„Man kann fast die Mundpropaganda spüren“

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© Privatbesitz Christopher Wentworth-Stanley
© Privatbesitz Christopher Wentworth-Stanley

Eine Gedenktafel in der Christ Church in der Wiener Jauresgasse erinnert seit Kurzem an eine spektakuläre Rettungsaktion in den Monaten nach dem „Anschluss“: Zwei anglikanische Priester tauften zwischen März und September 1938 an die 1.800 Jüdinnen und Juden. Nur rund 100 von ihnen überlebten den NS-Terror nicht.
Von Alexia Weiss

Sir John Charles Burgh verstarb vergangenen April. 1925 in Wien als Karl Hans Schweinburg geboren, machte er in Großbritannien eindrucksvoll Karriere: Viele Jahre stand er dem British Council als Generaldirektor vor, von 1987 bis 1996 war er President des Trinity College in Oxford. Sein langes Leben verdankte er vermutlich einem Stück Papier, ausgestellt von der Christ Church in Wien: seinem Taufschein. Vielen Flüchtlingen erleichterte ein solcher die Ausreise aus Österreich, manchen auch die Einreise nach England.

Nicht zufällig wurde die Gedenktafel heuer, im Erinnerungsjahr an die Umwälzungen in Österreich vor 75 Jahren, angebracht, erklärt der heutige Priester der Christ Church, Patrick Curran. Die Idee dazu gebe es schon seit Jahren, nachdem sich um 2000 der damalige Pfarrer nach Hinweisen von älteren Mitgliedern der bis heute sehr lebendigen Community die in der Sakristei gelagerten Taufbücher einmal genauer angesehen hatte. Gab es normalerweise ein paar Dutzend Taufen pro Jahr, wurden 1938 an die 1.800 eingetragen.

Gab es normalerweise ein paar Dutzend Taufen pro Jahr, wurden 1938 an die 1.800 eingetragen.

Der britische Historiker Giles MacDonogh und der in Wien lebende Christopher Wentworth-Stanley, selbst Mitglied der Christ-Church-Gemeinde, starteten daraufhin intensive Recherchen. „Wir wollten möglichst viele Fakten wissen“, betont Curran.

Christopher Wentworth-Stanley: intensive Recherchen zu der gesteigerten Tauftätigkeit. © Privatbesitz Christopher Wentworth-Stanley
Christopher Wentworth-Stanley: intensive Recherchen zu der gesteigerten Tauftätigkeit.

Die Story, die zu Tage trat, ist denn auch mehr als spannend: Reverend Hugh Grimes, der als persönlicher Kap­lan des britischen Botschafters Diplomatenstatus inne hatte, begann kurz nach dem „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland, Juden zu taufen. Zunächst waren es vier, fünf in der Woche, erzählt Wentworth-Stanley. „Aber später merkt man ganz deutlich, es werden mehr, es gibt verschiedene Handschriften, es wird ausgestrichen, ergänzt. Da wurde es ganz offensichtlich sehr dringend, so viele wie möglich zu taufen.“

Im Sommer 1938 wurde Grimes von der Kirchenführung zurück nach England beordert und Frederick Collard nach Wien entsandt. Er war zu diesem Zeitpunkt bereits 69 Jahre alt und erst wenige Jahre zuvor zum Priester geweiht worden. Er setzte Grimes Werk unermüdlich fort: Von ihm erhielten bis September 1938 870 Jüdinnen und Juden das Sakrament der Taufe. Sowohl Grimes als auch Collard ging es hier nicht vorrangig darum, Mitglieder für ihre Kirche zu gewinnen – sie wollten helfen, betont Wentworth-Stanley.

Die Nationalsozialisten hatten die Vorgänge in der Jauresgasse stets im Blickfeld. Ihnen stießen allerdings wohl weniger die Taufen sauer auf (damals war eine freiwillige Ausreise von Juden ja mehr als erwünscht) als vielmehr die Geheimdiensttätigkeit der Briten.

