„Man ist der Heldengeschichten müde“‏

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Den Vornamen Schulamit hat sich die studierte Judaistin ebenso selbst gewählt wie ihr religiöses Leben, in das sie nicht hineingeboren wurde. Nach ihrem Debütroman ohnegrund, der näher an ihrer Biografie war, hat sich Schulamit Meixner mit ihrem neuen Buch Bleibergs Entscheidung zeitlich und örtlich davon entfernt. Warum, das erklärt die Autorin in einem Gespräch mit Anita Pollak.

WINA: Wie sind Sie an die historisch grundierte Liebesgeschichte Ihres neuen Romans gekommen?

Schulamit Meixner: Ich hatte einen Traum, dass zwei junge Liebende an der Mole von Triest voneinander Abschied nehmen. Von diesem Bild ausgehend, habe ich dann mit dem Hintergrund des Widerstands gegen Hitler die Handlung konstruiert. Sehr bald bin ich auf die Geschichte der jüdischen Fallschirmspringer in der britischen Armee und die jugoslawischen Partisanen gestoßen und habe mich dann darauf konzentriert.

„Das religiöse Leben gibt uns Geborgenheit und hält die Familie zusammen.“

Der zeitgeschichtliche Hintergrund ist sehr gut ausgeleuchtet, im Anhang weisen Sie auch auf „die wahren Helden“ hin. Sind diese die historischen Vorbilder Ihrer Charaktere?

❙ Nein, die einzige, bei der das zutrifft, ist die bekannte Figur der ungarischen Widerstandskämpferin Hanna Szenes, die aber nicht direkt auftritt. Für die Biografien der anderen Figuren gibt es keine realen Vorbilder.

Wie und wo haben Sie die Fakten recherchiert? Sie bedanken sich ja auch bei Ari Rath, wie viel von seiner Geschichte ist da eingeflossen?

❙ Ich habe einerseits Gespräche mit Zeitzeugen geführt, Autobiografien gelesen und viel im Internet recherchiert, das war meine wichtigste Quelle. Der Anfang des Romans, als Leopold Bleiberg Wien verlässt, geht auf die Geschichte von Ari Rath zurück, die er mir erzählt hat.

Sie thematisieren ein hierzulande weniger bekanntes Kapitel des Zweiten Weltkrieges, aber auch das harte Training der jungen Einwanderer in paramilitärischen Organisationen. Ist das in Israel besser bekannt und wie wird das dort gesehen?

❙ Davon weiß man sicher einiges, aber die Geschichte der Fallschirmspringer ist über die von Hanna Szenes hinaus gehend weitgehend unbekannt. Auch ein historisches Ereignis, der Flugzeugabsturz im Kibbuz Maagan im Juli 1954, bei dem es viele Opfer gab, wird völlig ausgeblendet, obwohl es da noch viele Zeitzeugen geben muss, z. B. war auch Ari Rath damals dabei.

In mehreren Romanen der letzten Zeit ist eine Entmythisierung der Gründungsgeschichte des Staates und der heroisierten Anfänge zu beobachten. Glauben Sie, dass jetzt einfach die Zeit dafür reif ist?

❙ Ja, wahrscheinlich. Man ist auch der Heldengeschichten müde und will daraus nicht länger die Rechtfertigung für die vielen Kriege zu ziehen. Es ist auch eine gewisse Ratlosigkeit da. Anfänglich waren diese Mythen aber sicher notwendig.

Sie schildern ziemlich schonungslos, wie junge Einwanderer geschunden wurden, und gerade an der Figur Bleibergs, dass viele keine wirklich emotionale Beziehung zum Staat aufbauen konnten. Gab es da Modelle dafür?

❙ Das kann man sicher nicht generalisieren, viele waren Idea-listen, ich wollte aber darauf hinweisen, dass nicht für alle ausschließlich der Zionismus Lebensinhalt war. Tatsächlich war es aber für viele Kinder, die aus Europa kamen, ganz, ganz schwer. Sie sind aus ihrer Umgebung, ihren Familien gerissen worden, und nicht alle haben freiwillig und freudig am Aufbau mitgewirkt.

Wie wichtig war Ihnen denn beim Schreiben die fiktive Liebesgeschichte im Verhältnis zur Zeitgeschichte?

❙ Die emotionale Ebene war mir am wichtigsten. Mich hat immer sehr fasziniert, dass die inneren Konflikte sogar bei lebensbedrohlichen Situationen noch schlimmer sein können. Das haben mir viele Menschen erzählt.

Zu Ihnen persönlich: Sie haben Judaistik studiert und jüdische Geschichte gelehrt, wie sind Sie zum Schreiben von Romanen gekommen?

❙ Geschrieben habe ich immer schon sehr viel, Gedichte, Kurzgeschichten und Theaterstücke. Dann habe ich das aber berufsbedingt vernachlässigen müssen, und erst als ich in London mehr Zeit hatte, habe ich meinen ersten Roman begonnen.

Sie leben vor allem in Wien, aber auch in London und Hohenems. Wie das?

