Lernen durch Theaterspielen

Am Jüdischen Institut für Erwachsenenbildung (JIFE) am Praterstern setzt Leiterin Julie Handman neue Akzente auch im Bereich der Vermittlung für Kinder. Das jüngste Projekt setzt auf learning by doing.

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© Jacqueline Godany; Video andre

WINA: Sie haben am JIFE zu Purim Mitmachtheater für Kinder angeboten. Mit welcher Intention? Und wie haben Sie das Stück entwickelt?
Julie Handman: Nahafoch hu – Auf den Kopf gestellt war als klassisches Purimspiel gedacht, wie sie seit dem 16. Jahrhundert in Europa Tradition haben und heutzutage weltweit, aber vor allem in den USA, üblich sind. Dabei handelt es sich um eine komödiantische Nacherzählung der Purimgeschichte wie in der Megillat Ester, dem Buch Ester, beschrieben. Zu Chanukka haben wir in der Sunday School die Erfahrung gemacht, dass ausnahmslos alle Kinder die Geschichte erst dann im Detail kannten, nachdem sie sie nachgespielt haben. Da fiel auch gleich die Entscheidung, dass wir auch ein Purimspiel veranstalten werden.
Ich hatte das große Glück, Kidan Wohlmuth als Regisseurin zu gewinnen, die aus der informellen Erziehung kommt und in Israel etliche Gemeindeprojekte mit Kindern und Jugendlichen geleitet hat. Für uns ging es vor allem darum zu überlegen, wie man das Stück sowohl für Darsteller wie auch für Zuschauer – Kinder und Erwachsene – so unterhaltsam wie möglich, dabei aber auch lehrreich und verständlich, da zweisprachig, inszeniert. Das Sprachproblem haben wir gelöst, indem wir manche Charaktere ausschließlich Deutsch, andere nur Hebräisch sprechen ließen und überall dort, wo es Erklärungsbedarf zu geben schien, die Lücken in Form von projizierten Nachrichtensendungen oder Live-Einschaltungen zu unserem Außenreporter auffüllten, die über Geschehenes berichteten oder Entwicklungen ankündigten.

© Jacqueline Godany; Video andre

Wer waren die Kinder, die teilgenommen haben, und was hat dieses Projekt mit ihnen gemacht?
Wir haben Ende Jänner ein Vorsprechen veranstaltet und alle Kinder ab acht Jahren eingeladen, die gerne schauspielern, singen und tanzen. Das waren die Anforderungen. Gekommen sind Kinder aus frommen und säkularen Familien, aber auch aus Familien ohne jüdischen Hintergrund. Manche konnten Hebräisch, manche nicht, manche kannten die Purimgeschichte, andere nicht, wenige wussten mit dem Begriff „Purim“ anfangs gar nichts anzufangen. Was dieses Projekt gemacht hat? Sehr viel. Ganz banal, die Kinder sind als Gruppe zusammengewachsen, kennen jetzt die Purimgeschichte im Detail und wissen, warum Juden Purim feiern. Es wurde Hebräisch gelesen und gesprochen. Auch diejenigen, die im Stück nur Deutsch sprachen, können heute noch die hebräischen Texte ihrer Freunde auswendig aufsagen. Da­rüber hinaus konnten sie an der Entwicklung des Theaterstücks mitarbeiten, ihre Ideen einbringen und zu seinem Erfolg beitragen.
Die Kinder sind über sich selbst hinausgewachsen, haben Neues probiert, an Selbstvertrauen gewonnen und einander unterstützt. Kidan brachte ihnen bei, sich auf der Bühne zu bewegen, ihre Texte klar zu artikulieren und auf ihr Gegenüber nicht nur im Text, sondern auch in Körpersprache und Mimik einzugehen – und dabei stets für das Publikum präsent zu bleiben. Das war keine leichte Übung, und es ist erstaunlich, wie sich die Kinder in nur sieben Proben entwickelt haben.

»Der beste Weg, Verständnis und Mitgefühl für andere zu entwickeln, ist,
in ihre Rolle zu schlüpfen.«

Julie Handman

Wie unterscheidet sich Theater für Kinder von Theater von und mit Kindern?
Ich denke, dass während Theater für Kinder vor allem unterhalten, aber auch eine pädagogische Wirkung haben soll, geht es beim Theater von und mit Kindern zusätzlich auch darum, den Kindern den Raum zu bieten zu sein, wer sie sind, und ihre Persönlichkeiten und Talente in ihre Rollen mit einfließen zu lassen. Ein Junge wollte zum Beispiel unbedingt sein Horn im Stück mithaben und spielen, andere wollten singen. Ein Mädchen improvisierte immer, und wir fanden, dass ihr improvisierter Text witziger war. Ein Junge hatte bei den Proben immer Hunger, also haben wir seine Rolle so umgeschrieben, dass er auf der Bühne durch das gesamte Stück essen durfte.

Haben Sie vor, in Zukunft weitere solche Kindertheaterprojekte anzubieten?
Unbedingt. Mir fallen viele Themen ein, die auf diese Weise bearbeitet werden können. Es sind jüdische Themen, aber nicht nur. Der beste Weg, Verständnis und Mitgefühl für andere zu entwickeln, ist, in ihre Rolle zu schlüpfen, und wo kann man das besser tun als im Theater?

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