Liebesgrüße nach Gaza

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Anstatt das Reden und Verhandeln mit dem „Feind“ seiner Regierung zu überlassen, gründete der Israeli Ronny Edry einen Kommunikationskanal, durch den Israelis öffentlich für sich selbst und mit dem sog sprechen kann. Von Tamar Ehlers

Als die Nachricht von Ronny Edry, einem Grafikdesigner aus Tel Aviv, den 17-jährigen Eslam aus Gaza City an einem Tag im Juli 2014 erreicht, tobt vor seiner Haustür der Krieg zwischen der Hamas und Israel. Zu diesem Zeitpunkt kennt er Israelis nur von den Bomben, den Flugzeugen und den Soldaten in den Medien. Er ist davon überzeugt, dass Israelis ihn hassen´, weil er Palästinenser ist.

„Ich wünsche jedem Wiener Juden einen arabischen Freund in Wien und jedem Wiener Araber einen jüdischen Freund in Wien.“ Ronny Edry

Ronny-EdryRonnys Nachricht lautet im Großen und Ganzen: We love you. Der Überbringer ist eine Facebook-Seite namens „Palestine loves Israel“. Dort kam Eslam mit israelischen Zivilisten in Berührung und wurde eines Besseren belehrt. Sie sagten ihm, dass sie den gleichen Schmerz in sich trugen wie er, dass sie für seine Sicherheit beteten. Sie baten ihn darum, sie über seinen Verbleib auf dem Laufenden zu halten.

Dabei war Ronnys Nachricht ursprünglich an die Menschen im Iran gerichtet. Verfasst und auf seinem Facebook-Profil veröffentlicht im März 2012, als ein Krieg zwischen Israel und dem Iran nur noch eine Frage der Zeit zu sein schien. Auf ein Foto von sich und seiner kleinen Tochter, die eine Israel-Fahne in der Hand hält, legt er einen Text: „Iranians, we will never bomb your country. We love you.“ Angehängt an das Foto ist ein Brief, in dem er sich von der Haltung seiner Regierung distanziert, und die Aufforderung, bei der Verbreitung der Nachricht zu helfen. Zahlreiche Gleichgesinnte folgten seinem Aufruf, und so gelangte sie über Nacht tatsächlich in den Iran. Der Zuspruch – sowohl von Iranern als auch von Israelis – war überwältigend, und so stellte Ronny Fotos und Nachrichten weiterer Israelis auf eine eigene Facebook-Seite mit dem Namen „Israel loves Iran“. Eine Friedensbewegung war geboren. Ihr rasantes Wachstum erregte schon bald die Aufmerksamkeit der Medien, und so wurden u. a. CNN, BBC, Washington Post, The New Yorker, Al Jazeera und der Spiegel zu weiteren Multiplikatoren der Nachricht.

Gehör finden auf allen Seiten
Können wir über Internet Frieden schaffen? fragen sich Joujou von Palestine Loves Israel und Ron von Peace Factory sind .
Können wir über Internet Frieden schaffen? fragen sich Joujou von Palestine Loves Israel und Ronny von Peace Factory sind .

