„Magical things happen in the Salons“

Die von Israel ausgehende Initiative „Zikaron BaSalon“ hält weltweit das Gedenken an den Holocaust im privaten Rahmen aufrecht. Ihr „Global Director“, die Israelin Sharon Buenos, erklärt die wachsende Bedeutung dieser Bewegung.

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Zikaron BaSalon in Wien 13. April, 19 –21 Uhr Jüdisches Institut für Erwachsenenbildung Praterstern 1, 1020 Wien jife@vhs.at, © nir slakman; Zikaron BaSalon

Hoffentlich werde ich euch nicht langweilen. Ich habe keine eintätowierte Nummer auf meinem Arm, ich war nicht auf einem Todesmarsch. Ich war nur ein kleines Kind, das sich in einem Schrank versteckte.“

Mit diesen Sätzen begann Hanna zu erzählen, wie sie den Holocaust überlebt hatte. Im „Salon“, einem privaten Wohnzimmer, hatten sich einige junge Leute in Israel am Yom HaShoah, dem Holocaust- Gedenktag, versammelt, um ihr zuzuhören. Von den landesweit üblichen Zeremonien und Ritualen fühlten sich die Jugendlichen in ihren 20ern nicht angesprochen.

„An diesem Tag, an dem für Minuten alles stillsteht, kann man trotzdem einfach mit seinen Alltagsdingen weitertun, ohne dass man Teil des Gedenkens ist, wenn man nicht an offiziellen Veranstaltungen zum Beispiel in Schule oder Militär teilnimmt. Doch diese jungen Leute wollten sich erinnern und erinnert werden.“

Und so kam es, wie Sharon Buenos berichtet, 2011 zum ersten „Zikaron BaSalon“ (ZbS), dem Gedenken im Wohnzimmer, mit Hanna als erster Referentin. Mittlerweile ist diese Initiative weit über Israel hinaus erfolgreich. In unzähligen Wohnungen weltweit haben sich Menschen versammelt, um den letzten Überlebenden zuzuhören und deren Zeugnisse weiterzutragen.

Vor zehn Jahren ist Sharon dieser Organisation beigetreten, seit 2021 steht die Israelin als deren „Global Director“ hauptamtlich ihrem Team vor. 2022 wurde ZbS im Parlament mit dem Simon-Wiesenthal- Preis ausgezeichnet.

 

„Nicht nur Traumata werden weitergegeben,
sondern auch Resilienz.“

 

Hannas Schrank. Besonders nach dem 7. Oktober 2023 hat Zikaron BaSalon noch eine weitere Bedeutung bekommen.

„Im Januar 2024 haben wir Hanna bei einem ZbS einer vom Massaker betroffenen Community im Süden vorgestellt. Dabei erzählte ein Mädchen von den vielen Terroristen, die in ihrem Haus waren, und als Hanna fragte, wo sie sich denn versteckt hatte, antwortete das Kind: „im Schrankraum“. Darauf sagte Hanna: „Ich war zwei Jahre lang im Schrank versteckt.“ So wurde Hannas Schrank für das Mädchen eine Möglichkeit, die eigenen Ängste zu relativieren, und Hanna, die 2011 befürchtete, die jungen Menschen zu langweilen, wurde eine wichtige Hilfe für die Überlebenden des 7. Oktober.

„Du öffnest dein Heim und dein Herz“: Auch in Wien finden die Salons bereits mit großem Erfolg statt. © nir slakman; Zikaron BaSalon

„Wir verstanden, dass viele glauben, nur was in Auschwitz oder anderen KZs erlebt wurde, wäre bedeutsam genug, um erzählt zu werden. Deshalb ist für ZbS seit Jahren das Wichtigste, Zeitzeug:innen ein Forum zu bieten, um ihre persönlichen Erfahrungen mit uns zu teilen. Jede Geschichte zählt. Das ist nicht nur für uns wichtig, um die Komplexität der Shoah zu verstehen, denn es gab nicht nur die eine Shoah, sondern Millionen davon, und jede war anders. Es ist auch für die Überlebenden selbst wichtig. Es gibt ihnen das Gefühl, dass noch jemand von ihnen lernen kann, und ermöglicht außerdem einen engeren Kontakt mit der jüngeren Generation. Wir beobachten, dass oft eine besondere Beziehung zwischen den Zeitzeug:innen und den Gastgeber:innen entsteht. Sie laden ihre Gäste danach zu den Festtagen ein oder rufen einfach an, um Shana Tova zu wünschen. Man versucht, den persönlichen Kontakt weiterzupflegen.“

Nachdem bald die letzten Zeitzeug:innen sterben werden, muss sich auch ZbS neu orientieren. Bereits während der Covid-Pandemie, als persönliche Begegnungen nicht möglich waren, wurden daher neue Wege gesucht. Vermehrt werden nun auch die Nachkommen, also die zweite, dritte und vierte Generation herangezogen, um die Überlebensgeschichten ihrer Vorfahren weiterzugeben. Zudem nutzt man die in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren aufgezeichneten Erzählungen, die historisch besonders relevant sind, weil viele der damals Interviewten während des Krieges Erwachsene waren und heute nicht mehr unter uns sind.