❙ Meine Eltern leben in Vorarlberg, ich bin dort zur Schule gegangen, und wir haben uns vor Kurzem in Hohenems auch eine Wohnung gemietet. Ich stamme aus einer klassisch österreichischen gemischten Familie, böhmisch, italienisch, jüdisch. Ich habe zwei italienische Großmütter, eine jüdisch, eine nicht jüdisch. Meine Identität war aber immer eindeutig jüdisch. Auch für meine drei Kinder.

Warum haben Sie sich zu einem orthodoxen Leben entschlossen? Auf dem Foto am Cover des Romans tragen Sie ja sogar einen Scheitel, jetzt aber nicht.

❙ Orthodox ist ein großes Wort, aber wir sind „Schomer Shabbat“ und halten koscher. In der Synagoge einen Scheitel zu tragen, ist in London nicht ungewöhnlich, aber ich glaube, dass er jetzt nicht mehr zu mir passt. Das religiöse Leben gibt uns Geborgenheit und hält die Familie zusammen. Einen traditionellen Rahmen zu haben und diesen auch den Kindern weiterzugeben, finde ich gut.

Schulamit Meixner wurde 1968 geboren. Sie studierte Judaistik und Theaterwissenschaft in Wien, war wissenschaftliche Mitarbeiterin im Jüdischen Museum Wien und unterrichtete daneben jüdische Geschichte an einem Gymnasium und in der Erwachsenenbildung. Seit 2006 lebt sie mit ihrer Familie in London. 2012 erschien im Picus Verlag ihr Roman ohnegrund, 2015 Bleibergs Entscheidung.

Bild: © AnnABlaU

„BLEIBERGS ENTSCHEIDUNG“‏

Schulamit  Meixner:  Bleibergs  Entscheidung. Roman. Picus  Verlag 2015, 180 S., € 19,90
Schulamit Meixner:
Bleibergs Entscheidung.
Roman. Picus
Verlag 2015, 180 S., € 19,90

Leopold Bleiberg hat Glück gehabt. Der 13-jährige Halbwaise kann 1938 mit einem Jugendtransport aus dem nationalsozialistischen Wien entfliehen und „Alija“ ins damalige Palästina machen. Dass dieser „Aufstieg“ ein schwieriger und harter war, auch davon handelt diese Geschichte, die ein fiktives Schicksal in einen größtenteils authentischen Zeitrahmen bettet.

Heimat gab es gerade mal so viel, dass man Heimweh danach empfinden konnte.

Nur einige Jahre älter ist Ofra, die Begleiterin des Kindertransports, doch schon vor der Einschiffung im Hafen von Triest muss Leopold mitansehen, dass die Angebetete bereits die Geliebte eines zionistischen Funktionärs ist. Seine Liebe zu Ofra wird Leopold die nächsten fünfzehn Jahre durch sein neues Leben und den Krieg begleiten und seine Entscheidungen beeinflussen und doch, daran lässt die Autorin von der ersten Szene an keinen Zweifel, eine tragisch hoffnungslose bleiben.

Diese Liebesgeschichte, die im hochsommerlichen Tel Aviv des Jahres 1954 ihr Ende findet, ist vor allem deshalb eine lesenswerte, weil darin die dramatischen Jahre, die sie umspannt, aus einem ganz ungewöhnlichen Blickwinkel gesehen werden.

Schraga heißt Ofras Mops, und weil Leopold kein Name für einen zukünftigen Kibbuznik ist, beschließt Ofra, dass auch ihr „kleiner Lichtstrahl“ fortan so genannt werden soll. Schraga durchläuft das Programm für die zionistische Erziehung junger Einwanderer und anschließend ein paramilitärisches Training, während Ofra wieder nach Wien geht, um weitere Kinder zu retten.

Harte, einsame Jahre ohne Nachrichten von den zurückgelassenen Eltern werden Schraga und seinen jungen Freunden zugemutet. Auch diese Schattenseiten der später oft verklärten Pionierzeiten des Landes beleuchtet die Autorin am Beispiel von Schragas Schicksal, das sich mit seiner Entscheidung zuspitzt, als Fallschirmspringer der britischen Armee an der Seite von Titos Partisanen möglichst viele Juden zu retten. So lautet sein Auftrag. Dabei vielleicht auch auf die verschollene Ofra zu treffen, ist sein privates Motiv für den heroischen Entschluss.

Hier wird die Erzählung am interessantesten, hier geraten die Hintergrundrecherchen in den Vordergrund, hier erfährt man viel von einem eher unbekannten Kapitel der jüdischen Widerstandsbewegung. Die meisten Fallschirmspringer waren Emigranten und kamen wiederum in Nazi-Deutschland, aus dem sie entflohen waren, auf ihrer Mission zu Tode. Diesen „wahren Helden“ errichtet Meixner mit ihren fiktiven Figuren ein literarisches Denkmal. Doch nicht für alle Überlebenden ist der junge Staat, an dessen Aufbau sie Teil hatten, letztlich Heimat geworden, eine Erfahrung, die Leopold als Schraga machen musste: Heimat gab es gerade mal so viel, dass man Heimweh danach empfinden konnte. A. P.

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