Die Bewegung verselbstständigte sich, und so gründete ein Iraner „Iran loves Israel“, ein Israeli „Israel loves Palestine“, und Joujou, die in München lebende Enkelin palästinensischer Flüchtlinge, gründete „Palestine loves Israel“. Die Seiten wuchsen innerhalb einiger Wochen zu Plattformen des regen Dialogs. Sie haben den Zivilisten im Nahen Osten nicht nur eine Stimme gegeben – sie haben auch dafür gesorgt, dass sie auf der „anderen Seite“ Gehör findet. Israelis und Juden tauschen sich dort bis heute mit Iranern und Palästinensern aus, teilen ihre Lebensgeschichten, Perspektiven und Gefühle, bekunden ihren ausdrücklichen Wunsch zum Frieden und schließen manchmal auch Freundschaften. Unter dem Namen „Peace Factory“ laufen weitere Projekte von Ronny, um Menschen im Nahen Osten einander näher zu bringen wie beispielsweise ein Workshop für israelische und arabische Designer zur Erarbeitung von Ideen zur Vermarktung des Friedens und die Facebook-Kampagne „Friend Me 4 PEACE“ zur Vermittlung von Facebook-Freundschaften. Ronny und Joujou kennen viele Menschen, die solche Online-Freundschaften ins echte Leben hinausgetragen haben. Dazu gehören Freundschaften zwischen Israelis und Palästinensern aus dem Westjordanland. Auch sie kennen sich längst persönlich und haben mittlerweile eine familiäre Beziehung zueinander. Eines ihrer Treffen, bei dem Joujou auch zahlreiche andere Israelis kennen gelernt hat, fand in Israel statt. Dort hat sie sich „sehr wohl gefühlt“. Seitdem Joujou „Palestine loves Israel“ gegründet hat, sieht sie keine Seiten mehr. Sie leidet mit den Menschen auf beiden Seiten mit, weil sie auf beiden Seiten – sowohl in Gaza als auch in Israel – Freunde hat. Genau wie für Ronny ist für Joujou die Freundschaft mit seinem so genannten Feind der Weg zum Frieden. Denn wer auf der „anderen Seite“ Freunde hat, kann nicht mehr zurück zum blinden Hass.

Man kann die Peace Factory als kreative Werbeagentur verstehen, die nur ein einziges Produkt vermarktet: den Frieden.

Ob sie meint, dass Freundschaften mit der „anderen Seite“ auch trotz unterschiedlicher politischer Ansichten und Narrativen möglich sind? „Das funktioniert, wenn Menschen dazu in der Lage sind, in der Gegenwart zu leben und gemeinsam in die Zukunft zu blicken. Das gegenseitige Aufrechnen und Zurückblicken in die Geschichte führt uns nirgendwohin“, ist sie der Meinung. Dass es funktionieren kann, hat sie selbst gesehen. Joujous Freunde im Gazastreifen haben beispielsweise ihre eigenen dort lebenden Freunde zum Umdenken bewegt.

Sand Box

Das neueste Projekt der Peace Factory ist die Sand Box, ein Onlinemagazin für ausschließlich gute Nachrichten aus dem Nahen Osten. Dahinter steckt das gleiche Prinzip, das zum Teil auch hinter der Produktion und Verbreitung der bunten Bilder von friedensbereiten Zivilisten auf Facebook steckt: das Anreichern der zur Meinungsbildung verfügbaren Information im Internet um positive Inhalte. Denn nicht nur die Außenwelt, sondern auch die jeweils „andere Seite“ nimmt die Menschen im Nahen Osten durch diese Inhalte wahr.

Man kann die Peace Factory als kreative Werbeagentur verstehen, die nur ein einziges Produkt vermarktet: den Frieden. Ebenso wie Politiker, Marketingabteilungen und die Medien instrumentalisiert sie Design und Kommunikation, um Meinungen zu formen. Nur, sie tut es für einen guten Zweck.

Wohl werden Ronny und seine Peace Factory es nicht schaffen, die ganze Welt zu verändern, aber sie schaffen es, die Welten einzelner Menschen zu verändern. So wie die Welt von Eslam, der jetzt viele israelische Freunde hat. Für die Hasspredigten einiger seiner Zeitgenossen wird er nun wohl nicht mehr empfänglich sein, weil er mit der „anderen Seite“ schon selbst in Berührung gekommen ist.

Als ich Ronny Edry nach einer Message für die Wiener jüdische Gemeinde frage, sagt er: „Ich wünsche jedem Wiener Juden einen arabischen Freund in Wien und jedem Wiener Araber einen jüdischen Freund in Wien. […] Das wäre schon einmal ein Anfang.“ ◗

© PeaceFactory

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