Ein „Ich wollte immer Lieder von Zuhause bringen“, sagt Shira Karmon. Mit ihrer neuen, vierten CD ist die vielseitige Sängerin aus Israel zumindest musikalisch wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Mit ihrer Familie lebt sie seit Langem und sehr gern in Wien, fühlt sich hier auch künstlerisch gut aufgehoben, und wenn sie in Israel auftritt, dann gehören auch Wienerlieder zu ihrem Repertoire. Und so stimmt sie mitten im Gespräch, gleichsam zum Beweis, gleich ein Hermann-Leopoldi-Lied an. Ein leichtes Wienerisch hat sie sich ebenso angeeignet wie vor einiger Zeit in Berlin das Jiddische, wobei sie von einer alten Holocaust- Überlebenden gecoacht wurde. „Jiddisch war mir fremd, denn meine Großeltern mütterlicherseits waren Jeckes, und die haben ja immer ein bisschen Snobismus gegenüber osteuropäischen Juden. Bei meinem ersten Konzert in Berlin ist dann plötzlich das Jiddische aus mir herausgebrochen, dieser Weltschmerz von 2.000 Jahren, ich kann es nicht erklären, das haben wir in den Genen. Vertieft habe ich das dann in Wien mit Paul Gulda.“ Mit ihm als Pianisten hat sie dann die CD Bei mir bistu sheyn mit jiddischen Titeln aufgenommen.
Ladino, die jüdisch-spanische Sprache, lernte sie eben, wie Sänger:innen es tun, phonetisch und bringt jetzt einige schöne Beispiele dieser alten sephardischen Liedtradition. Heimgekehrt in die Muttersprache ist sie vor allem mit dem letzten Titel Elieser Ben Jehuda, gewidmet dem Zionisten und einem der Väter des modernen Hebräisch, aber auch mit einigen Liedern des Musikers Matti Caspi, der in Israel „eine Ikone“ sein soll.
Crossover. „Ich wollte dieses Album ja ursprünglich zum 75. Geburtstag von Israel machen, dann ist aber der 7. Oktober passiert, und seither ist alles sehr extrem und nur noch Schwarz-Weiß geworden. Deshalb finde ich es nun umso wichtiger, weil es die Vielseitigkeit zeigen soll, die multikulturelle Landschaft in Israel.“
Eine Collage, ein Crossover von Sprachen und Musikstilen also, zu dem sie sich bekennt, obwohl „als eine Crossover- Sängerin würde ich mich nicht bezeichnen“, meint die in Tel Aviv und New York ausgebildete Opern- und Konzertsängerin. Vor Kurzem hat die Sopranistin in Haifa die Marschallin im Rosenkavalier von Richard Strauss gesungen. Zu anderen Genres wie dem Jazz hat sie keine Berührungsängste, da kommt es für sie auf die Musiker:innen an, mit denen sie arbeitet.
„Als eine Crossover-Sängerin
würde ich mich nicht bezeichnen.“
Shira Karmon
„Wegen der Verbindung zu Israel haben sich da auch andere Türen geöffnet“, wie zu dem Gitarristen Rainer Maria Nero, der sie auf der aktuellen CD und bei diversen Gedenkveranstaltungen musikalisch begleitet.
Auf die Frage, warum dieses Album nun einfach Shira heißt, antwortet sie typischerweise, „warum nicht? Shira heißt ja Gesang, aber auch Poesie. Meine Eltern haben mich so genannt, weil ihnen der Namen gefallen hat, außerdem ist es der Titel eines Romans von Yosef Agnon, da ist die Titelgestalt eine Krankenschwester, und meine Mutter war Krankenschwester.“ Ihr, Miri Karmon, einer Kibbuznik, die als Krankenschwester auch David Ben-Gurion betreute, hat die Tochter dieses Album gewidmet, dessen Cover ihr heute 94-jähriger Vater gestaltete. „Er hat in einen der ersten Chöre Israels gesungen, und ich habe schon als Kind immer gesungen, bevor ich dann auf seinen Einfluss hin Gesangsunterricht genommen habe.“ Nun schließen sich mit diesem Album für Shira also Kreise aus der Kindheit in ein hoffentlich friedliches Israel und zu dessen musikalischen Wurzeln.


























