Lost in „Oschralien“

In seinem jüngsten Roman folgt Eyal Megged einem späten Vater ans Ende der Welt und verliert dabei eine Geschichte.

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Eyal Megged ist Sohn des israelischen Autors Aharon Megged und Ehemann der Autorin Zeruya Shalev. © flash 90/Hadas Parush

Ein Ehemann wird verlassen, sucht waidwund Ablenkung und wird dabei ungewollt Vater. „Ein Kind ist ein Schicksal“, erkennt er, doch diesem Schicksal scheint Hillel nicht gewachsen. Er scheitert an dem „doppelten Kind“ Roy, das Engel und Teufel sein kann, wie eigentlich jedes Kind, doch eigentlich scheitert er an sich selbst. Das könnte auch eine gute Geschichte sein, ist es aber nicht.
Eyal Megged, der mit seinem vorhergehenden Roman Unter den Lebenden ein durchaus beachtens- und lesenswertes Buch geschrieben hat, folgt seinem Ich-Erzähler Hillel ans andere Ende der Welt, nach „Oschralien“, wie der kleine Roy Australien nennt. Doch er verliert dabei irgendwo eine Geschichte, die sich zu erzählen lohnte.
Dennoch kurz zum Geschehen oder besser zum Geschehenen.

Eyal Megged:
Oschralien.
Aus dem Hebräischen
von Ruth Achlama.
Berlin Verlag,
384 S., € 22,70

Nachdem er sie und sich jahrelang mit seiner grundlosen Eifersucht gequält hat, verlässt ihn Alice, die wunderschöne, geliebte, begehrte, berühmte Komponistin, „eine Art Clara Schumann“, wirklich und folgt ihrem Latin Lover, einem berühmten Dirigenten, nach Italien. Zurück in Israel bleibt Ehemann Hillel mit seinem geliebten Kater, während die gemeinsame Tochter des Paares Yoga in den Schweizer Alpen betreibt. Aus einer kurzen Affäre mit der israelischen Tierärztin Anat in Griechenland entspringt Sohn Roy. Aus Australien, wohin die Alleinerzieherin ausgewandert ist, ruft sie den Kindesvater zu Hilfe, denn Roy ist schwierig.

Nervende Larmoyanz. Was folgt, sind eher Unglücks- als Glücksfälle der späten Vaterschaft, eher Gefühle für verlassene Känguru-Jungen, welche die beiden fanatischen Veganer gemeinsam pflegen, als füreinander, eher Tier- als Menschenliebe – von einer „Schoah der Tiere“ ist die Rede! – und vor allem unsägliches Selbstmitleid. Nicht müde wird Hillel, seine Wunden zu lecken, über seine mangelnde musikalische Kreativität zu räsonieren – in der Musikerehe hatte er immer die zweite Geige gespielt –, seine nachlassende Männlichkeit, soll er mit Anat oder nicht, und seine Kämpfe mit dem verhaltensauffälligen Sohn zu reflektieren. Das nervt. Für diesen larmoyanten „Helden“ kann und mag man keine Sympathie aufbringen, sorry.
Weil’s doch ein bisserl naheliegend erscheint, ein biografischer Hinweis. Eyal Megged ist der Sohn des zumindest in Israel weltberühmten Autors Aharon Megged und Ehemann der weit über Israel hinaus bekannten Autorin Zeruya Shalev. Als „längliches modiglianisches Gesicht“ beschreibt Hillel die „atemberaubende Schönheit“ seiner Frau. Wer Shalev kennt, darf da an sie denken und sich fragen, wer und was da aus Hillel spricht. Aber auch diese vergleichsweise kleine Pikanterie macht die ermüdende Lektüre nicht erfreulicher.

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