„Man braucht nicht nachdenken über, was ist nicht zu ändern“

Für alles gibt es ein erstes Mal – aber auch ein letztes! In dieser Ausgabe berichtet der Autor Peter Menasse über die lebensrettende Entschiedenheit seiner Großmutter und einen maßgeschneiderten Anzug, der niemals getragen wurde.

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©privat

Peter Menasse ist Kommunikationsberater, Journalist,
Autor – und der Enkelsohn von Ella Schapira (1897–1990).
Zusammen mit seiner Cousine Helen Liesl Krag erzählt er in seinem neuen Buch die Lebensgeschichte dieser außergewöhnlichen, selbstständigen und starken Frau, die es in ihrem Leben auf vier Sprachen, sechs Familiennamen und ein modernes Leben brachte. Hineingeboren in eine religiöse (chassidische) osteuropäisch-jüdische Familie musste Ella Schapira mehrfach unfreiwillig aufbrechen – von Tarnopol in der heutigen Ukraine nach Wien und in den 1930er-Jahren von Wien nach England – und sich jedes Mal mit dem neuen Leben und einer neuen Kultur arrangieren.

Das letzte Mal, …

dass ich vor meine Großmutter den Hut gezogen habe, war …
… wenige Monate vor ihrem Tod bei einem Besuch in London. Wir machten einen kurzen Spaziergang, sie auf meinen Arm gestützt, mit langsamen Schritten. „Ich habe genug“, sagte sie, „ich brauche nicht mehr.“ Sie hatte beschlossen, dass es zu Ende gehen sollte. Sie hatte es selbst beschlossen, wie sie immer alles in ihrem Leben vorausschauend und klug beschlossen hatte.

Das letzte Mal, dass ich von meiner Großmutter etwas gelernt habe, war …
… bei den Arbeiten zum Buch Ella Schapira vor wenigen Monaten. Wenn ich mir ihre Entschlossenheit vergegenwärtige, ihre strategischen Entscheidungen, die sie unter anderem immer im richtigen Moment flüchten ließ, bewundere ich sie bis heute. Sie hat im Krieg vielen Menschen geholfen, um zu englischen Aufenthaltsgenehmigungen zu kommen. Damit hat sie nie geprahlt. Sie war und bleibt ein Vorbild.

Das letzte Mal, dass ich dachte: „Gut, dass meine Großmutter das nicht mehr erleben muss“, war …
Das war kein weltpolitisches Ereignis, denn das hätte sie ausgeblendet. Im hohen Alter galt ihr Fokus mehr und mehr der Familie. Darum war es gut, dass sie den Tod ihres Sohnes Oskar und ihrer älteren Tochter Franzi nicht erleben musste. Sie hätte es wohl so ausgedrückt: „Es soll nicht das Kind vor der Mutter sterben.“

Helen Liesl Krag, Peter Menasse: Ella Schapira (1897–1990). Lebensgeschichte einer jüdischen Kleidermacherin. Böhlau 2020, 207 S., € 22,99

Das letzte Mal, dass ich dachte: „Schade, dass meine Großmutter das jetzt nicht sieht“, war …
… die große Bewunderung, die alle Zuhörerinnen und Zuhörer erfasste, als bei der Buchpräsentation im Jüdischen Museum Burgschauspieler Robert Reinagl ihre Sprache und ihr Schicksal lebendig werden ließ. Wer von ihr erfährt und über sie liest, ist tief beeindruckt von so viel Lebensweisheit und menschlicher Größe.

Das letzte Mal, dass ich mir ein Kleidungsstück anfertigen habe lassen, war …
… vor Jahrzehnten. Da hat mir eine liebe Freundin, Kleidermacherin in Deutschland, einen Anzug angefertigt. Aber irgendwie haben wir aneinander vorbeigeredet. Das Resultat war ein wunderschönes Stück, das ich nie getragen habe. Aber was soll’s. Oma hätte vermutlich gesagt: „Man braucht nicht nachdenken über, was ist nicht zu ändern.“

 

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