Geheimdienstaktivitäten

Im britischen Konsulat in der Walfischgasse logierte auch ein Passport Control Office. Nach dem Ersten Weltkrieg waren diese von den Briten in vielen Ländern errichtet worden, um zu verhindern, dass Bolschewiken nach England gelangten, erläutert Wentworth-Stanley. Mit der Zeit wurden aus ihnen aber Posten des Geheimdiensts. „Die Geschichte der Rettung von Juden ist also auch mit einer großen Spionagegeschichte verbunden“, so der Brite.

„Die Geschichte der Rettung von Juden ist also auch mit einer großen Spionagegeschichte verbunden.“ C. Wentworth-Stanley

Es gab nämlich eine Verbindung zwischen der Kirche und dem Passport Control Office: den Mesner Siegfried Richter. Der Wiener Jude war zum Christentum konvertiert und vor dem Ersten Weltkrieg britischer Staatsbürger geworden. Da er im Krieg allerdings für Österreich kämpfte, wurde ihm die Staatsbürgerschaft wieder aberkannt – was ihn schlussendlich sein Leben gekostet haben dürfte. Er stellte in der Spionagegeschichte „the weakest link“ (das schwächste Glied) dar, schildert Wentworth-Stanley. Seine genaue Rolle ist bis heute nicht klar, doch wird vermutet, dass er für die Vermittlung von Taufen Geld genommen haben könnte. Selbst Grimes habe ihn als „slippery character“ bezeichnet, so Wentworth-Stanley.

Richter wurde jedenfalls von den Nazis auf dem Weg in die Freudenau festgenommen und hatte zu diesem Zeitpunkt mehrere tausend Reichsmark in der Tasche. Im Verhör gab er zu, für den britischen Geheimdienst zu arbeiten. Wenig später wurde der Leiter des Wiener Passport Control Office, Thomas Kendrick, ebenfalls verhaftet und im berüchtigten Hotel Metropol verhört.

Kindertransporte nach England

Großbritannien beorderte ihn nach seiner Freilassung umgehend zurück – doch der Schaden, der angerichtet war, offenbarte sich erst nach Kriegsende. Dann nämlich, als in einer Schreibtischschublade des Adjutanten von Walter Friedrich Schellenberg, der in der SS rasch hochgeklettert war und schließlich als Chef des Nazi-Geheimdiensts fungierte, detaillierteste Aufzeichnungen zur Vorbereitung auf eine Invasion Englands auftauchten.

Der Priester Hugh Grimes begann kurz nach dem „Anschluss“, Juden zu taufen. © Privatbesitz Christopher Wentworth-Stanley
Der Priester Hugh Grimes begann kurz nach dem „Anschluss“,
Juden zu taufen.

Kendrick, Grimes, schließlich auch Collard: Sie alle konnten Österreich verlassen. Richter allerdings wurde vom Volksgerichtshof wegen Beihilfe zur Spionage zu zwölf Jahren Zuchthaus verurteilt und schließlich in Auschwitz ermordet.

Den meisten der Jüdinnen und Juden, die von Grimes oder Collard getauft worden waren, darunter 250 Kinder, die schließlich mit einem Kindertransport nach England gelangten, blieb dieses Schicksal erspart. Was Wentworth-Stanley bei der Recherche, bei der einerseits die Matrikenbücher in der Kultusgemeinde, andererseits die Daten des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands (DÖW) als Hauptquellen dienten, besonders faszinierte, war das Netzwerk, das sich hier offenbarte.

Es waren zumeist weitgehend assimilierte, anglophile Wiener Juden, welche die Hilfe von Grimes und Collard in Anspruch nahmen. Als der Historiker Georg Gaugusch, spezialisiert auf jüdische Familiengeschichten vor der Schoa, einen Blick in die Taufbücher gemacht habe, habe er sofort die Verbindungen zwischen den Namen gesehen, erzählt Wentworth-Stanley. „Man kann teilweise nachvollziehen, wie die Leute durch wen hinkamen. Man kann fast die Mundpropaganda spüren, wie sich das
abgespielt hat.“

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