„Als Angehörige der dritten Generation spreche ich sowohl über den historischen Zusammenhang, das Leben meiner Großmutter während des Krieges, als auch über meine persönliche Beziehung zu ihr und über ihre Fähigkeit, eine neue Familie aufzubauen, ihre Resilienz. Bei einem Meeting in Deutschland, bei dem wir viel über Rituale redeten, wurde ZbS mit dem Sederabend verglichen. Obwohl Moses nicht in unserem Kreis sitzt, erzählen wir die Geschichten von ihm und vom Auszug aus Ägypten, als ob wir selbst dabei gewesen wären. Unsere Aufgabe ist es jetzt, auch die Erzählungen der Holocaust- Überlebenden nicht vergessen zu lassen.“

Ins Gespräch kommen. Der private Rahmen ist das wesentliche Element dieser Gedenk- Events, wobei nicht unbedingt die Zahl der Gäste für die gewünschte Intimität ausschlaggebend ist, wie Sharon Buenos ausführt.

© nir slakman; Zikaron BaSalon

„Es kommt auf den Gastgeber an. Als wir Ende Jänner 2023 bei Wolfgang Sobotka und Karoline Edtstadler den ZbS in Wien starteten, kamen neben all den Gästen in Anzügen auch viele Studenten, und Hanna Lessing hatte Zweifel, ob nachher ein Gespräch zustande kommen würde, was für den ZbS natürlich wichtig ist. Ich sagte, ,lass es nur seinen Lauf nehmen‘. Und nachdem ein Student die erste Frage gestellt hatte, wurde es wunderbar lebendig. Magical things happen in the Salons! Es ist großartig, wie Menschen, nachdem sie die Überlebensgeschichten gehört haben, plötzlich verstehen, dass sie nicht nur zum Zuhören da sind, sondern auch die Verantwortung erkennen, das Erfahrene weiterzugeben.“

Obwohl traditionell an ein jüdisches Publikum gerichtet, arbeitet die Organisation auch mit Diplomat:innen, Politiker:innen und offiziellen Stellen zusammen. Und Gastgeber:innen weltweit laden auch Nachbar:innen und Kolleg:innen ein, die nicht unbedingt jüdisch sind. „Angeführt wird die Initiative von den jüdischen Communitys. Sie ist aber für alle offen. In Österreich unterstützen uns Freiwillige und die israelische Botschaft, aber wir denken, dass es da noch ein größeres Potenzial gibt, denn es ist ein wichtiger Platz für uns.“

Interessierten Gastgeber:innen werden Host Kits und Online-Trainingseinheiten angeboten. „Man muss nur Teil dieser Tradition werden wollen. Du öffnest dein Heim und dein Herz.“

Ursprünglich nur zum Yom HaShoa gedacht, versucht man nun auch zu anderen historischen Daten wie dem Novemberpogrom oder zum Internationalen Holocaust-Gedenktag Events zu etablieren, um vermehrt öffentliche Aufmerksamkeit zu erreichen, „und wenn jemand außerhalb davon einen Salon machen möchte, geht das natürlich auch“.

Seit dem 7. Oktober 2023 und dem ansteigenden Antisemitismus in dessen Folge hat sich auch für ZbS außerhalb Israels viel verändert. So mussten einige an deutschen Unis geplante Veranstaltungen abgesagt werden, weil die Universitäten nicht für die Sicherheit der jüdischen Student:innen oder der Zeitzeug:innen garantieren konnten. „Natürlich spüren wir Spannungen – und manchmal auch die Angst, mit den Events an die Öffentlichkeit zu gehen. Und wir sind viel vorsichtiger mit den Informationen und den Locations geworden. Beängstigend ist nach dem 7. Oktober der verzerrende Vergleich mit der Shoah, die „Holocaust Distortion“, die enorm zugenommen hat. Umso wichtiger ist die Arbeit von ZbS, um die tiefere Bedeutung und die Singularität des Holocaust zu vermitteln. Entdeckt haben wir nach dem 7. Oktober aber auch, dass nicht nur Traumata weitergegeben werden können, sondern auch Resilienz. Die Überlebenden sind das beste Beispiel dafür, wie wir überstehen, wie wir Kraft finden und nach vorne blicken können.“

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