler, nachdem herauskommt, dass er gar nicht im Osten aufgewachsen ist, sondern in der Schweiz. Eben wie sein vermeintlicher Namensvetter, von dem sich Fotos und Schriften im Koffer befinden.

Raffiniert bis ins Detail

Stein hat den Roman ausgefeilt komponiert. So erzählt z. B. Wechsler reziprok, Zichroni dagegen in einer Zielgeraden von der Kindheit an aufwärts. Die Vervielfältigung seiner Themen – Fälschung, Identitätsverlust, Neuschreibung – betreibt er poetisch, mit einer Vorliebe für das Dunkle, Triebhafte. Dieser Roman beschäftigt einen noch lange nach dem Lesen weiter, irritiert und begeistert.

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